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dann wieder: „Direktor von Seeben wird die Regie bei Rafaölis ,Quartier latin' nur zur Eröffnungsvorstellung führen und sie, wie man uns aus dem Bureau des Hauses schreibt, bei den Wiederholungen an Ober-Regisseur Claudius Imhofs abgeben" ...
Es gab auch noch andere Notizen, die für das theater- lustige Publikum der Hauptstadt sehr interessant waren. Da hieß es zum Beispiel einmal: „Tie Versteigerung des Logenabonnenrents im Prinz Ferdinand-Theater hat ein überraschendes Resultat ergeben. Marr erzielte, so hören wir aus guter Quelle, ans diesem Wege sage und schreibe das Fünffache der für die Logen angeseyten Billetpreise"... Wogegeil das gern nörgelnde Montagsblatt, das die vermöbelnde Beurteilung des Theaterbaus von W. H. gebracht hatte, zu erzählen wußte: „Tie echt amerikanische Idee der vielköpfigen Leitung des neuen Theaters Unter den Linden, ihre Logenplätze versteigern, d. h. an Israel und Genossen und das sonstige, allem Sensationellen wohl geneigte Mäce- natentum Berlins für ein Höchstangebot verhökern zil lassen, soll kläglich Schiffbruch gelitten haben. Man scheint weder zu der architektonischen Schmurgelei des Herrn Hammer, noch zu der Tüchtigkeit der Geschäftsleitung, noch auch zu dem künstlerischen Empfinden der Doppelfirma Seeben- Giesecke (Giesecke aus Chemnitz) sonderlich viel Vertrauen zu haben. Schließlich hat sich, wie man wissen will, der strebsame und ordensgesegnete Inhaber eines hiesigen großen Speditionsgeschäfts auf die Beine gemacht, um in allen Billen des Tiergartens, in der Bellevue- und Lennö- strahe, kurz im gesamten Ghetto Berlins die Wonnements- anweisungen an den Mann zu briugen. Was ihm auch ge- glücklich ist, gber fragt nicht, für wie viel . , t"
(Fortsetzung folgt.)
Der BriKantenschatz der Kaiserin.
Die Pracht der wundervollen Schätze an Brillanten und Edel- tzestein, welche sich in der reichhaltigen Kollektion der im Kunstgewerbe-Museum zu Berlin gegenwärtig zur Ausstellung gelangten Hochzeitsgeschenke des Kronprinzenpaares befinden, gibt Veranlassung, so schreibt das „Kl. Journal", auch einmal über den Brillantenschatz der Kaiserin zu sprechen. Ter Wert des gesamten Julvejenschatzes der Kaiserin wird von wohlinformiertev Seite auf nahezu 5 Millionen Mark geschätzt. Dabei ist indessen zu berücksichtigen, daß die Kaiserin nicht Eigentümerin aller der Brillanten ist, welche sie besitzt, denn ein sehr großer Teil der Brillanten gehört dem preußischen Krontresor im Königlichen Schlosse zu Berlin an. Bestimmungsgemäß werden sie aber der jeweiligen Königin von Preußen zur Verfügung gestellt. Von einer Königin-Witwe, wie seinerzeit von den Kaiserin-Witwen Augusta und Friedrich, dürfen die Krontresorbrillanten nicht in Gebrauch genommen werden. Die Kaiserin nennt nur die Brillanten ihr Eigentum, welche sie schon als Prinzessin von Schleswig- Holstein besaß, dann jene, die sie vom Kaiser zum Geschenk erhalten hat und die ihr vor 25 Jahren zur Hochzeit oder sonstwie verehrt worden sind. Zu der letzteren Gattung gehöre!