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„Du kannst aber doch Nicht verlangen, daß ich . .
mit dein Dampser hin- nnd herfährst. Nein, hörst Du Friedel! Es ist fast unglanblich, wie wenig Du mich noch immer kennst. Ms ob ich nicht wüßte, wie unbequem d i e Fahrerei ist. Mit den schaukelnden, Wind, Wetter und Wellen preisgegebenen Dampfern soll ich Dich in der Sommerhitze täglich zweimal fahren lassen? Nein, mein Freund! Du wirst mit der Eisenbahn fahren! Das wird übrigens schon aus dem Grunde vorteilhaft sein, daß Du, mit mehreren Geschäftsleuten in einem CoupZ sitzend, Gelegenheit finden wirst, auch während des Hinaus- und Hereinfahrens Geschäfte machen zu können, ganz abgesehen davon, daß Du die mitznbringendcn Pakete stets auf das oberhalb Deines Sitzes befindliche Paketbord (welches vorher ordentlich abzustäuben Du gefälligst nicht vergessen wirst), hinlegen kannst, somit alles beisammen hast und nicht zu befürchten brauchst, daß Dir ein oder das andere Paket ins Wasser fällt. Auch gibst Du wohl zu, daß das täglich zweimalige Fahren auf der Eisenbahn den Appetit sehr anregt, so daß ich Dir wahrscheinlich eine Semmel mehr werde mitgeben müssen. Mlerdings wirst Du — mit Rücksicht auf mein Küchenbudget — auf die Butter verzichten müssen; freilich, wenn Du Dich etwas mehr anstrengeu wolltest. . ."
„Aber liebes Herz, wo in aller Welt soll ich denn . . ." die Wohnung aufnehmen? Ja, wenn ich auf Dich warten sollte! Aber beruhige Dich. Du sollst sehen, daß ich es gar nicht darauf ankommcn lasse. Du brauchst Dich denn auch gar nicht zu bemühen, denn ich habe die Wohnung schon vorgestern in Kaiser-Ebersdorf ausgenommen, und zwar billig; sie kostet bloß vierhundert Mark, so daß von den restlichen hundert Mark die sonstigen Ausgaben, wie Möbeltransport, Dein Eisenbahnabonnement und so weiter, sehr gut bestritten werden können. Wohl hätte ich den Ponhwagen, den ich gleichzeitig für jeden Mittwoch nachmittag mietete, sehr gern für alle Tage bestellt; leider kann ich aber an mich selbst nur in letzter Reihe denken und muß vorlieb nehmen mit dem, was übrig bleibt, nachdem für die Bedürfnisse und Bequemlichkeit Deiner Person (um deren Erholung es sich ja vor allem handelt) bereits gesorgt ist. Freilich möchte ab und zu mal auch ich eine Annehmlichkeit, eine Zerstreuung haben, könnte sie auch haben, wenn Du Dich etwas mehr anstrengen wolltest, um mehr zu verdienen. Hoffentlich wirst. Du aber jetzt, nachdem Du siehst, wie sehr ich mich bemühe, ja mir sogar Entbehrungen auferlege, nur um für Dich, für Dein Wohlbefinden sorgen zu können, nuch Deinerseits trachten. Gleiches mit Gleichem zu vergelten."
„Aber liebes Herz, so lasse mich doch . . . ."
. den Möbelwagen besorgen? Auch verspätet, wie gewöhnlich. Den habe ich gestern schon bestellt und — da kommt er gerade." -----
2. D i e U e b e r s i e d e l u n g.
„Also Friedel", sprach Frau Mathilde, nachdem der Möbelwagen vor dem Hause angelangt war, „jetzt schau zu, daß Du meine Aufträge rasch und anständig besorgst. Inzwischen lasse ich die Möbel verladen und fahre dann mit dem Dienstmädchen nach Kaiser-Ebersdorf, wo der Möbelwagen spätestens um 6 Uhr abends eintreffen wird. Selbstverständlich mußt Du bis dahin auch schon draußen sein, um die Betten und die sonstigen zerlegten Möbel zusammenzustellen und gleich auf den Platz zu rücken. Im Vorübergehen kannst Du gleich auch die Wäscherin für Mittwoch hinausbestellen. Was Du der Schneiderin zu sagen hast, weißt Du hoffentlich noch: Rüsche und gezogener Volant aus fraisfarbiger Seide und unbedingt Sonntag vormittag abliefern, sonst kann sie das Kleid behalten. Ja, und daß Du mir die Tennisschuhe und den Panamahut und überhaupt nichts vergißt und daß, Du rechtzeitig hinauskommst!"
