Ausgabe 
3.2.1906
 
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Und Thomas Conradin redet.

Tie Rede hätte auf alles gepaßt. Er hätte damit ebensogut eine Geweihausstellung eröffnen, als einen von Zulus erschlagenen Missionar bestatten können. Sie war in gleicher Weise geeignet, die Wiederkehr des Tages des Rastatter Gesandtenmordes zu betrauern, wie die Taufe eines FindeMndes zu verschönen, die Generalversammlung eines Äesekränzchens zu würzen oder eine wissenschaftliche Expedition gegen die Beulenpest einzuleiten. Es war eine der außerordentlichsten Reden, die ich je gehört habe.

Und sie dauerte so lange, daß das schöne Eis auf der Schüssel vollständig zu einer kalten Sauce zerflossen war, bis er seinen Spruch mit einem dreifachen Hurra auf die Wendung überraschte allgemein auf den Oberkellner derBlauen Rose" beendigte.

Nach dieser Rede verfiel Thomas Conradin in einen betrübenden Zustand der Teilnahmlosigkeit. Nur zuweilen sagte er leise und zu sich selbst:Prost!" und trank aus dein längst leeren Sektkelch einen imaginären Ganzen auf fein Spezielles.

Bon nun an ist meine Erinnerung lückenhaft... Es muß schon einige Stunden später gewesen sein, da erkenn' ich an einer großen wüsten Tafel auf dem Ledersofa Wil­helm Möpsel, den lustigen Gastgeber, der Unmenschliches vertragen kann, mit einem Glase Pilsener vor sich und einen Assistenten vom pathologischen Institut neben sich, der durch seine Seßhaftigkeit berühmt ist. Sie streiten leb­haft über einen Fall von Gehirnerweichung, der Möpsels kritischem Urteil im Examen unterbreitet worden war.

Ich muß sagen, daß mich in meinem augenblicklichen Zustand der seelischen Ermattung diese Unterhaltung über Erweichungsherde im Gehirn, über Pfropfenbildungen in den Hirngefüßen und über Entartungen der Gefäßwände nur mäßig auffrischte. Ich lehnte das Pilsener Bier ab, konstatierte noch, daß Thomas Conradin neben mir in einem Sessel lag, den Kopf mit einer Serviette zugedeckt, und schnarchte; dann döste ich selbst ein bißchen weiter.

Der erste Schimmer des Morgens fiel in das Hinter­zimmer derBlauen Rose", als mir Möpsel auf die Schulter schlug und mich ermunterte. Er war schon in Hut und Paletot.

(Schluß folgt.)

De rmi fcbtes«

Französische Schauspielgrößen als preisge­krönte Landwirte! Tie nächste Nummer des offiziellen Regierungsblattes, so schreibt man uns aus Paris, wird zwei Sternen am Pariser Kunsthimmel eine Auszeichnung auf einem Gebrete bringen, das interessantcrweise ihrem eigentlichenGe- werbe" fernliegt. Auf dem Gebiete der Landwirtschaft, für ihre hoherr Berdrenste um diese, erhalten die Auszeichnung der Ehren- legron: A n n e I u d i c, die berühmte, seht ins Fach der komi- iwen Alten übergegangene O p e r e t t e n s ä n g e r i n von einst, und Mounet Sully, das hochbetagte Mitglied der Comödie ossanyarse, Frankreichs größter -Lchauspieler. Anne Judic erhalt alsProprrstaire aux Nids ä Mallon (Yonne)" für ihre im Interesse wissenschaftlicher Studien betriebene Tierzucht, die rhr schon zahlreiche Ehrenpreise eingetragen hat, das Kreuz der Ehrenlegion. Mounet Sullhviticulteur dans la Dor- dogne , Inhaber von Ehrenmedaillen von der landwirtschaftlichcil Konkurrenz zu Bergerae, wird Offizier der Ehrenlegion; er hat also alS Wembauer sich jene hohe Auszeichnung errungen. Ceres, Melpomene und Thalia reichen sich hier in Freundschaft die Hand!

* Zunahme des Teekonsums. In welchem Maße cft Tee verbraucht wird, ist kaum zu glauben. Es gibt Leine, die zugestandener« maßen es nicht anshalten können ohne reichlichen Tecgennß von in der Kegel starken Aufgüssen. Einige trinken an 7 Liter innerhalb 21 Stunden imb manche sind überhaupt nicht, imsiandc, zu beurteilen, wieviel sie ton« sinnieren. ES sind bas mchiS mehr oder weniger als Säufer im eigentlichen Sinne, und Tee ist hier für sie dasselbe, wie für den Alkoholiker der Alkohol. Zn fast allen beobachteten Fallen war die Methode der Tcebcrcitnng die gleiche, und es ist verderblichere und notwendig folgenschwerere kaum zu erdenken. Es wird nämlich eine ungemessene Quantität der Blätter in den xcetopf zu den alten hineingeworsen und die Prozedur wiederholt. Dies ergibt schon nach der ersten Infusion eine mit Tannin und Thein reich, gesättigte Flüssigkeit In jüngst erschienenen Berichten der inländischen Rrantenanfialtcn wird den übermäßigen Teetrinkerti ein hervorragender i, ätiologischen Faktoren der Geisteskrauken cingerälimt. D-e'-S Fasiunl sowie das Anwachsen des jährlichen Teeinports lassen ein gründliches Ltudium der Tee-Trinksucht wünschenswert erscheinen. m t n W Mörderin", so betitelt sich ein ergreifender Aussatz von Professor Dr. Ma; Flesch in einem Frauenblatte. Prof. Flesch knüpft

