Ausgabe 
2.11.1906
 
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würde, was für ein Weines Gesicht sie kriegen und wie unruhig und ängstlich sie werden wurde Der Gedanke erschien ihm so unwiderstehlich komisch, daß er au^> vollem Halse lachte dann sammelte er sich.

Sein Geld würde nicht ewig vorhalten, das war zu­nächst zu bedenken. Es war also das Beste, jetzt gleich nach .Abbotsville zu gehen, solange er noch Geld hatte

Er ging stracks zum Bahuyof und ermittelte, daß vor zwei Uhr nachmittags kein Zug in der Richtung fuhr Dm Reise bot keinerlei Schwierigkeit; der Zug fuhr durch bis Abbotsville. o

Jack stärkte sich mit einem ausgezeichneten Mnllag- essen, versah sich mit einer Flasche Sherry, einer Anzahl belegter Brötchen und war pünktlich zur Stelle. Vielleicht wunderten sich die Mitreisenden in seinem Coups, warum der junge Mann so beständig vor sich hinlächelte, warum er so erregt, so entzückt und vergnügt schien.

Abbotsville!" rief der Schaffner;umsteigen in der Richtung nach Hatton Junction!"

Und Jack verließ das Coups. Willst du glauben, lieber Leser, daß er auch mit keinem Gedanken daran dachte, daß hier sein leiblicher Vater getötet worden war? Ein anderer wäre vielleicht mit Schaudern über die Schienen ge­schritten, die vom Blute seines Vaters gerötet worden waren. Nicht so Jack; keine solche Erinnerung überkam ihn. Er war in Abbotsville, und Abbotsville barg das Geheimnis, das zu enthüllen er sich geschworen.

Er ging in das Städtchen, durch die altmodischen, fast ländlich stillen Straßen. Er sah umher; vielleicht hatte er gedacht, das Geheimnis an den Wänden und Mauern geschrieben zu finden doch es stand nichts daran. Er mietete sich in einem kleinen, netten Hause in einer ganz ruhigen, abgelegenen Straße ein es war ein Wohu- uud ein Schlafzimmer. Als seine Hauswirtin ihn fragte, wie lange er bleiben werde, erwiderte er:

Das loeiß ich noch nicht; ich bin in Geschäften hier und muß bleiben, bis sie erledigt sind."

Mit wunderbarer Vorsicht ging er zu Werke; er über­zählte sein Geld und legte das für die Rückreise nach Elton nötige beiseite. Dann teilte er den Rest irr viele knappe Portionen; jede mußte ihm so und so lange reichen, und er beschloß, klug und vorsichtig damit umzugehen.

Adieu Bier und Zigarren, bis ich die Mittel habe, mir soviel zu kaufen, wie ich will", seufzte Jack, als er seine Bilanz aufgestellt hatte. Aber mit der verlockenden Aussicht auf einen solchen Preis konnte es nicht schwer sein, sich seiner liebsten Genüsse auf eine kurze Weile zu enthalten.

Er ioar also in Abbotsville. So weit war die erste Hälfte seines Planes geglückt; aber jetzt, wo er so weit war, was war jetzt sein nächster Schritt? Ruhe und Nachdenken zeigten ihm alsbald den weiteren Weg.

Er mußte zur Eisenbahnstation gehen und versuchen, sich dort anzusreunden. Dies eine Mal dachte er an seinen Vater; möglicherweise war noch jemand da im Dienst, der ihn gekannt hatte. Somit erfreuten sich die Bahnhofs- beamten etwa gegen neun Uhr morgens des imposanten Anblicks Jacks in seinem neuen Ueberzieher. Er spazierte den Perron auf und ab, nach Kräften bemüht, würdevoll und gleichgültig zu erscheinen. Dann näherte er sich einem grauhaarigen Mann, der eifrig damit beschäftigt war, einen Wagen zn reinigen.

Seid Ihr schon lange auf dieser Station?" fragte er.

Jo 'ne sechs Jahre, Herr", erwiderte der Mann und faßte an die Mütze, bereute aber sofort die Höflichkeit, als seine geübten Augen die Art der Persönlichkeit, die ihn angeredet, feststellten.

Sechs Jahre", wiederholte Jack;wie lange ist denn der Stationsvorsteher hier?"

