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N'.na wurde ängstlich. „Na, und da habe ich gar nichts geantwortet", sagte sie mit weinerlicher Stimme. „Ich — ich glaube, ich habe ein bißchen gelacht. Gerade, wie er Las sagte, kriegten sich zwei Hähne zu fassen — und das sah so furchtbar komisch aus . . ."
Imhoff hob die Hände beschwörend empör. „Ist es' zu glauben, Laura!" rief er. „Ein Liebesgeständnis — und diese Pute lacht! Sie lacht dazu!"
Tante Laura warf wütend den leeren Korb auf die Erde. „Es wird nie etwas ans der Geschichte!" schrie sie. „Es bleibt ein ewiges Hin- und Hcrgeziehe. . . Herr, du du mein Gott, Nina — begreifst Du denn nicht, daß es sich um Millionen handelt?! Um einen schwerreichen Mann, um eine glänzende Partie?! Und er ist wie toll und verrückt nach Dir!"
„Das weiß ich ja", schrie Nina zurück, nun gleichfalls heftig werdend; „aber Ivie soll ich es denn anfangen?! Donnerwetter, nun hab' ich die Sache satt! Künftighin mache ich es, wie es mir paßt. Ich bin keine Schulgöhre mehr---"
Mer da geschah etivas Unvorhergesehenes. Imhoff litt weder Ueberhebung noch trotzigen Widerspruch. Er nahm die arme Kleine am rechten Ohrläppchen, genau so wie eine ungezogene Schulgöhre, und suhrte sie in ihr Schlafzimmer. Und dann kam eine gewaltige Rede. Und dann kam Schluchzen und Herzeleid. Und dann kam die stille Wut Als Nina wieder allein !var, kleidete sie sich ohne Licht ! aus, schleuderte Röcke, Stiefel und Strümpfe mitten in das Zimmer, machte eine lange Nase nach der Entreetür zu und sagte zu sich selbst: „Nu grade! . . ." Was das zu bedeuten hatte, wer könnte es enträtseln? Es war ein Ausruf des Trotzes, und trotzig wölbten sich auch Ninas rote Lippen. Sie kroch in ihr Bett, und als sie die Decke hochzoq. wiederholte sie nochmals in gewaltigem Triumph: „Nu grade!..." Das beruhigte sie sichtlich. —
Inzwischen hatte die Liesegang einen Nohrpostbrief entdeckt, der durch die sür Briefe bestimmte Oeffnnng der Kuchentur geschoben worden und auf die Erde gefallen war. Imhoff öffnete ihn zögernd. Eilbriefe und Telegramme liebte er nicht. Es kam in diesem Falle dazn, dag ihm die Handschrift auf der.i Couvert bekannt er- sa^ien, ohne daß er im Augenblick wußte, wem sie angehörte. „Das hat doch eine Dame geschrieben, zum Potzsapper- ment", murmelte er und las sodann:
„Lieber Claudius; Dir wirst sehr verwundert feilt, nach Zähren wieder einmal etwas von mir zu vernehmen. Mais, I mpn cher, das Leben ist ein eigentümliches Ding. Es ist I hne eine Schaukel — hinaus und hinab. Mein Mann ist Vor kurzem gestorben, und über sein Geschäft ist der Konkurs verhängt worden. Er hat schwere Verluste erlitten; I i>aS mag feinen Tod beschleunigt haben. 9hm sitze ich da und weiß nicht, wohin und was. Gott sei Dank ist meine Stimme die alte geblieben. In der Koloratur nehme ich i
iE. )eder auf. Und da fiel mir ein: vielleicht turntet) bei Eurem neuen Theater unterbrinqen. Du wurdest em gutes Werk tun. Hat uns das Schicksal auch M Haß und Unfrieden getrennt. Sieh' zu, cher Claudius SEI ^^n kannst. Ich wohne vorläufig int Hotel Tei minus Zimmer Nr. 208, wo ich Deinen Bescheid erwarte.
Dich bestens grüßend
Wanda."
ließ den Brief sinken. Er sah nicht sonderlich Vergi>ugt aus, der arme Teufel, denn Wanda Lorenzen, geborene Blomeyer, genannt Wanda Bloom, seiner Zeit eilte pr.°Be Schönheit und keine üble Koloratursängerin, war leine erste Frau gewesen.
I Hieraus zum ersten Male:
„Waldzauber“.
Ballettphantasie in einem Akt von Charles Rosin." Musik von Theo Klemm.
Eröffnung des Hauses: 7 Uhr. Beginn der Oper: 8 Uhr. Sonntag, den 28. September:
Dieselbe Vorstellung.
Montag, den 29. ^ptember:
Zum ersten Male:
„Fata Morgana“.
Schauspiel in vier Akten von Wolfgang Schwerdt.