Froh, endlich entlassen zu sein, empfiehlt sich Herr Schlapp und macht sich, mit dem Notizbuch in der Hand, auf den Weg, während Frau Mathilde in die Zimmer zurücksegelt, um bezüglich des Ausräumens und Verladens der Möbel Anordnungen zu treffen. Zu ihrer sehr unangenehinen Ueberraschung erfährt sie aber nach kaum einer halben Stunde, daß der Möbelwagen schon ganz voll sei und das inzwischen in Kisten verpackte Küchengeschirr, Service usw. nicht mehr aufgeladen werden könne. Resolut, wie sie ist, hilft sich Frau Schlapp schnell. Sie geht ans Telephon und bestellt sofort einen Rollwagen, der auch in kürzester Zeit eintrifft. Auf den wird das Küchenmobiliar — um die Zeitversäumnis einzuholen — rasch, und wohl aus diesem Grunde, mit etwas weniger Sorgfalt verladen und — man los! .„Pünktlich, wie ihm anbefohlen, trifft Herr Schlapp um 6 Uhr abends in Kaiser-Ebersdorf ein. Er muß eine sehr angenehme Reise. gemacht haben, denn derjenige Teil seines Gesichtes, den die in seinen Händen aufgetürmten Pakete und Schachteln frei lassen, strahlt vor Heiterkeit, ganz im Gegenteil zu Frau Mathilde, die sich sehr ungnädig zeigt, weil die Möbel wider Erwarten noch immer nicht angekommen sind. Um ihren Mißmut zu vertreiben, unternimmt es Herr Schlapp, den Grund seiner Heiterkeit ju. erklären.
passierten wir eine Ueberfahrtsstelle", beginnt Herr Schlapp, „als plötzlich einer der Mitreisenden, der zum Waggon- Wch.br hinausblickte, mit einem lauten „Hallo!" in helles Gelächter ausbrach. Nicht ohne Grund. Kurz vorher war ein Möbelwagen und knapp hinter demselben ein Rollwagen über
das Gleise gefahren. Durch das Pfauchen der Lokomotive erschreckt, scheuten die Pferde des Rollwagens, sprangen zur Seite iind — „Pardautz!", da lag die ganze Ladung auch schon im Chausseegrabeu. Ein ganzes Chaos von Tellern, Schüsseln, Töpfen, Gläsern und Pfannen rollte und purzelte klirrend und berstend wild durcheinander; speziell ein großer Blechtopf, der auf einen Stein aufgefallen sein muß und wie ein Gummiball in die Höhe schnellte,, nm dann mit wahrem Theaterdonner mitten zwischen das Glasgeschirr hineinzufahren, erregte wahre Lachsalven."
Unter der Nachwirkung der soeben geschilderten Tragikomödie kann Herr Schlapp nicht umhin, noch einmal herzlichst aufzulachen. Der komische Unfall wirkt so erheiternd auf ihn, daß er (ohne Ahnung, daß seine Frau nachträglich auch einen Rollwagen bestellte) gar nicht bemerkt, !vie die Züge seiner Gemahlin sich immer mehr verfinstern. Eben will er mit der Schilderung der effektvollen Wirkung des Blechtopf-Saltomortales beginnen, da ertönt von der Straße herauf das Gedröhne eines Lastfuhrwerkes. Der Möbelwagen ist angekommen!
Wie von einer Tarantel gestochen fliegt Frau Mathilde ans offene Fenster und führt den soeben vom Bocke steigenden Kutscher mit der gellenden Frage an:
„Und der andere?"
