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reißt sie heraus, auch sie klatschen durch eine Luke. So geht die Reise durch den 90 Meter langen Saal, zwischen zweimal 80 Arbeitern hindurch, und solcher Reihen gibt es viele, und im ganzen Packhaus-Trust arbeiten 30 000 Mann.
Nicht ein Mann in all den Gebäuden, der nicht fieberhaft arbeitet, als sei der Teufel hinter ihm drein. Kommen die Leute nach Schichtschluß heraus, so sehen sie aus, als stiegeu sie aus der Hölle. Die flinksten „Splitterer" und „Schlitzer", die auf Akkord arbeiten, stellt die Gesellschaft an den Beginn der Reihen, sie geben das wahnsinnige Tempo an, und die anderen Arbeiter müssen mit und koste es ihr Leben.
Und doch — einer hat Zeit. Bevor die Schweine in den Gefrierraum kommen, passieren sie den „Herrn Inspektor", der sie aus Tuberkeln untersuchen soll. In seiner blauen Uniform mit blanken Knöpfen ist er ganz Würde und gibt dem Ganzen die amtliche Weihe. Er ist herablassend genug, mit uns eine kleine Unterhaltung anzuknüpsen. Dann wendet er sich wieder seiner Arbeit zu--inzwischen
ist eine Anzahl von Schweinen schon vorübergeglitten....
Jedes Stockwerk hat seinen eigenen Betrieb. Je tiefer man steigt, desto unerträglicher wird der Geruch. Hier werden die Därme gewaschen, dort aus dem Abfall Schmalz und Seife gekocht, in einem Raum wird gepökelt, im anderen geräuchert, im dritten Speck in Pergamentpapier gepackt; am Ausgange stehen die Wagen, werden mit der fertigen Ware beladen und rollen unablässig die Geleise entlang.
Ganz ähnlich ist es im RinderschlachthäuS, nur daß hier die Arbeiter an den 15 bis 20 Reihen der Tierleib eg entlang wandern, nicht umgekehrt; Arbeiter aller Kategorien, für jeden Handgriff eine, die „Knockers", die „Headsmen", die „Floorsmen" und wie sie alle heißen. Das hellrote Blut zischt und sprudelt aus Hunderten lebendiger Quellen, es wird ständig in die Abflüsse gefegt und steht doch ständig einen halben Zoll hoch auf dem Boden. Aktes wird gleich verarbeitet: die Haare zu Kissen, die Klauen zu Leim, die Hörner zu Kämmen und Knöpfen, die Felle zu Leder, die Knochen zu Dünger. Nichts geht verloren. Das Fleisch, das später in Büchsen kommen soll, wässert in einem mit allerlei Chemikalien versetzten Bade; wenn es dann her-ausgefischt wird, bleiben Fetzchen und Fäserchen zurück, aber auch die werden gerettet: man stülpt die Bottiche um, das Wasser läuft ab und die Fleischreste werden zusammengefegt, obwohl der Boden sehr unsauber ist, und nachträglich in die Konservenküche gebracht. . . .
Während man sonst trächtige Kühe nicht schlachtet, ist in der Hetzjagd des Betriebes, der den Fleischbedarf für 30 Millionen Menschen in den verschiedensten Ländern liefert, eine solche Aussonderung nicht möglich. Das neugeborene Kalb wird mit den Eingewechen herausgenommen und im Ganzen zu Büchsenfleisch zerhackt. Auch die auf der Reise nach Chicago erkrankten oder verendeten Tiere gehen nicht verloren. Sie kommen in den Gefrierraum während der Frühstückspause des Herrn Inspektors.
Jni Einmacheraum wird stark mit Chemikalien gearbeitet, die dem Fleisch die frische, gesunde Farbe verleihen und den üblen Geruch nehmen. Sie sind so scharf, daß sie den Arbeitern die Schuhe zerfressen und ihre Hände mit Wunden bedecken. Aber das ist nicht das Einzige. Iw Süden grenzt au die Höfe ein toter Arm des Chicagoflusses, der sogenannte Blasensumpf. Er hat nämlich keinen Abfluß, und doch entleert sich in ihm aller Abhub vom Packhause. Fett und Chemikalien machen hier für sich allerlei Prozesse durch und entwickeln aufsteigende Gase; an manchen Stellen hat sich der Schwutz so zu Kuchen zusammengebacken, daß Hühner darauf herumspazieren und ihr Futter suchen. Dieser Schmutz wird, auf daß nichts umkomme, gelegentlich abgeschäumt: und daraus wird noch Schmalz gekocht. Für Büchsenfleisch speziell reisen Agenten im Lande umher, um billiges Material einzukaufen: tuberkulöse Rinder, an Cholera gefallene Schweine. Es werden allein für diesen Geschäftszweig wöchentlich 4000 Dollar — Schweigegelder bezahlt.
