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Ein Pärchen fit Trauerkleidung, mit Kränzen ausgerüstet, strebte hinaus nach dem Wiener Favoritenkirchhof. „Dr. Franzl", sagte die junge Fran zu ihrem Gatten, „wemr's nicht sein mühte, ..... glaubst du nicht, das; ich schon jetzt müde bin?"
Frauzl war schlechter Laune, er hatte die Nacht mrt dein Hausmeister einen K'rach über die Höhe des Sperrsechscrls gehabt. „Na ja", brumnite er ärgerlich, „was t>n zu Ehren deiner Schiviegermutter tun sollst, war dir von jeher zu viel/ , .
„Red litt so, Frauzl", schmollte die Frau, „hab ich fte nicht verpflegt bis an ihr Lebeuseud? Wer hat denn all die Plag gehabt während der lange» Krankheit?"
„Na, ja", stimmte Frauzl etwas beruhigter bei, „'s war ja eine schlimme Sache mit der Krankheit. Aber das; dich das so angestrengt hat, dast du immer gleich todmüde bist, wenn du zehn Schritte gegangen bist .
Die junge Frau wurde blutrot tm Gesicht, senkte das Köpfchen und schwieg. _ „ .......
.— — Auf dem Friedhof schob sich eine dichtgedrängte Menschenmenge durch die Gänge. Fast kein Grabhügel war ohne Schmuck gebliebeii und als die Dämmerung hereinbrach, flammte zuerst hier, daun dort ein Lichtlein auf, bis schlicszlich der Friedhof in einem Meer von Licht erstrahlte.
Während die junge Frau das Grab ihrer Schiviegermutter schmückte, trat Franzt bei Seite imd verrichtete ein stilles Gebet.
„'s tvar eine brave Frau, meine Mutter, Gott hab sie selig", meinte Franzl, „die hat was z'samm geschafft in ihrem Leben. Und an Kummer und Sorgen hat's ihr wahrlich nicht gefehlt. Aber sie hat alleweil in dec Arbeit Trost gesucht und gefunden. Da war ihr ein ruhiger Lebensabend recht zu gönnen."
„Ich hab' sic gepflegt nach Kräften",- meinte die junge Frau, „und sie ist auch sanft und schmerzlos hinübergeschlummert."
„Ja", stimmte Franzl zu, „'s war ein ruhiger Tod . . . Schade, duß ich ihr nicht noch die letzte Freude bereiten konnte--"
Die junge Frau errötete von neuem, ergriff den Arm ihres Mannes und beide traten den Heimweg an. Als sie das Friedhofstor hinter sich hatten, blieb die Frau plötzlich stehen, neigte ihren Mund au ihres Mannes Ohr und flüsterte ihm etwas zu.
„Potztausend", rief er freudig erregt aus, „wenn das die Selige noch hätte erleben können! Also daher deine fortwährende Müdigkeit. . ."
Die junge Frau nickte, während ein Freudenstrahl ihr Gesicht verschonte, — ein glückliches Paar mehr auf der Welt!
Vermischtes.
* Der Deutsche als Mustergatte. In der eng- kischcn Wochenschrift „Answers" finden wir folgende Bemerkung, die den deutschen Ehemann in englischer, für ihn sehr günstigen Beleuchtung zeigt; „Frau B. zufolge gibt cs keinen Ehemann auf der Welt, der mit dem deutschen Ehemann verglichen werden könne; und da unsere Gewährsmännin eine Engländerin ist, sollte ihre Meinung Gewicht haben. „Dem Deutschen", sagt sie, „geht die eigene Frau über die ganze übrige weibliche Welt. Er behandelt sie mit unwandelbarer Herzlichkeit und Verehrung und bezeigt ihr alle jene kleinen Aufmerksamkeiten, die die Frauen lieoen; er macht sie zu seiner Vertrauten und Gefährtin, teilt seine Freuden mit ihr und befragt sie in Geschäftsangelegenheiten. Er hat fast nichts in seinem Leben, das ihr fremd bleibt, und ist gewöhnlich meiner Meinung nach und der von tausenden anderen deutschen Ehefrauen jenes wunderseltene Wesen: der Jdealehe- mann." — Na also!
* Französischer „Königsw ei u". Selbst die Behörden der dritten französischen Republik können nicht immer jede offizielle Erinnerung au die monarchische Vergangenheit ihres Landes vermeiden. In ganz Frankreich ist ein Wein berühmt, der, in nur geringer Menge, an einer rlmauer des Schlosses von Fontainebleau wächst und den Namen „Wein des Königs" trägt. Wollte man ihm diese Bezeichnung nehmen, so würde er sicherlich von seinem Ruhme schnell einen bedeutenden Teil eingebüßt haben. Und da der Wein dem Staate gehört, der Erlös in die Kassen des Finanzministers fließt, so läßt man ihm lieber seine so gänzlich undemokratische Etikette, als ihn int Werte herab- zusetzen. Die Versteigerung des Königsweins lockt jedesmal nicht nur Händler und Freunde eines guten Tropfens, sondern auch Liebhaber der Geschichte nach Fontainebleau hinaus und, diese bestaunen ehrfürchtig die Mauer, an der sich der Wein hinaufrankt, der seine Anlage, der Ueberlieserüng zufolge, Heinrich IV., dem galantesten Könige von Frankreich, verdankt. Als Therese Humbert, die geniale Millionenschwindlerin, noch im Besitze ihrer ergaunerten Reichtümer war, erwarb sie jahrelang den größten Teil des Königsweins von Fontainebleau, um ihre Gäste mit dieser Delikatesse des Weinbaus zu regalieren. Damals brachte die Jahresauktion bedeutend höhere Summen als letzt, denn der großen Therese kam es nicht darauf an, die Preise tüchtig in die Höhe zu schrauben, — es ging ja schließlich auch nicht um ihr Geld. Seitdem sie vom Schicksal ereilt worden ist, vollzieht sich der öffentliche Verkauf des vielgepriesenen
Königslveiues wieder in normalen Bahnen. Die jetzige Versteigerung, die vor einigen Tagen vor sich ging, brachte nicht viel mehr als zweitausend Mark.
