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Was mochte er wohl gelitten haben in diesen Jahren? I Diese Lichtgestalt voll Liebreiz und Hoheit, und hier die triste, dunkle, kalte Frau mit ihrem unerträglichen Hochmut I Er bedauerte Guido aus tiefster Seele.
Welches Leben von Einsamkeit, Kälte und Entsagung sah er plötzlich vor sich. Und das alles hatte sein Bruder getragen, stillschweigend, mit Würde und Verschwiegenheit.
Niemals war ein klagendes Wort zum Verräter dieser unglücklichen Ehe geworden. Daß sie liebeleer nebeneinander hergingen, wäre wohl zu ertragen gewesen, und so dachten die Geschwister auch darüber. Aber daß die Gräfin herzeus- roh, boshaft und kleinlich selbst die Rücksichten vergaß, die ihr Stand ihr auferlegte, war arg.
Er sah seine Schwester au, die wie gebrochen in ihrem Stuhl kauerte. Armer Guido!
Es war kein Wunder, daß einmal das unendliche Leid seiner Seele emporrauschte, wehklagend, anklagcnd I
Und nun stand er da, wie wenn er das Ungeheure nicht begriffe, daß er sich von seinem Zorn, von seiner Empörung so weit habe hinreißen lassen können.
Karl Viktor hatte nur den einen Wunsch, der qualvollen Situation ein Ende zu machen.
Er trat vor die Gräfin hin und reichte ihr seinen Arm, und, ohne daß ein Wort weiter gesprochen wurde, geleitete er sie aus dem Zimmer.
Als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, griff Graf Guido wie geistesabwesend in die Luft und strich sich dann mit dec Hand über die Stirn, als suche er sich zu sammeln und Herr seiner wirren Gedanken zu werden. Dann, mit einer stummen Verneigung vor Della und einer fast apathischen Bewegung nach seiner Schwester hin verließ aueh cr den Salon.
Die Fürstin Helene brach in leidenschaftliches Schluchzen aus, als Guido sie verlassen hatte.
„Mein unglücklicher Bruder!" jammerte sie ein über das andere Mal.
„Und bei mir hat er sie kennen gelernt; o Della, Della, warum haben Sie ihn nicht erhört?"
Sie hatte die Hand der jungen Künstlerin ergriffen, die sie zu beschwichtigen versuchte.
„Was für ein Höllenleben muß er neben dieser Frau geführt haben? Und nichts wußten und ahnten wir davon « . . und ich lebte froh und vergnügt in der heißen Sonne, während er hier erstarrte. Was soll daraus werden?"
„Ein Mann wie Graf Guido findet sich wieder."
Als die Fürstin sich beruhigt hatte, trat Della den Heimweg an. Der Himmel hatte sich bewölkt, die strahlende Mittagssonne war zwischen Wolkenschleiern verschwunden. Kalt und grau erschien die Natur ringsum, wie aufs neue erstarrt. Der Frühlingsboden hatte noch keine dauernde Kraft. Die Märzveilchen am Wege waren erfroren. Ein Schauer überschlich die langsam Hinabschreitende. Hebet die Kirchhofsmauer ragte ein dürres Zweiglein, das im Winde zitterte.
Wann kommt der Frühling?
*
Graf Karl Viktor und Dr. Hans Hübner schritten die Chaussee entlang, die von Schloß Giersdorf nach Bernstadt führte.
Der Graf hatte einen längeren Urlaub bekommen, um die fatale Angelegenheit in Ordnung zu bringen, die die Familie in Aufregung und Unruhe versetzte; Dr. Hübner war hergekommen, um die Osterfeiertage in der Heimat zu verleben.
Stumm schritten die Jugendfreunde nebeneinander her. lber Graf sah etwas nervös aus und schien keinen Blick zu laben für die in junger Frühlingsherrlichkeit sich ausbreitende Landschaft, während sein Begleiter mit Entzücken sein Auge durch das Tal schweifen ließ, das der Lenz mit wahrer Schönheit übergoß.
Helles,^ frisches Grün an Baum und Strauch, auf den Feldern, wie ein zarter Flaum die grau-grüne, sprießende Saat, hier und da schon ein erstes Blütengeheimnis an den
Büschen, und in der Luft ein ahnungsvolles Sichregen neuen Lebens.
Es war in den Vormittagsstunden.
Hasis war gestern abend spät gekommen, hatte seinen alten Vater überrascht und wollte sonst noch überraschen, wer in Bernstadt an seinem Kommen Anteil nahm.
Wer?
Die Antwort darauf wollte er sich nicht selbst geben. Aber fein Herz war voll Frohmut und Frühlingshoffnung. Ein Atemzug hob seine Brust.
„Wie ist das Tal lieblich und frisch!" wendete er sich zu seinem Jugendfreunde.
