8
Kinde nach allen Seiten gerecht zu werden, sucht m dre Seele des Kindes einzudrmgen, seine Regungen zu verstehen, seine Entwicklung zu verfolgen, die kindliche Kraft, die Kraft fürs Kind, kindliche Spiele, kindliche Sprache smd Gegenstände ernster Forschungen geistreicher Frauen und Männer.
Gegenüber diesen das Seelenleben des Kindes betreffe- den Arbeiten, deren praktische Konsequenzen der Pädagogik zugute kommen, darf aber das leibliche Wohl des Kindes nicht vergessen werden — nur ein gesunder, kräftiger Körper vermag dauernde anstrengende geistige Arbeit zu leisten. Wenn in der Fürsorge für das leibliche Wohl des Kindes noch viel zu wenig geleistet wird, so hat das seinen guten Grund. Tas materielle Wohl verlangt materielle Mittel, mit diesen ist es für die Kinder recht herzlich schlecht bestellt. Tie Ruhmestat des vorigen Jahrhunderts, die soziale Fürsorge für die Armen und Krcuiken hat die Kinder vergessen, unser Jahrhundert hat angesangen es nachzuholen, schützt gesetzlich die Schulkinder vor Schädigung durch Erwerbsarbeit, sorgt durch Schulärzte für ihre Gesundheit, Milchspenden für ihre bessere Ernährung. Um das Kind vor der Schulzeit und gar das Kind vor dem ersten Lebensjahre, den Säugling, kümmert sich die soziale Fürsorge nicht im geringsten. Alle Sorge ist der Mutter überlassen. Sind denn da bei der Mutter die Säuglinge nicht aber am besten ausgehoben? Ter Mutterliebe zarte Sorgen bewachen seinen jungen Morgen. Jeder Zweifel daran klingt wie ein Verbrechen, — wohl, es besteht auch gar kein Zweifel darüber, daß für die Säuglinge die Mutter am besten sorgt, aber — und um dieses Aber kommt die ausopferndste, treueste Mutterliebe nicht herum — aber nur dann, wenn sie sorgen kann. Wenn dem Säugling die Mutter ganz oder auch nur zum Teil genommen wird, wenn die Mutter sich ihrem Kinde sich nicht widmen kann, nützt alle Mutterliebe nichts. Ja, um ihrem Kinde wenigstens das Leben zu erhalten, und sei es ein noch so kümmerliches, zwingt die Mutterliebe oft die Mutter, sich von ihrem Kinde zu trennen.
Also heißt es dem Kinde die Mutter iviedergeben.
Ist es denn nun wirklich so schlecht um die Säuglinge und kleinen Kinder bestellt? Entbehren denn wirklich so Viele die schützende, erhaltende Sorge der Mutter? Leider ja! Tas lehrt die hohe Säuglingssterblichkeit. Alljährlich werden die Säuglinge in einer Weise dezimiert, daß man es nicht für möglich halten würde, wenn eben nicht die Richtigkeit der Zahlen über jeden Zweifel erhaben wäre. Sterben doch in Deutschland jährlich weit über 420 000 Kinder, ehe sie das erste Lebensjahr vollendet haben, d. s. von 100 Geborenen über 25. Leider müssen wir noch gleich hinzufügen, daß Deutschland .in diesen ungünstigen Verhältnissen nur von Rußland und teilweise von Oesterreich übertroffen wird; alle anderen Länder haben eine geringere Säuglingsmortalität als Deutschland.
Vor noch nicht 50 Jahren ist zum ersten Male die überaus hohe Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahre nach gewiesen worden, und seitdem ist das Kapitel der Säuglingssterblichkeit dauernd und intensiv von Kinderärzten, Hygienikern, Statistikern und Nationalökonomen bearbeitet worden. — Nach Feststellung der Tatsache, daß überall und zu allen Zeiten die Säuglingssterblichkeit eine enorm hohe ist, gegenüber der Sterblichkeit in anderen Lebensjahren, haben ausgedehnte Arbeiten die Ursache dieser hohen Sterblichkeit im ersten Lebensjahre zu erforschen gesucht, um Mittel und Wege zu ihrer Bekämpfung zu finden.
Tas; die hohe Säuglingsmvrtalität schon vor ihrem statistischen Nachweis den A"rzten wie dem Volke bekannt war, daran ist nicht zu zweifeln, allein man war sich sicher nicht der erschreckende Höhe derselben klar, dann auch nahm man sie als etwas Selbstverständliches, Unabwendbares hin. „An Grec,an und Säuglinge^: ist nichts zu doktern". Dieser Spruch, den man heute noch häufig zu hören bekommt, illustriert deutlich die landläufige Auffassung. Bekannt ist ja, daß bei verschiedenen Völkern, um die vergebliche Mühe des Aufziehens zu sparen, schwächliche Neugeborene einfach ausgesetzt, dem sofortigen Tode übergeben werden. Einen gewiss-n Grad der Berechtigung kann man ja dieser barbarischen Maßregel nicht absprechen; manchmal mag es sogar humaner erscheinen,ein Neugeborenes sofort dem Tode zu überlassen, als es zu einem langsamen
Sterben zu verurteilen, wenn angeborene schwere Bildungsfehler ein am Lebenbleiben unmöglich machen.
Es liegt nahe, diese vom ersten Tage ad Verlorenen für die hohe Säuglingssterblichkeit veranUvortlich zu machen, und meines Erachtens erklärt die Hoffnungslosigkeit der Therapie bei diesen von vornherein zum Leben Unfähigen den Fatalismus gegenüber der Säuglingssterblichkeit im allgemeinen, denn geht ein Säugling ein, ohne daß ein grober Bildungsfehler zutage lag, nun so war es eben ein innerlicher, das Kind war zum Leben zu schwach.
