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freien Dasein, von dem süßen, berauschenden Trank des Triumphes — kurz, hinnulisch, sage ich Dir, und verlockend ! Mich hat dieser justizrätliche Sirenengesang verfuhrt, ^ch erklärte meinen Eltern, daß ich zur Bühne ginge. Mama War ganz fassungslos! Sie erinnerte-sich nicht, es jemals verabsäumt zu haben, mich hinauszuschicken, wenn rn Gesellschaft etwas Unpassendes gesprochen wurde, noch sonst an meiner Erziehung zur tugendsamen Jungfrau und künftigen Gymnasiallehrersgattin. Mir steckte was anderes un Blute - eh voilä! Jetzt hat sie sich darein gefunden, ^ch schicke ihr jede Woche ein Kistchen mit Kuchen und Torten von Kranzler . .
„Und Della?" „ „ r ._ . . o
MH so' Von der wollen Sie natürlich auch etwas hören, Graf Giersdorf! Also, Fräulein Brandt wußte nicht viel von deni, lvas um sie her vorging, und von den Hoffnungen und Wünschen ihrer Tante. Das bekam nur Lucre und ich zu hören. Sie studierte. Unermüdlich, mit rastlosem Fleiße! Durch all das kleinresidenzliche Leben, das sie umgab, durch die Beamtenkreise, zu denen die Tante gehörte, ging sie wie im Traume. Sie war ernst und in sich gekehrt, äußerst selten nahm sie teil an den Vergnügungen anderer junger Mädchen. Sie hat keine Zeit, hieß es immer. Sie müsse sich schonen, sie dürfe die Stimme nicht anstrengeu. Niemals bei einem Ball, bei einem Kränzchen, nicht auf der Eisbahn im Winter und im Sommer beim Tennis oder Rudern, wie wir anderen! Dort war's zu kalt, hier zu heiß oder staubig."
„Arme Della! War früher eilt lustiger Käfer! Immer bei aÜem dabei, in Wind und Wetter. . ."
„Da hatte sie noch keine Mission'! Ich glaube, die Taute lag ihr damit immer in den Ohren. Was daun alles in ihr erwacht sein mochte — chi lo sa? Jedenfalls stand sie ganz außerhalb dieses geselligen Treibens; brachte es der Zufall einmal mit, daß sie dabei sein mußte, dann war sie freundlich und sehr einfach; die Protzerei der Justizrätin mit ihrer ,Zukunft' wäre ihr sicherlich unangenehm gewesen."
„Und wie ertrug sie diesen Zwang? Diese für ein junges Geschöpf wenig freudige Existenz? Ich habe sie während ihrer Studienzeit nur einmal flüchtig in Bernstadt imeder- aesehen. War während der Ferien im ersten Sommer, nachdem sie flügge geworden, damals gerade zn kurzem Urlaub dort."
„Ich glaube, sie fühlte sich ganz befriedigt bei den Vorarbeiten für ihren Beruf. Jedenfalls war ihr Eifer Stadtgespräch. Jeder rühmte ihn! Ranzoni schwärmte für sie und versprach in geheimnisvollen Andeutungen, das Ungeheuerlichste. Er erlaubte nämlich nicht, daß sie jemals etwas vorsang, und wir anderen kannten die Stimme nicht..."
„Hat also recht behalten! Soll ja in der Tat ganz kolossal sein, überwältigend! Was man über sie hört und liest. . ."
„Ich bin auch sehr begierig! Ich habe sie nie gehört. Fast gleichzeitig, als sie in Mailand auftrat, ging auch ich zur Bühne, nahm dann ein Engagement hier an und bin seitdem aus dem tollen Nest noch nicht 'rausgekommen." „Sollst auch nicht! Bleibst gefangen, Goldkäferlein... Bist hier unentbehrlich . . . hier . . .mir", neckte er zärtlich.
„Unb die Brandt kam nicht her! Ueberall hat sie schon gesimgen, nur nicht in Berlin. In Mailand soll sie ja damals mit einem Bombenerfolg gastiert haben . . . Ranzoni halte cs zur Bedingung gestellt, daß sie in seiner italienischen Heimat zuerst auftrete, in der Skala, wo seine berühmtesten Schülerinnen ihre großen Triumphe gefeiert haben. Es soll wirklich beispiellos gewesen sein, sie haben sie am ersten Abende zur Diva erhoben."
„Ja! Erinnere mich. Meine Schwester, die Fürstin Testi, hat darüber berichtet."
„So von allem irdischen Glanz umgeben, begann sie ihren Siegeszug! Von fürstlicher Gnadensonne bestrahlt, vom südlichen Enthusiasmus getragen, eine Schülerin Ran- zonis und in Wittelsbachs dramatischer Schule gebildet."
„Wittelsbach?"
