Mittwoch den 3. chkioLer
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1906 — Ur. 145
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Im Wanne des Geßeimnisses.
Roman von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verbotet. ‘T (Fortsetzung.)
„Ich kann tausendmal etwas verlangen", sagte er, „und bekomme es nie; was Werner haben will, hat er gleich."
Die einzige Antwort seiner Mutter war ein Seufzer. Sie wußte sehr wohl, wie das war.
An diesem ereignisreichen Morgen kamen beide Knaben aus der Schule nach Hanse und erklärten, sie müßten eine neue und ziemlich kostspielige Weltgeschichte haben. Werner ging zuerst zu seiner Mutter und sagte ihr, was er haben müsse.
„Du sollst es gleich haben", versetzte sie.
Dann kam Jack mit derselben Geschichte.
„Ich will sehen, will sehen", erwiderte sie, und alsobald geriet Jack in wütenden Zorn.
„Es ist immer dasselbe — Werner kriegt alles; ich nichts! Warte aber nur, bis ich ihn draußen habe; ich will's ihm eintränken! Ich will ihn . scherwenzeln und sich einschmeicheln lehren."
Mrs. Jefferies blickte unruhig' auf. „Du wirst doch wohl nicht so böse sein und deinem Bruder weh tun wollen, Jack! Du bist so groß und stark, und er so schwächlich."
„Ihm nicht weh tun wollen!" höhnte er. „Warte bloß, Mutter, daß ich ihn draußen kriege; er soll an seine neue Weltgeschichte denken — das heißt, wenn ich nicht auch meine kriege."
„Du sollst deine heute haben, aber cs betrübt mich, dich so böse und zornige Reden führen zu hören."
„Richt, daß ich auf Weltgeschichte etwas gäbe", fuhr Jack offenherzig fort, „ich hasse sic. Wenn's nach mir ginge, würde ich den Königen allen den Kopf abschlagen. Wozu sind sie nütze? Aber du weißt, daß ich Werner nicht über mir sitzen haben will; ich bin der Aelteste, und ich will mein Recht haben."
„Ich wüßte nicht, daß der Aelteste überhaupt ein Recht hat", sagte Mrs. Jefferies.
„O, wohl hat er das, gewiß! Die ältesten Söhne von all diesen alten Königen folgten auf deni Throne. Wenn du stürbest, so gehörte mir alles hier im Hause. Ich müßte von allem das Erste und Beste haben, statt dessen aber ist es immer Werner; man sollte glauben, Werner wäre ein Edelmann und ich sein Knecht!"
„O Jack, wie unwahr, wie ungerecht", und das Mutterherz regte sich bei dieser Klage. „Du weißt, ich habe dich am liebsten!"
„Das mußt du auch. Weißt du, Dr. Cloth sagte neulich selbst: Merkwürdig, Werner ist so ganz anders wie die anderen Jungens."
„So, das sagte Dr. Cloth wirklich?" fragte Mrs. Jefferies, und ihr Gesicht wurde rot.
„Ja, sicher, ober das sagte er leise zu einem andern Lehrer, Walk, weißt Du, in der Spielpause, ich sollte es nicht hören, aber ich hab' es doch wohl gehört, hä?" Und Jack lachte bei der Erinnerung an sein gelungenes Horchen und fuhr dann fort:
„Ja, und die anderen nennen ihn „Gentleman Jefferies", weil er so vornehme Manieren hat. Warum bin ich nicht so wie er, Mutter?"
„Ich weiß es nicht, Gott hat jeden anders erschaffen; eS wäre nicht gut, wenn alle einander gleich wären, Jack,"
„Neulich, als wir zur Kirche gingen", erzählte Jack weiter, „begegneten wir Squire Wyngard mit seiner Frau; er blieb stehen und sprach uns an. Du wirst mal ein tüchtiger Metzger, mein Kleiner, sagte er zu mir, und seine Frau lachte. Sie klopfte Werner auf den Kopf. „Dieser Kleine hier muß ein Dichter oder Maler sein", sagte sie leise zu ihm, „sich' ihn nur an!" Nun sich, Mutter, ich glaube nicht, daß cs recht ist, den einen Jungen Metzger und den andern Maler zu nennen. Warum sehe ich nicht auch wie ein Maler aus?"
„Ich weiß cs nicht", versetzte die verwirrte Mutter. „Du fragst mich zu viel, Jack."
„Nicht", fuhr der freimütige Jüngling in seinem Gedankengange fort, „daß ich von Dichtern und Malern auch nur etwas mehr halte, wie von Königen; ich würde ihnen allen zusammen die Köpfe abschlagcn."
„Jack, Jack, du mußt nicht so sprechen; du machst mir sehr viel Verdruß!"
Alsdann bcgab Meister Jack sich hinaus, um Werner aufzusuchen, der draußen.int Garlen saß und las, und um seinem bedrückten Gemüt durch eine Reihe wohlgczielter Püffe und Knüffe gegen den Jüngeren Luft zu machen.
„Ich schlage mich nicht wieder mit dir", sagte Werner schließlich, auch in Hitze geratend, „weil ich Mutter versprochen habe, ich wollte es nicht wieder tun; aber wenn du mich jetzt nicht in Ruhe läßt, so gehe iey und verlange mein Versprechen zurück, und dann sollst du sehen —"
Meister Jack, der vorlängst erst in einem brüderlichen Zweikampf üble Erfahrungen gemacht, hielt es für das Klügste, seine Tätlichkeiten einzustcllen.
„Ich kriege auch eine neue Weltgeschichte, gerade so gut wie du, du Schwänzlcr. Du sollst jetzt nicht länger bei allem der Erste sein, Mutter hat's gesagt."


