Mitag den 3. August
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1906 — M. 112
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Der Stern.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Tie Gleichgiltigkeit, mit der er zu lesen begann, »Var einem gewissen Interesse gewichen, als Adele Brandts Erwähnung geschah. 9htr diese konnte mit „Dellas Auftreten" gemeint sein.
„Wer ist diese Lucie?" Er steckte die inzwischen erloschene Zigarette aufs neue in Brand.
„Lucie Handtke, eine Cousine der berühmten Della Brandt, des leuchtenden Sterns, der in diesen Tagen den Berlinern aüfgehen wird", antwortete sie spöttisch.
„Und wie kommst du zu ihr?"
„Gott, Mama und Frau Justizrat Handtke waren befreundet und ich und Lucie auch! Was man so nennt. Mädchenfreundschaften! Die Handtkes machten en sehr nettes Haus in Dresden, weißt du, alle Welt verkehrte dort und ebenso bei meinen Eltern; das nannte man Geselligkeit. Tödlich langweilig, aber fein bürgerlich. Man kann sich dem nicht entziehen, wenn man nach Rang und Geburt dazu gehört, aber ich revoltierte damals schon innerlich gegen diesen Zwang — und dann hinaus! Tie Kunst! Das zog mich an."
Er sah sie an mit etwas zweifelnden Bücken. Sie hatte bisher nie von ihren Familienbeziehungen zu ihm gesprochen. Für ihn war sie Therese Streitmann. Erne hübsche, graziöse, amüsante Schauspielerin, die auf der Buhne immer sehr schick aussah und im Boudoir reizend plauderte, lieber ihr Talent hatte er sich noch nicht viel Gedanken gemacht, noch weniger über ihre Abkunft. Und nun kam das so unerwartet, daß sie davon sprach, und merkwürdrg gerade in einem gewissen Zusammenhang mit Adele Brandt. Sie »büßte am Ende, daß zwischen der Künstlerin und den Gier'sdorffs gewisse Beziehungen bestanden. Und es schien ihm klüger, davon zu sprechen, ehe sie davon anfing.
„Wie eigentümlich! Tie Welt ist wirklich klein, viel kleiner, als man denkt! Alles ein bißchen Bernstadt! Mein Heimatsstädtchen! Giersdorf liegt eine halbe Stunde davon, und dort ist auch Adele Brandt geboren und so quasi im Schloß mit ausgewachsen. Und jetzt kennst du ihre Cousine, vielleicht sie selbst?"
„Zu dienen, Herr Graf!"
„Wirklich amüsant! Schließlich, kannst du mir von ihr mehr erzählen, als ich selbst weiß."
„Das kommt darjaus an. Wenn's dich riesig interessiert, so ganz pyramidal, so phänomenal", sie kodierte den Ton, in dem er zu sprechen Pflegte, „und du mach schön darum bittest und mir endlich versprichst daß du Della nicht etwa die Cour machst..."
Er schloß ihr den Münd mit heißen Küssen. ‘
„Ich ... ich ... ich bin überzeugt . . .", entzog sie sich atemlos seinen Zärtlichkeiten. „Ich bin überzeugt . . . und
nun artig sein! Jü tadelloser Positur, mein Herr Leutnant ... Ich werde Ihnen etwas ans meiner Hermat er-, zählen, aus Dräsden . . . wenn"s beliebt... ei Herp
Er lachte und sagte: „Bin wirklich neugierig!"
„Also sieh mal! Frau Jüstizrat. Handtke hatte rhre Nichte bei sich, die in Dresden zur Sängerin ausgebildet wurde beim alten Ranzoni, dem berühmtesten Gesangs--, lehrer, ich glaube in Europa und den umliegenden Ort^ schäften. Meine Eltern, Papa Direktor eines Kons^cvato-, riums, Mama eine in der Dresdener Gesellschaft sehr beliebte Dame, hatten natürlich Verkehr mit allen künstlerischen, besonders musikalischen Kreisen der Residenz. Zu denen zählte auch die Justizrätin als Singetante eines heranziehenden Kunstereignisses. So wurde in dem Haust Della Brandt immer angesehen, behandelt, angepriesen. Meine Freundin Lucie, die Cousine des bevorstehenden Er-, eignisses, war wütend darüber. Wer die Jüstizrätin meinte, kein Opfer sei zu groß, um diese Della an sich zu fesseln- nicht nur durch Verwandtschaftsbände, sondern auch durch Dankbarkeit. ,Sie solle den Boden lieben und segnen, aus dem sie sich entwickelte', sagte die kluge Rätin zu ihreiN etwas geistig armen Töchterchen. Diese erzählte mir das alles wieder. Ich hatte nämlich den höchst ehrenhaften Vor-, zug, ihre Vertraute zu sein..."
Er hörte mit Spannung auf ihre Worte, nicht abe^ ohne seiner Verliebtheit zeitweilig durch einen Handkuß oder eine liebkosende Bewegung Ausdruck zu geben.
„Aufgepaßt, Monsieur Alfons! Das Interessanteste kommt erst. Ich würde also durch Lucie in die Familien-! Verhältnisse ziemlich genau eingeweiht. Hörte enorm viel von Prinzen, Grafen, Komtessen, von Gardeleutnaüts e tutti qnanti sprechen. Zwischendurch etwas Idyll: von alten Kantorsleuten, einem Doktorssohn und sonstigen fenttmetm taten Requisiten. Das wirkte auf meine Phantasie so leb-, haft, daß ich beschloß, auch zur Bühne zu gehen. Ich bin also gewissermaßen so eine Art Ausstrahlung der Grers- dorf-Brandt-Bernstadt. . . und, ohne daß du es wußtest hattest du einen indirekten Einfluß auf die Gestaltung meines Lebens. Ich ahnte dich vorher!"
Wieder umarmte er sie und küßte das übermütige Geplauder ihr von den sinnlich geschwellten Lippen.
„Ja, und dann, Theresita?" ,
„Zur Sängerin freilich langte es bei mir nicht austrotz Papas Musikschule, und recht 'ran wollten die Eltern! überhaupt nicht, besonders Mama. Deren Jdealwares- daß ich einen Gymnasiallehrer heirate und die besten Sandtörtchen machen lerne, nach dem Rezept der Justiz-, rätin. Ich habe in dem Hause aber nach ganz anderes Rezepten mir des Lebeiis Süßigkeiten bereiten gelernt. Die Justizrätin sprach von gar nichts anderem als von deut Glaiiz, dem Reichtum, dem Ruhnk, den eine Künstlerin et* reichen könne. Von den goldenen Levensherrlichkeiten, die einer gefeierten Bühnenheldin winken, von dem reichen-


