Ausgabe 
3.1.1906
 
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Miirvoch de» 3 Sünna«-

4e

SB

Jem Waßrer?, Edlen, Schönen.

Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.)

1.

®e9eit Mittag hatte sich das große Speisezimmer in der Wohnung der verstorbenen Sängerin bereits so mit Menschen gefüllt, daß die Neuankommenden sich an den Wänden entlang .drängen mußten, um in die Nähe des Auktionators zu gelangen. (SS war ein fröhlicher März­tag, und es ging ein laues Frühlingswehen durch die Straßen der Weltstadt; aber hier drinnen blieben die Fenster sorgfältig geschlossen, und als eine rasche Hand es wagen wollte, einen Riegel zu öffnen, um einen Strom Lenzlnft in das Zimmer zu lassen, erhob sich sofort ein sehr fiitet Herr, der dicht am Tische des Auktionators rn entern hochlehnigen Kirchenstuhl mit wundervollem «chmtzwerk saß, und wehrte energisch ab mit einer Stimme, bte wie das Weinen eines kleinen Kindes klang... . dieBente" der armen Peretti nicht in einem der üblichen Auktionslokale, sondern in der ehemaligen Wohnung der Sängerin stattfand, hatte seinen guten Grund A,te Verkaufsleiter hatten sich von diesem Arrangement eine besondere Anziehungskraft versprochen und sich in ihrer Vermutung atich nicht getäuscht. Tie Rosalba Peretti war wie ent Meteor am Himmel der Kunst nnd der Lebewelt aufgegaugeu und wieder versprüht.

,, .Vor drei Jahren war sie zunt erstenmal in der Haupt- ftiidt an,getreten nicht in der Oper, sondern in einer großen Singspielhalle, wo man für jebe Sensation un- 061;eure eummen zu zahlen pflegte, und hatte durch den phänomenalen Umfang ihrer Stimme, die auch in erstann- licher Hohe noch ehre Reinheit und einen kristallenen Wohl- klang behtelt, die musikalische Welt in Entzücken versetzt.

Sie, war in der Tat ein Wunder auch ein Wunder an Schönheit. Man wußte nicht, woher sie kam. Sie gab f.tch für ente Brasilianerin aus, aber es wurde behauptet sie set eine galizische Jüdin. Sie trat in Phantasie- kostumen auf, die mit Brillanten übersäet waren. Haar-, Hals- und Fingerschmuck waren von märchenhafter Kost- barkett. Unter der Gewandung wurden infolge geschickter galtenrafsung stets die feinen, schmalen und in raffinierter

>- gehaltenen nackten Füße sichtbar. Man sah sie auf . 2-uyue immer nur in Sandalen, und auch an den zierlichen Zehen blitzten Edelsteine. Ihre Kostüme waren in keiner Weise indezent; aber schon die Mär voll ihren naateit Fußen füllte die Logen mit Glatzköpfen und gierig ^.esbvnnten Gesichtern. Und dann kam der Klatsch und er­zählte Aretiiio-Geschichten von dem Leben der Tiva. Und auf einmal kam der Tod ein grauenhafter, schrecklicher und plötzlicher Tod, der ein üppig blühendes Dasein in einem Augenblicke auslöschte. An einem Lenzmittage trat ote Peretti aus einem Blumenladen in der Friedrichstraße

und hatte drei Lilien in der Hand. Da löste sich über ihr am Hause ein Stuckgesims und schmetterte krachend herab. Man trug das .unglückliche Mädchen entseelt in ihren Wagen zurück, mit gräßlich zermalmtem Kopfe; aber in der rechten Hand hielt sie noch immer zwischen den zu- santmengekrampsten Fingern die drei weißen Lilien. Nur leuchteten auf den zurückgerollten weißen Perigonblättern der Blüten jetzt purpurne Tropfen.

Tie Verauktionierung ihres Nachlasses brachte inter­essante Einzelheiten. Am ersten Tage sollten ihre Bril­lanten versteigert werden. Aber bei der Abschätzung stellte sich heraus, daß fast die sämtlichen Steine falsch waren. Dafür fand sich, daß die Peretti auf der Deutschen Bau! ein Depot von rund einer Million Mark besaß. Nun wurde der Klatsch abermals laut. Es hieß, die schöne Rosalba habe die Angewohnheit gehabt, die Brillanten, die ihre Verehrer ihr zu Füßen gelegt, stets sofort zu verkaufen und durch unechte Steine zu ersetzen. Es hieß auch: alles sei Lüge, was mau vou der großen rauschenden Orgie ihres Lebens zu erzählen wisse. Sie sei als starre Tugend durch eine glitzernde Scheinwelt gewandelt, und die Million auf der Deutschen Bank fei der rechtmäßige Erlös umfangreicher Gruben und Minen irgendwo drüben in Amerika, die ihr von ihrem Vater hinterlassen worden seien. . . .

* Alles das, und mehr noch die romantischen Versionen, die über die Erben ihrer Glücksgüter kolportiert wurden viel Unsinn und wenig Wahrheit hatten eine große Menschenmenge zu der Auktion gelockt. Es war heute der dritte Tag, und es sollten die Nummern 315 bis 602 des Katalogs zur Versteigerung kommen: allerhand Bric-ä-brac und kostbare -Bibelots, eine Sammlung von Gürtel­schnallen, Ssvres und Alt-Meißen, Kupferstiche und Bücher, sowie vereinzelte Möbelstücke von großer Schönheit ober mit historischem Nachweis kurzum ein buntes Allerlei, das auch aus anberen Städten Liebhaber unb Händler herbeigeführt hatte.

Tie meisten auf der Auktion kannten sich, fanden sich bei jeder Versteigerung immer wieder zusammen, nickten sich zu oder begrüßten sich als alte Freunde unb betrach­teten sich beim och gegenseitig mit mißtrauischen Augen. Vorläufig beherrschte der Hofantiquar Samuel, der alte Herr, der dicht am Auktionstifche saß, noch immer die Situation. Er sah mit feinem glattrasierten Gesicht und dem kurz geschnittenen weißen Haar eher wie ein englischer Peer als wie der arme Hebräer aus, der vor fünfzig Jahren in der Nosenthaler Vorstadt mit altem Silber gehandelt hatte. Schon bei der üorbesichtigung schnüffelte seine große Nase überall umher, glitten seine elfenbeingelben Spinnenfinger prüfend über dies und jenes Möbelstück, blitzte fein lebhaftes Ange über altes Kristall und seltsam geformtes Porzellan und ging allen Dingen mit der reifen Erfahrung eines geriebenen Kenners auf den Grund. Nun saß er anscheinend still auf dem hochlehnigen Kirchen-