„Das weißt du nicht? Er war ihr Lehrer, und dort traf ich sie manchmal. Denn auf mein inständiges Bitten hatte er sich herbeigelassen, auch mir einige Lektionen zu erteilen. Im Sprechen besonders. Natürlich, Chen, steckte ’ne
Frau hinter dieser Herablassung und unerhörten Gunst. Fräulein Ady Elton, mit der er damals sehr liiert war, hatte sich für mich verwendet. Sie mar Pianistin, und Papa schrieb öfters Rezensionen . . . kurz, Wittelsbach gab nach und ließ mich einigemal wöchentlich kommen. Das hat dann bei meinem Engagement den Ausschlag gegeben. Bei Wittelsbach ausgebildet, das ist wie ein Diplom. Ec nimmt überhaupt gar keine Schüler an."
„Und die Brandt?" ,
„Das war eine ganz romantische Geschichte. Lucre faselte 'mal was davon. Ich erinnere mich nicht mehr genau . . . weißt du, später hatte ich nur für den Roman meines Lebens Interesse, besonders seit er Gardedragoner- Uniform trug und schneidig wurde." Mit reizender Koketterie lachte sie ihn an. „Aber es schwebt mir so ein Märchen vor, als hätte Wittelsbach sie einmal ohnmächtig vor der Madonna in der Galerie gefunden und sie nach Hause gebracht . . . und dann ... ja, sie wurde, glaube ich, krank oder . . . vielleicht auch nicht. Jedenfalls hing diese Begegnung damit zusammen. Dann, als er später hörte, sie wolle zur Bühne, und sie ihm etwas vorgesungen hatte, bot er sich freiwillig ihr zum dramatischen Lehrer an. Auch das noch. Ranzoni — Wittelsbach — Giersdorf! Ich glaube, 'ne Krähe müßte unter solchen Zeichen auch singen."
In diesem Augenblicke ertönte die Entreeglocke.
„Wir werden sie ja hören."
„Fräulein Lueie Handtke!" meldete die Zofe.
Theresa war aufgesprungen und ihr an die Tür entgegengeeilt.
„Soyez la bien venue, liebe Lueie."
Sie umarmte sie herzlich.
(Fortsehung folgt.)
Der ßhtcKgoer
Nachdruck verboten.
Dem Buche Upton Sinklairs „The Jtmgle", das mit seinen Enthüllungen der Chicagoer Schlachthausgreuel jenseits und diesseits des Ozeans außerordentlichen Eindruck gemacht hat, und das jetzt in einer deutschen, ber Spou- holz in Hannover erschienenen Ausgabe vorliegt, entnehmen wir die folgende anschauliche Schilderung der Fleifchfabrrk Armours: ,
„Am Osteiugcmge des Riesenetablissements lauft der Schieuenstraug vorbei. Hier kommt ein Zug nach dem anderen an, rund 10 000 Rinder, 10000 Schweine, 20 000 Schafe werden täglich ausgeladen. Sie kommen stromgleich und scheinen selbst ihrem Schicksal entgegenzufluten, auf langen Rampen allmählich immer höher hinauf, bis die schwarzen Türen int obersten Stockwerk des Packhauses vor ihnen klaffen.
Mit der gleichen Schnelligkeit, mit der auf den Postämtern Briefe gestempelt werden, verschwindet ein Schwein nach dem andern in der gähnenden Oeffnung, fühlt eine Kette um sein Bein geschlungen und baumelt schon an einem Riesenrade, das sich langsam aufwärts bewegt. Während der Fahrt erhält das Schwein — blitzschnell eines nach dem anderen, während es emporschwebt — den Halsschnitt. In zwei unabsehbaren, nie unterbrochenen Reihen schweben die Schweine an dem Abhänge entlang, das Blut rauscht hernieder, ein mörderisches, markerschütterndes Geschrei der Verendenden scheint die Mauern sprengen zu wollen. Schon verschwinden die ersten reihenweise in Riesenkesseln mit siedendem Wasser zum Abbrühen. IM nächsten Moment fischt sie eine Maschine mit langen Greifarmen heraus, sie schweben weiter zwischen den Arbeitern hindurch, der eine schabt zupackend die Außenseite des Beines ab, ein anderer die Innenseite, schon ist das nächste Schwein heran, schon sind zwölf, zwanzig, fünfzig vorbei, hundert, tausend.
In hastigen Streichen säbelt einer der Arbeiter den vorbeirutschenden Schweinen die Köpfe ab, die durch eine Luke im Fußboden sofort in die Tiefe verschwinden: ein Stockwerk tiefer werden sie ausgefangen und in derselben Atemlosigkeit weiter verarbeitet. So haben die Schinken, die Füße auf der weiteren Wanderung ihre Luke. Ein Arbeiter sticht in den Bauch, einer schlitzt ihn vollends, einer spaltet den Brustknochen, einer löst die Eingeweide, einer