« auch mehrere Prachtstücke, die der Kaiserin von der Kaiserin Augusta und der Kaiserin Friedrich vermacht wurden. Insgesamt bewerten! sich die im Privatbesitz der Kaiserin befindlichen Brillanten auf zwei Millionen Mark, und zwar vornehmlich durch den Zufluß aus dem Brillautenschatz der Kaiserin Augusta, welche ihrer Enkel-Schwiegertochter durch testamentarische Bestimmung eine Anzahl Brillantengarnituren und zahlreiche brillantenbesetzte Schmuckgegenstände hinterließ. In dem Tresor der Kaiserin ruhen die verschiedenartigsten Brillantenschmuckgegenstände. Wohl an dreißig Ringe erblickt man dort, vom einfachen Solitärreif bis zu luxuriös ausgestatteten Ringen, die bisweilen mit Brillanten geradezu übersät sind. Herrliche Stücke befinden sich unter den Broschen und Spangen. Auch mit Brillanten besetzte Armbänder nennt die Kaiserin in großer Zahl ihrer Eigen. Bei den großen Hosfestlichkeiten trägt die Kaiserin nicht nur im Haar, in den Ohren, an Händen, Armen, und um beit freien Hals den herrlichsten Brillantenschmuck, auch der Rock und die Schleppe bieten «inen märchenhaften Anblick. Aus allen Falten lugen glitzernd und gleißend die Brillantensternchen hervor und bieten dem Beschauer ein Bild aus Tausend und einer Nacht von berückendem, sinnvertvirrendem Reize dar. Beläuft sich schon der Preis einer solchen Prunkschleppe auf 30 000—40 000 Mark, da sie aus schwersten Silber- .und Goldstoffen mit Stickmustern besteht, , so wäre sie mit dem Juwelenschmuck wenn überhaupt käuflich, nicht unter 120—150 000 Mark zu haben. Die Ballschuhe der Kaiserin sind mit Brillantenschnallen besetzt, die einen Wert von je 5—10 000 Mark besitzen. Das Diadem der Kaiserin zeigt in der Mitte einen Brillanten von der Größe einer Kirsche. Rechts und links davon funkeln 30—40 kleinere Steine, die sich im Glanze des Lichts in vielhundertfachen Strahlen brechen. All diese Brillantenschätze sind in einem besonderen Salon, unter- gebracht und unterstehen einer besonderen Aussicht. Dte Pre
tiosen sind sämtlich in Etuis eingelegt. Einige Tage vor jeder Hosfestlichkeit, zu der die Kaiserin zu erscheinen beabsichtigt, erhält ein Hosjuwelier den Zutritt zu dem Brillantenschatz, um nach- zuschen, ob die Steine und Perlen auch noch alle in den Fassungen Stzen, resp. der Reinigung bedürfen. Letzteres trifft bcson- bei den Brillanten zu, welche zur Dekoration des Kleides und der Schleppe verwandt worden sind und dabei leicht verstauben. Tie Stücke aus dem Krontresor werden stets vor ihre« Ablieferung gesäubert. IM Alltagsleben ist die Kaiserin den Brillanten abhold. Nur ein einziges Schmuckstück mit Brillanten trägt die hohe Frau fast täglich. Es ist dies ein Geschenk des Kaisers: ein ganz eigenartiges Armband; es besteht aus sieben Gliedern, je von der Größe eines länglichen Markstückes. Die Glieder, in Gold gefaßt, und ringsum mit Brillanten besetzt, zeigen in Emaillebrand die Bildnisse der kaiserlichen Kinder. Am Mittelstück befindet sich ein herzförmiger Anhänger mit dem Porträt des Kaisers. Das Schmuckstück hat einen Wert von annähernd 10 000 Mark. Oftmals vergehen Wochen, ehe die hohe Frau Brillantenschmuck aulegt. Sie liebt die Einfachheit und auch der Kaiser huldigt diesem Grundsatz«.
Ein Heirre-Denkural.
Alfred Kerr erläßt in der „Neuen Rundschan" (Verlag S. Fischer) folgenden Aufruf:
Deutsche Davidsbündler, — „das ist: Männer und Jünglinge, die Ihr totschlagen sollet die Philister" —• sammelt Euch; ein Beispiel ist hinzustellen; eine Schuld ist wettzumachen; eine Tat ist zu tun.