lieber und iiber mit Beulen bedeckte Rinder verschwinden in der großen Fleischfabrik. Selbst die abgehärtetsten Arbeiter würgt der Ekel, wenn sie sie abstechen ; das stinkende Zeug spritzt heraus und chnen in das Gesicht, und doch können sie sich nicht abwischen, denn auch die nackten Arme sind besudelt, und außerdem darf das Messer nicht still stehen, denn schon ist das nächste MeV ci.it der Reihe. Bon
diesem Büchsenfleisch gab es Massen, die jahrelang in den Kellern standen. Während des spanisch-amerikanischen Krieges wurden sie der Intendantur verkauft, und dem Büchsenfleisch fielen mehr amerikanische Soldaten zum Opfer als den Geschossen der Feinde. Bei dem Surren der Maschinenmesser ist schon manchmal ein Finger, eine Hand eines Arbeiters mit zerfleischt worden, ja es ist vorgekommen, daß^ein Uebermüdeter in den siedenden Kessel stürzte, — aber die Arbeit rast weiter, wer weiß, wo seine letzten Fetzen schon hängen. Es gibt wahre Alchimisten im Trustbetriebe, deren höllische Latwergen alles „frisch machen". Eine raffinierte Maschine durchsticht die Schinken mit haarfeinen, hohlen Nadeln, aus denen Chemikalien spritzen. Verdorbene Ware, die durch nichts mehr frisiert, die auch nicht in natura ins Ausland verschifft werden kann, kommt mit Borax und Glyzerin ins Büchsenfleisch oder in die Wurstmaschine.
In den Kellern tun sich Ratten an den Fleischhaufen gütlich. Sie genieren sich auch sonst nicht: ist doch auch für schwindsüchtige Arbeiter kein Spucknapf da. Gelegentlich wird ihnen, wenn die Plage überhand nimmt und man zu großen Fleischverlust fürchtet, vergiftetes Brot gestreut. Und Fleisch und Brot und Ratten kommen in die Wurstmaschine. . . . Aber ich will lieber abbrechen in der Schilderung. O Amerika, du Land der Freiheit und der glänzenden Träume! Hier ist ein Ausschnitt aus deinem Leben. Ein Leben wilder, nervenaufregender Jagd, über zusammenbrechende Arbeiter und vergiftete Fleischverbraucher hinweg. Und immer noch billiger soll produziert werden: die Packhäuser zahlen schon längst nicht mehr solche Löhne, daß der Angelsachse dort arbeiten könnte, auch der Deutsche ist aus den Räumen verschwunden, auch die Generation der Iren zeigt sich nicht mehr, nur noch Polen nnd Littauer säbeln in Todesverachtung täglich die 10 000 Rinder nieder, die 10 000 Schweine und was ihnen sonst vor das Messer kommt."
Die Schilderungen Sinclairs sind durch amtliche Untersuchungskommissare als in allen Hauptpunkten wahr bestätigt worden. Das ist schon seit dem Monat April aller Welt bekannt, und seit Mai bereits kämpfte im amerikanischen Senat Roosevelt mit einer Gruppe Ehrlicher gegen die Majorität der Lumpe, die dort die Milliardärinteressen vertreten. Nur dem Zivilkabinett des deutschen Kaisers, dem ja wohl die Ausgabe obliegt, den Kaiser über die öffentlichen Vorgänge zu informieren, scheinen diese Dinge nicht bekannt geworden zu sein. Sonst wäre die Jacht Armours diesmal doch gewiß von der Kieler Woche ausgeschlossen worden und wäre diesem skrupellosen Geldmachern die Ehre, den deutschen Kaiser wieder bei sich als Gast zu sehen, nicht abermals widerfahren, wie es nach den jüngsten Zeitungsberichten leider geschehen ist.
— Münch ener Alman ach. Ein Sammelbuch neuer deutscher Dichtung. Herausgegeben von Karl Schloß. München, R. Piper u. Co. 330 S. — Der vorliegende Almanach bringt weder Versuche literaturfreundlicher Studenten, noch wahllos zusammengestellte Arbeiten zufällig in München lehender Autoren, von denen man gerade die bekanntesten und markantesten, wie Paul Heyse, Max Halbe, den Grafen Heyserlingk, Ludwig Thoma, Thomas Mann, Korfiz Holm, Frank Wedekind, Gumppenberg, Steiger, Ostini, Karl Ettlinger usw. usw. vermißt. Er will auch nicht irgend einer „Richtung" auf den Damm helfen, sondern ist so etwas wie ein Protest gegen den Naturalismus. „Unter der Herrschaft des Naturalismus", schreibt der Herausgeber int Vorwort, „galt es fast für unanständig, einen Vers zu dichten oder einen ordentlichen, wohlgebauten Satz, ein reines, von Dialekt und Schnoddrigkeiten freies Deutsch zu schreiben." -Also Schloß und die Seinen wollen beweisen, daß es noch Dichter gibt, die die Harfe schlagen und von blauen Blumen träumen. Die Rückkehr zur Romantik vollzieht sich nicht nur in den Formen, sie bekundet sich noch viel mehr in jener bewußten Abkehr von den Wirklichkeiten und im Ersehnen des Ideals, das den feinsten unter den jungen deutschen Dichtern wieder einmal so eigentümlich ist. Jetzt nach hundert Jahren sehen wir wieder „fern von allem lärmenden Getriebe", wie Stefan George, der Bingetter, sagt, eine kleine Schar Nichtwirklichkeitsmenschen durch eine Zeit ungeheurer sozialer Kämpfe, wirt-