Allein es ließ sich bald nachweisen, daß diese von Geburt an Lebensunfähigen nur einen sehr geringen Anteil voll der Säuglingssterblichkeit ausmachen.
Statistische Ermittelungen, lenkten bald die Auftnerk- samkeit auf einen anderen Faktor als Ursache der hohen Säuglingssterblichkeit, nämlich auf die Ernährung der Säuglinge.
(Schluß folgt.)
Die neue Foutane-Ausgabe.
Von der Gesamtausgabe der Werke Theodor Fontanes, die die Verlagsbuchhandlung von F. Fontane u. Co. in Berlin- Grunewald veranstaltet, und deren wir bereits wiederholt Erwähnung getan haben, liegt die erste Serie geschlossen vor. sie umfaßt in zehn starken Bänden die Romane und Novellen Fontanes Man gewinnt hier ein Bild von der staunenswerten Schaffenskraft des märkischen Dichters. Für einen anderen Schrift- steller wurden zehn Bände gediegenen Inhalts ein anständiges und achtbares Lebenswerk bedeuten; Fontane begann seine Tätigkeit als Romanschriftsteller in einem Mter, das bei vielen anderen als der Eintritt des Lebensabends betrachtet ward. Er stand im 60. Lebensjahre, als er 1878 seinen ersten großen Roman schrieb, und er hat feine umfangreiche belletristische Tätigkeit erst beendigt, als der Tod dem Äceunundsiebzigjährigcn die nimmermüde Feder aus der Hand nahm. . . . Was Fontane vor seiner letzten Arbcitsperiode geschrieben hat, seine Bucher über England, seine Kriegsberichte von 1864, 66, 70/71, ferne Erlebnisse als Kriegsgefangener, aus den Tagen der Okkupation, seine Gedichte und Balladen, die Briefe und Kritiken, die Selbstbiographie, die klassischen Wanderungen durch die Mark, werden weitere Serien füllen und ein Bild geben von der gewaltigen Lebensarbeit, von seiner nimmermüden Erfindungs- und Gestaltungskraft, feinem gewissenhaften Fleiße.
Wre allen Schriften Fontanes, sind diese Eigenschaften auch seinen Romanen und Novellen eigen, deren letzter, „DerStech- l i n" erst nach seinem Tode 1899 erschien. Sie alle legen Zeugnis ab von einer bewundernswerten Beobachtungsgabe der Natur wie der Menschen, von einer Fähigkeit, das Beobachtete mit realistischer Treue, die sich zuweilen bis zur Rücksichtslos igkeit steigert, wiederzugeben. Fontane, der in seinen Romanen den Ehebruch wiederholt als Konfliktstoff benutzt hat — cs sei nur an „L'Adultera" und „Effi Briest" erinnert — schreat nicht davor zurück, auch die gewagtesten Situationen dem Leser vorzuführen. Aber er bleibt dabei immer dezent; er wird niemals roh, Unästhetisches ist ihm zuwider. Darum vermeidet er sowohl das brutale Ausmalen verfänglicher Szenen wie daZ lüsterne Andeuten, ohne das viele „Moderne" nicht auskommen zu können glauben. Wieder seien hierfür die beiden oben angeführten Werke als Zeugen in Anspruch genommen. ,
Musterhaft löste Fontane die großen psychologischen Aulgaben, die er sich selbst stellte. Mit besonderer Liebe behandelt er zwei Typen: den Urberliner (Kommerzienrat v. d. Straten in „L'Adultera", Prof. Willibald Schmidt in „Frau Jenny Treibet") und den märkischen Junker, als dessen Normalbild mit allen dieser Menschenklasse eigenen CharakteristiciS er ^ins den alten Stechlin zeigt. Eine der schönsten psychologischen Studien ist „Stine", der Liebesroman des anständigen Aristokraten mit dem Mädchen aus dem Volke; auf derselben Höhe stehen „Irrungen, W i r r u n g e n", die das Problem von einem ganz anderen Standpunkte behandeln; endet „Stine" tragisch, so führen „Irrungen, Wirrungen" zu einer „gütlichen" Lösung. Eines der interessantesten Kavitel bei Fontane ist die nnterschled- liche Art, wie er Männer- und Frauencharaktere behandelt. Seme Männergestalten sind festgefügt, geben stets ein klares Bild; feine Frauen sind Rätselfigurcn. Es war für den Dichter stets besonders reizvoll, der J-rauenpsyche auf ihren verschlungenen Entwickelungspfaden nachzuspüren, sie gewissermaßen anatomisch zu zergliedern und unter das Mikroskop, zu nehmen. Man lese auf diesen Gesichtspunkt hin „Effi Briest".
Gleich groß wie als Psychologe ist Fontane als „Milieu - schilderer. Hier sind es vor allem zwei Momente, das Berliner Leben und die märkische Landschaft, denen er immer wieder neue Seiten und neue Reize abgewinnt. Prächtig ist die Schilderung des sich zur Großstadt entwickelnden Berlin der siebziger Jahre in „L'Adultera" und in „Irrungen, Wirrungen". Wundervolle Bilder der märkischen Winterlandschaft werden in „Bor dem Sturm" entrollt: die nächtliche Fahrt durch den Barnim, die Schlittenpartie nach Lehnin sind ebensolche Kabinettstücke, wie