Ein toter Weltstadtsänger ist zu grüßen; rin Kämpfer ist zu preisen,; ein Lachender ist zn krönen.
An diesem siebzehnten Februar ist er vor einem halben Jahrhundert in Schmerzen gestorben.
Tie sranzösiiche Wärterin berichtet: „La nuit derniere ir r6p6tait, et repdtait comme le vendredi: „Je snis perdu“ . . . Pal trois fois il me dit d’dcrire--je lui dis pen apr6s: „Quand vos
vomissements cesseront, vous derirez vous-mdme“ ; il repiit: „Je vais mourir.“--In der sechsten Morgenstunde am 17. Februar 1856
starb er. —
Er hat ein Grabdenkmal in Paris. Er hat ein_ Denkmal in Newyork. Er hat ein Denkmal in Kerkyra oder Corfu. Er hat keines in Deutschland.
Er war ein großer vaterländischer Deutscher: weil er mit ganzer Seele dies Land geliebt hat; dann, weil sein Ruhm den deutschen Ruhin erhöhte. Seine Macht endet nicht hier. Er ist der neue Säuger der großen Städte; ihrer Liebe und ihres Hungers; er gab die neue Lyrik der gepflasterten Straßen. Im Gegensatz zu der früheren, sozusagen mehr agrarischen Poesie. Er schreibt die ersten Lieder des dritten Jahrtausends. Er gibt nicht bloß Gesild und Mond, er geniert sich nicht, in einer großen Stadt zu sitzen und kündet ungezwungen die Gefühle solcher Menschen. Ihn erfüllt das Schicksal der großstädtischen Masse. Es wächst hiniedeu Brot genug für alle Menschenkinder. Er ist ein neuer Lebeusdichter. Er ist ein großer Tragitomikcr des Liedes. Er ist ein erlösender Zyniker. Er ist ein singender Soldat.
Tavidsbündler sammelt Euch; wir wollen sein Denkmal errichten.
Bor zwölf Jahren hat es der Eingriff namenloser Kässerst zu hindern vermocht.
Ziehn wir vom Leder jetzt alle, die entschlossen sind: dies! Denkmal zu setzen, wenn nicht mit dem Willen der heutigen Machthaber, daun gegen ihn.
Daß er Fehler gehabt, ist uns' nicht unbekannt. Wir setzest es ihm für seine Vorzüge.
Ist keine andere Möglichkeit, dann in der größten deutschen Stadt: nach Ankauf eines Ortes, wo es umfriedet sein könnte, und doch sichtbar; wo es privat erschiene und össentlich wäre; so daß man das Einholen einer Bestätigung lachend umginge. Ich neige zwar in manchem Augenblick zur Ansicht, daß ein Denkmal an der Nordsee, ein Denkmal am Rhein besser wäre; dann itneber scheint es mir, als ob darin bloß die sentimentalische Seite dieses Einzigen Ausdruck fände, und sie ist mir so wertvoll nicht wie seine menschlich-freche, deren Denkmal in eine große Stadt gehört. _
Aber die Frage des Ortes mag offen bletben. Sie darf Teilt Streitpunkt werden.
Und das Denkmal soll Nicht gesetzt werden von einer Handvoll reicher Leute: sondern von Künstlern, Arbeitern, kleinen Mädchen und allerhand jungen Menschen, die ihn geliebt. Und eS soll eine tiefere und allgemeinere Proteslsache sein in einer feigen und lauen Zeit. Ein Schibboleth der Kraft, ein Paroli des fvohcn Intellektualismus... in einer feigen und lauen
Es soll ein Denkmal des Trotzes werden; das einem Toten fein Schuldiges darbriugt und manchem Lebenden heiteren Mut gibt.
Deutsche Davidsbündler, am 17. Februar sollt Ihr tagen'. Eure Beschlüsse schreibt Ihr mir daun. Ich werde vom Stand der Sache in diesen Blättern von Schritt zu Schritt Rechenschaft geben. Und ich will nicht ruhen, bis die Hülle gefallen ist und das Marmorbild in der Sonne steht.