Dieser war der einzige, der von seiner Ankunft hier etwas gewußt hatte. Sie hatten über die hochgradige Nervosität, die den Grafen Guido nach der Szene mit seiner Frau damals befallen hatte, korrespondiert, und Karl Viktor hatte den jungen Arzt gebeten, seinen ersten Besuch oben im Schlosse zu machen.
(Fortsetzung folgt.)
Ehestands-Skizze».
> Von Georg Widder.
Nachdruck verboten.
1. D i e Sommerwohnung.
Herr Friedolin Schlapp ist soeben aus dem Bureau heim- gekehrt. Wegen verschiedener Einkäufe, die er im Auftrage seiner Gemahlin auf dem Heimwege besorgen mußte, hat er sich ein wenig verspätet und ist nun bemüht, die Versäumnis durch rasches Ablegen deS Ueberrockes und Hutes wettzumachen. So sehr er sich aber auch beeilt, kann er an der Tatsache, zu spät gekommen zu fein, ^nichts ändern, denn seine Frau sitzt bereits bei Tische; Herr Schlapp kann sich also auf einen sehr ungnädigen Empfang gefaßt machen. Um so freudiger überrascht blickt er auf, als auf sein verlegenes „Guten Tag mein Herz" ein ruhiges „Tag Friedel" erfolgt. Die ungewohnte Nachsichtigkeit seiner besseren Hülste macht ihn zwar stutzig, nachdem sie aber, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, im Essen unbeirrt fortfährt, drückt er sich an ihrem Sessel vorüber an seinen Platz, und langt nun auch seinerseits zu. Ganz sicher fühlt er sich aber doch nicht; gerade ihr absolutes Schweigen beunruhigt ihn. Glücklicherweise diesmal ohne Grund, denn das „Du Friedel", mit dem Fran Mathilde nach beendeter Mahlzeit ihn anspricht, klingt (man könnte sagen) fast freundlich, so daß sein Gesicht sich nun völlig aufklärt und er mit freudigem Diensteifer fragt:
„Was beim, mein Herz?"
„Es ist Zeit, wegen einer. Sommerwohnung Umschau zu halten."
„Sommerwohnung?"
„Ja, Sommerwohnung. Du plagst Dich das ganze Jahr hindurch in dem staubigen Bureau, bedarfst also der Erholung in guter reiner Luft, die übrigens auch mir nicht schaden wird."
„Gewiß, mein Herz. Leider habe ich aber. . ." gar nicht daran gedacht? Das weiß ich, auch wenn Du es mir nicht sagst. Zum Glück bin ich aber da, bin es übrigens ja auch schon gewohnt, alle Sorgen auf mich nehmen zu müssen, auch wenn es sich dabei gar nicht um mich, sondern ausschließlich nur um Dich handelt. Nachdem wir also beschlossen haben, die Sommerwohnung zu nehmen und ich mich, mit Rücksicht auf Dich, auf Deine Einkünfte — die zu erhöhen, Du Dich allerdings etwas mehr anstrengen könntest — mit vier Zimmern und Nebenräumlichkeiten, einer geschlossenen Veranda und einem Vorgarten zufrieden gebe. . ."
„Aber, liebes Herz, das ist . . ."
„. . . . groß genug, sage ich Dir. Ich, für meine Person begnüge mich mit einem Schlafzimmer, einem Boudoir und einem Salon vollständig und habe auch keine Einwendung dagegen, daß für Dich, falls Du nicht im Speisezimmer schlafen wolltest, in der Veranda ein Feldbett ausgestellt werden dürfe, obgleich die alltägliche Umherschlepperei des Bettzeuges (was Du hoffentlich auch einsiehst) nicht gerade zu den größten Annehmlichkeiten des Lebens gezählt werden kann. Du sollst aber sehen, daß ich Deinen Wünschen, .Deiner Bequemlichkeit, selbst wenn es mich Opfer kosten soll, gern Rechnuttg trage."
„Ja, aber die Verhältnisse. . . ."
sind alle in Betracht gezogen. Ich. denke. Du solltest doch schon wissen, daß Du Dich auf Deine Frau in allen Stücken vollkommen verlassen kannst. Mehr als fünfhundert Mark darf die Geschichte in keinem Falle kosten."
„Um Gottes willen, liebes, Herz, bedenke, das ist doch . . ." „. . . . zu kleinlich? Du lieber Gott! Wir müssen uns eben nach der Decke strecken. Ja, wenn Du Dich etwas mehr anstrengen wolltest, daß man in Der Lage wäre, eine anständigere Sommerwohnung zu mieten. Leider ist uns das aber versagt, so daß ich mich wenigstens für dieses Jahr schon mit so einer be- scheiderien Sommerwohnung zufrieden geben muß,"