Mit verschmitzt schelmischen Lächeln ruft der Biedere in ruhiger Gelassenheit:
„Der kummt a bissel spader, bis er's G'schirr aus'm Graben z'sammklaubt hat."
„Und dazu hast Du gelacht?" wendet sich Frau Mathilde mit blitzenden Augen zu ihrem tote versteinert dastehenden Gatten, in dessen Kopfe der Zusammenhang zu dämmern beginnt.
O Schlapp, Schlapp! Wie wird das enden?---
3. Der Affe.
Behaglich zurückgelehnt sitzt Herr Fridolin Schlapp in einem Abteil dritter Klasse. In sröhlichster Stimmung führt er nach Ebersdorf hinaus; hat er doch nicht nur sämtliche Aufträge seiner Frau Gemahlin gewissenhaft besorgt, sondern auch die Zusicherung des Geschirrhändlers erhalten, daß der Ersatz alt der Gläser, Töpfe, Teller nsw., die anläßlich des unglücklichen Uebersicdelns in Brüche nnd Scherben gingen, schon am Nachmittage abgeliefert wurden. Er ist also auf einen sehr liebenswürdigen Empfang gefaßt, ä conto dessen er mit einem lauten „Guteu Abend, Schatz" in den Salon eintritt. Wider alles Erwarten wird aber sein freundlicher Gruß von Frau Mathilde nicht erwidert. Im Gegenteil; sie bleibt wortlos sitzen, ja, sie legt sogar den Zeigefinger auf den Mund, zum Zeichen dessen, daß sie nicht nur selbst nicht sprechen will, sondern sogar wünscht, daß auch Herr Schlapp sich ruhig Verhalten möge.
Verdutzt bleibt Herr Schlapp bei der Tür stehen, dann tritt er behutsam zu seiner Frau hin nnd fragt im Flüstertöne:
„Was hast Du denn?"
„Leise!" antwortet Frau Mathilde, kaum hörbar.
„Ist ein Kranker int Hause?"
„Nein."
„Nicht? Weshalb daun das Mispeln?"
„Siehst Du denn nicht?"
„Was denn?"
„Dort in der Ecke!"
„In der Ecke!"
„Ja."
„Was ist denn dort in der Ecke?"
„Der Affe!"
„Der A—affe ? Welcher Asse?"
„Na der Affe, den ich heute gekauft habe."
„Einen Affen hast Du gekauft?"
„Du hörst ja doch."
„So? Und was ist's denn mit dem Affen?"
„Siehst Du denn nicht, daß er schläft?" „Schläft?" „Ja doch!"
„Na und......?"
„Sprich nicht so viel, Du weckst ihn noch aus dem Schlafe."
„Ich den Affen?"
„Freilich."
„Aber liebes Herz. . ."
„Da hat ntan's. Jetzt hat er das Tierchen wirklich aus dent Schlafe gestört. Schäme Dich! So einer Lieblosigkeit bist nur Du fähig. Du schonst nicht einmal so ein armes, unschuldiges Tierchen. Natürlich, weil es mir gehört, weil ich es gekauft habe, weil ich mich seiner freue. Was kümmert Dich meine Freude. Wenn nur Du die Deiuige hast. Du rennst den ganzen Tag in der Stadt herum, von einem Vergnügen zum andern und wenn Du Dich schließlich am Abend zu mir herausbemühst, verdirbst Du mir die einzige unschuldige Freude durch Dein rohes, ungeschliffenes Wesen, das Du Dir im Kreise Deiner lüderlichen Gesellschaft in den Frühstückslokalen und sonstigen Bierstuben angeeignet hast. Dafür hast Du natürlich immer Geld; für mich? . . . Was geht Dich mein Vergnügen an . . ."
„Aber lie. . ."
„So, so. Sprich nur noch lauter. Schreie doch, geniere Dich doch nicht. Ms ob ich nicht wüßte, daß Du mit der Absicht nach Hause gekommen bist, das arme Tierchen zu töten.