* Wie hoch ist die Temperatur der sonne? Zu dieser von Astronomen und Physikern viel umstrittenen Frage liefert der Pariser Professor M o i s s a n in einem Vortrage vor der „Acadömie des Sciences" einen neuen Beitrag. Der Prometheus schreibt darüber folgendes: Schon 1892 war es Moissan gelungen, eine große Anzahl von Metallen int elektrischen Ofen zur Verdampfung, zu bringen. Die neuerdings fortgesetzten Versuche haben gezeigt, daß all Metalle und sehr viele andere Stoffs bei Temperaturen bis zu 3500 Grad Celsius in den gasförmigen Zustand übergehen. Insbesondere die Verdampfung des Titans bei etwa 3500 Grad Celsius glaubt Moissan als Anhalt, zur Bestimmung der Sonnentemperatur benutzen zu können, da dieses Element im Sonnenspektrum besonders stark vertreten ist. Ob nun aber damit mehr oder weniger als sicher bewiesen gelten kann, daß die Temperatur der Sonne in der Nähe von 3500 Grad Celsius liegt, ist noch eine offene Frage. Einmal besitzen wir "bisher kein Instrument, das exakte Temperaturmessungen bis 3500 Grad Celsius gestattet (die Angaben der optischen Pyrometer von Wanner, Föry u. a. sind für solch hohe Temperaturen nur Näherungswerte), so daß die Bergasuugstemperatur des Titans nur sehr ungenau bekannt ist, dann aber ist auch in Betracht zu ziehen, daß der Druck auf der Sonneiwberfläche von dem atmosphärischen Druck auf der Erde ganz außerordentlich abweicht, so daß die Temperatur,, bei welcher ein Metall, also etwa das! Titan, auf der Sonne in Gasform Vorkommen kann, von der auf der Erbe in Betracht kommenden Temperatur ganz erheblich verschieden sein kann.
* Das Leben in der Natur. Wenn beim Eintritte des Winters die Blätter von Bäumen -und Sträußern dem Tode anheimfallen, so sind die Stoffe, aus denen sie ausgebaut wor- dcn sind, nicht der völligen Vernichtung preisgegeben. Die Verwesung zerlegt das Zellengerüst der Blätter und die in ihnen noch restierenden Krystalle, Salze und sonstige Ucberreste, die die Pflanze bei der herbstlichen Verfärbung und bei der Rüstung für den Winter nicht in sich zurückgezogen hat, in ihre Grundstosse, in Kohlensäure, Wasser, Kali- und Amuwniaksalze, alles sehr wichtige Nahrungsstoffe für die Pflanzen. Diese ruhen dann int Boden ober schwingen sich auf ins Luftmeer, bis die Frühlingswärme sie wieder dem jungen, keimenden Leben auf der Erde zuführt. Aus diesen Stossen schöpfen die Pflanzen neue Kraft und neues Leben. Durch tausend Wurzelfasern dringen dieselben, int Wasser aufgelöst, in die Pflanzen ein, und wenn die Reserve- stosfe die Blattkiwspen zur Entfaltung gebracht haben, dann nehmen auch die jungen Blättchen die Kohlensäure aus der sie umgebenden Luft mit Begierde auf, um daraus unter der Einwirkung des Sonnenlichtes die unentbehrliche Stärke zu bilden. So werden alle Blattüberreste wieder verbraucht, indem sie zu notwendigen Faktoren beim Aufbau neuer Formen werden. Es gibt demnach, in der Natur keinen ewigen Tod. , Aus den Trümmern und dem Moder des Vergangeneu hebt sich immer wieder das Leben der kommenden Geschöpfe und Geschlechter; alles,, was schon da war, lebt wieder auf, nur in neuer Gestalt.,
Auserwählte.
Die Einzelnen unsres Volkes sterben nicht,
Die unsichtbare Kronen tragen,
In bereit Herz ein Morgenrot wird tagen, Tas immer 'nen Erlöser führt ins Licht.
Wie au! der weiten grauen Wasserbahn Aus all den ruhigen) unruhigen Wogen Urplötzlich Eine schießt in höherem Bogen Und wirst ihr Kronen.silber himmelan:
So heben sich auch ans dem Menscheustrom Gekrönte Häupter aui zum hellen. Äelher, Der als ein Held in Waffen, der ein Beter, Und hie und da ragt Einer wie ein Tont.
Bensheim a. d. Bergstr. Karl Ernst Knodt.
Nachdruck verboten.
Ich bin ein Osfizier, ein lockrer Schmetterling
Und schließlich gar — ist's kalt dir in dein Magen — Erscheine ich als wärmendes Getränk.
Du schlürfft mich dann mit sichtlichem Behagen. ni.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Städtcrätsels in voriger Nummer: Lissabon, Berlin, Brkeg, Meppen, Maiim, Liegnltz, Bamberg;
Leipzig.
Redaktion: wrnst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Sleindruckeret. N. Lange. Gießen.