Dazn druckten die Blätter den nachfolgenden, ihnen aus dem ldeaterbureau zngegangenen sogenannten Waschzettel ab: | „Das Prinz Ferdinand-Theater wird am Sonnabend! erosftiet werden, nachdem bereits am Montag die Bau-, abnahme erfolgt ist. Das Aboniiement aus die Logen- Platze ist geschloffen worden; Parkett und Zweiter Rang ist für die Abonnementsvorstellnngen der Oper und des Schauspiels noch im Bureau des Theaters erhältlich. Amj Sonnabend Mittag um 12 Uhr sind die Behörden und dis Vertreter der Presse zur Besichtigimg des Baues geladen. Die Erofsnungsoper, Arigo Rafaölis ,Quartier latin', ist in den Hauptrollen mit den Damen Bvgner-Wettin, Sticgler, ^uihoss und Daniel und beit Herren Hauermann, Genke. Bertucy unb Wagner besetzt. Ter Komponist birigiert selbst. Me neuen Dekorationen „Stubentenzimmer", „Das Cabaret zum lahmen Pegasus" und „Blumenladen" stammen aus! dem Atelier der Gebr. Falck. .Das aus die Oper solgende einaktige Ballett „Waldzauber" hat den ersten Ballettmeister und Pantomimisten des Prinz Ferdinand-Theaters, Herrn' Charles Rosin, zum Verfasser; die musikalische Illustration lieferte Kapellmeister Theo Klemm. Tie Hauptrolle in der! choreographischen Phantasie ist der Signorina Giuseppina' Caracci, bisher Prima Ballerina am Sau Carlo-Theater tn Neapel, übertragen worden. Tie dekorative Ausstattung (nebst der großen Wandeldekoration) lieferten die Ateliers! von Quaglio, Gebr. Falck und Thoouan, die Kostüme die Firmen Baruch u. Co. und Emden Sohn. Tas Theater wird bereits eine Stunde vor Beginn der Vorstellung ge- öffnet werden, um beit Besuchern Gelegenheit zu bieten,- bo§ neue Haus kennen zu lernen. Am Sonntag wirb bis Sonnabeiid-Borstellung wiederholt. Am Montag findet dis erste Schauspiel-Vorstelluiig statt und zwar das Drama eines' Neulings: „Fata morgana" von Wolfgang Schwerdt, in dem! it. a. die Damen Vieweg, Held, Lobedanz, Eberhard nnbi die Herren Gerster, Arnstein, v. Hegern und Trvnk beschäftigt sind. Der Dienstag bringt eine Wiederholung von! „Quartier latin", der Mittwoch zum zweiten Male „Fata! Morgana". Am Mittwoch Nachmittag 2 Uhr findet als! erste Vorstellung zu ermäßigten Preisen eine Aufführung' von „Kabale und Liebe" statt. Donnerstag Abend: „Aida". Freitag „Faust erster Teil", Sonnabend „Quartier latin". Am Sonntag Mittag 12 Uhr: musikalische Matinee zum Besten des unter dem Protektorat Ihrer Hoheit der Prinzessin Luise stehenden Waiseicheims Bethseba; Sonntag! Abend: „Faust zweiter Teil" in der Bearbeitung von Ed.- Devrient und Chr. Gericke, Beginn 6y2 Uhr."
Tas war aber noch nicht alles. Der Inseratenteil verriet noch mancherlei mehr. Rudolf Dressel, der bekanntS Traiteur, zeigte au, daß er das Weinrestaurant im Prinz Ferdinand-Theater übernommen habe und eigenhändig leiten werde, und daß die Bierwirtschaft im gleichen Hanfs von ihm der wohlakkreditierten Firina Franz Neumann' übertragen worden sei. Im lokalen Teil der Blätter dagegen! fand man wieder enthusiastische Schilderungen von der Pracht des neuen Hauses, die aus der Feder des braven! Zeilen-Kuappe stammteil und gegen die eine, mit der Chiffrs W. H. unterzeichnete ausführliche und geradezu vernich- tende Beurteilung der Architektur des Prinz Ferdinandl-, Theaters in einem Montagsblatte entnüchternd abstach. Tann regnete es täglich kleinere Notizen: „Wie wir hören, ist Wolfgang Schwerdt das Pseudonym für einen in Qued- lmburg lebenden Rechtsanwalt" . . . oder: „Ter Kaiser wird! aller Vermutung nach der Eröffnung des Prinz Ferdinand- Theaters beiwohnen. Dagegen hat das Hofmarschallamt das Angebot der Direktion, die sogenannte Kaiser-.Loge täg- licy für die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften reserviert zu halten, abgelehnt" .. . oder: „Die Regie bei Rafaölis! ,Quartier latin' führt Direktor Otto von Seeben" . . . und!
12.
Seit acht Tagen war in den Zeitungen Berlins folgendes Inserat zu lesen:
Prinz Ferdinand-Theater.
Eröffnungsvorstellung: Sonnabend, den 27. September.
Zum ersten Male:
„Quartier latin“.
Drama in drei Aufzügen mit Benutzung eines Nomanmotivs von L. Bechstein. Dichtung und Musik pon Arigo Nasaeli.