an den Mannten Mord-Prozeß an, der kürzlich in Offenbach gespielt hat. Ter Tatbestand ist folgender: Die Mörderin hat ein Kind erdrosselt und beifeite geschafft, das nichts ahnend zu ihr kam, um einen Bereinsbeitrag zu erheben. Der Mord war wohl vorbereitet. Das Todesurteil war un­ausbleiblich niid durch den Tatbestand, der keinerlei Sympathie für btt Verbrell crin möglich erscheinen lägt, vollauf gerechtfertigt, ist aber trotzdem später im Gnadenwege in lebenslängliches Zuchthaus nmgewandelt. Den wirklich Schuldigen sieht Prof. Flesch jedoch nicht in der Frau, sondern in dem jammervollen Eheverhältnis, in dem sie lebte; ja diese ökonomische Abhängigkeit vom Mann, unter der zahlreiche Frauen leben, war der Grund des Hebels. Die Gerichtsverbandluiig hat ergreifende Bilder dieser Ehemisere aus Licht gezogen, so daß es in dem Artikel heißt:Weich' ein stumme- Titlden, weich' ein durch Jahre getragenes maßloses Leiden mußte voran­geben, bis die Aermste, ein Opfer ihrer Pein, zu detikschwach, um noch zu wissen, waS sie jetzt tat, gegen Natur und Sitte sich aufiehnend, zur Mörderin, zur gemeinen feigen Bestie gegen ein wehrloses Kind herabgesuiiken ist".

* A us de m Examen. Neber schweißtreibende Büttel plaudert ein Mitarbeiter in der Straßb. Post. Bei der Gelegenheit, so heißt eS dort, fällt mir aus meiner Jugendzeit eine kleine Anekdote ein. Bor der medizinischen Prüfungskoiumission in B. erschien ein junger Kbeinlänter bei dem die Schalkheit bedeutend besser ausgebildet war als das fachliche Wissen. Er hatte im bisherigen Verlauf des Examens noch keine Furore hervorgerufen, als ihm ein Examinator die Frage vorlegte, ob er ihm ein schweißtreibende- Mittel angeben könne. Unser Kandidat besann sich nicht lange, sondern fefjte ein sehr schlaues Gesicht auf und antwortete stotternd diese Eigen­tümlichkeit fehlte ihm auch nichtEin königlich pr pr pr preußisches St St St Staatsexamen!" Der Unglückliche bestand die Prüfung nicht, rächte sich aber dafür an der menschlichen Gesellschaft, indem er in feiner Vaterstadt ein kleines Wochen­blatt gründete, das er mit Geschick der chronique scandaleuse zugänglich zu machen verstand. Er redigierte daS inzwischen wohl längst eingegangene Blatt in einer Weise, die von den Betroffenen zuweilen wohl auch al- hochgradig schweißtreibend empsiinden worden sein mag.

Selbsterkenntnis. Frau (mißmutig zu ihrem Gatten, der sie zum zehnjährigen Hochzeitstage mit einem Schmuckstück beschenkt bat, das ihr nicht gefällt):Pfui, so etwas Häßliches. Du hast doch aber auch gar keinen Geschmack." Gatte (seuf­zend) :Das habe ich schon heute vor zehn Jahren betviefen."

Für Mütter.

Die Neujahrsnummer Nr. 16 des Jahrganges der Zeitschrift für Kinderpflege und KiudererziehungUnser Kind" liegt uns vor, welche dem einleitenden Neujahrsgruße an Leserinnen und Mitarbeiter folgend, al- Fortsetzung der ArtikelserieKindernätrmittel" von Dr. I. Roland, die Beschreibung Lahmanns vegetabilen Milch, der Backbausmilch u. m. a. bringt; weitere Artikel hygienischen Inhalts sindDer Einfluß der Schule auf die körperliche Entwicklung der Kinder";lieber kalte Füße"; dann:Ersrierniigen leichteren Grades".Fachgemäße Abhärtung unserer Kinder";Tas Schlittschuhlaufen". Bon den Artikeln erziehlich, pädagogischen Inhaltes sei ganz besonders auf Charlotte Dittmann- lieber das Erzählen" hingewiesen von vielen Müttern wird auch Poldi Neudeks:Das selbständige Esten der Kinder" mit Interesse gelesen werden. Der wie stets reichhaltigeBriefkasten" undBücherbespreck tmg« beschließen den Inhalt der Nummer 16 dieser unsererseits allen Eltern auf das Angelegentlichste empfohlenen Zeitschrift. Die Administration von Unser Kind", Wien, I. Mölkerbastei 10 versendet Probenummern.

Am Torgraben.

Der Abend legt sich iretmdlich um die Dächer, Tie Schwalben bogen girrend durch die Luft . . , Vom Giebelsenster mit 'verschlafner Stimme Em Bübchen weinend nach der Mutter -ruft.

Die Schatten klettern laitgsam bis znm Firste, Das letzte Sirellchen Abendrot verglimmt, Rotleuchtend äugen Fenster in die Stille, Wo alles dunkel inemander schwimnu.

Das ist so tratilich stilles, weiches Leben, Das müde in dte kleinen Häuser zieht . . , Ans engem Stübchen komint mit Mädchenstimmen Ein tränenwehes altes Liebeslied . . .

Gießen. Karl Neurath.

Magisches Zahleaquadrat.

Nachdruck verboteti.

In die Felder nebenstehenden Quadrate?

--sollen die Ziffern

___ 7 42 74 115

viermal derart eingetragen werden, daß di« ___Summe der Zahlen in jeder der senkrechten, wagerechtesi und Diagonalreihen stets 238 beträgt

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nunnnerr Deutsche Hiebe.

Redaktion: Ernst Heß. Roiatwnsdruck und Verlag der Brühl'fchen UnwersitStL-Vuch- und Steindruckeret. R. Lange, Dietzen.