Kein Jahr. Ich habe in dieser kurzen Zeit drei neue Vorsteher gesehen."

Wißt Ihr vielleicht, ob einer der Beamten oder sonstigen Angestellten lange aus dieser Station ist?" fragte Jack.

»Ich kanns nicht sagen; keiner, daß ich wüßte."

Ich habe nämlich einen besonderen Grund zu dieser Frage. Mein Vater war Bahnwärter und ist hier vor so ungefähr zwanzig Jahren verunglückt."

Sehr nahe scheint Ihnen das nicht zu gehen," sagte der grauhaarige Arbeiter, der genau wußte, wen er da vor sich

hatte.Wenn ich hier mal verunglücke, so werden meine Jungens hoffentlich anders von mir sprechen."

Na, seht Ihr müßt wissen, ich war erst ein Kind von zwei Monaten, als das passierte, wirklich, da irrt Ihr Euch aber es tut mir sehr leid; und gerade der Wunsch, etwas über meinen armen Vater zu hören, hat mich hierher geführt."

Ich möchte nämlich gern jemanden treffen, der ihn gekannt hat und der mir etwas vor: ihm erzählen könnte. Ich weiß, er liegt hier auf dem alten Kirchhof begraben, und ich möchte ihm gern einen Grabstein fetzen lassen, bloß um den Leuten hier zu zeigen, daß ich sein Andenken in Ehren halte."

Und Jack schnitt dabei das wehmütigste Gesicht, das er nur machen konnte.

Eine freie Erfindung natürlich, um die Jack in den seltensten Fällen verlegen war; aber der Gedanke schien dem alten Eisenbahnarbeiter höchlich zu gefallen. Er stand ein paar Minuten still und dachte nach.

Vor zwanzig Jahren", sagte er endlich;das ist eine lange Zeit. Ich glaube, die meisten unserer Leute hier sind unterdessen neu gekommen; halt, laßt sehen da ist der alte Herr Hoggs, der ist in der Gepäckannahme, und sollt ich glauben bald fünfundzwanzig Jahre da. Wie hieß denn eigentlich Ihr Vater?"

William Jefferies."

Na, gut; gehen Sie nur mal zum alten Herrn Hoggs; wenn noch jemand überhaupt etwas von der Sache weiß, so ist das der Mann dafür."

Mit dem Versprechen, ihn noch einmal zu sehen, spazierte Jack das Stationsgebäude entlang und sah auch alsbald das' SchildGepäck-Annahme". Er ging hinein und fand drinnen einen alten Mann emsig bei der Arbeit, den er in seiner besten Manier anredete.

Herr Hoggs, darf ich Sie ersuchen, mir ein paar Augenblicke Ihre Aufmerksamkeit zu schenken?"

Der Alte sah auf, verwundert über die höfliche Anrede.

Hoffentlich", fuhr Jack mit einer neuen tzöflichkeits- salve fort,dränge ich mich Ihnen nicht auf, aber man hat mich an Sie, als einen der erfahrensten Beamten der hiesigen Station, verwiesen."

Das Komvliment war sehr gut gewählt. Des Alten Ge­sicht klärte sich auf, und er hörte Jacks weiterer Rede gespannt zu.

Mein Vater, William Jefferies, war Bahnwärter und ist vor zwanzig Jahren Hierselbst auf dieser Station ver­unglückt. Ich bin sein Sohn und weit hergekommen, um etwas über ihn zu hören."

Ja", sagte der alte Manu langsam,ich erinnere mich ganz gut au William Jefferies. Ich stand dabei,als er überfahren wurde, der arme Kerl! Und ich war auch öubei als wir zu seiner armen Witwe gingen und ihr das Un­glück mitteilten."

Es war eine Studie, dies Gesicht Jacks, zwischen seinem Bestreben, bekümmert und wehmütig dreinzusehen, und seiner Freude, daß er endlich jemanden gefunden, der ihm jede Frage beantworten konnte.

Ich will meinem armen Vater einen Grabstein setzen lassen", sagte er seufzend, und Herr Hoggs blickte fehr teilnehmend drein.

Doch weitere Unterhaltung war unmöglich; es klopfte energisch an das Schalterfenster; eine ganze Reihe von Leuten, die ihr Gepäck abgefertigt zu haben wünschten, heischten seine Aufmerksamkeit.

Ich sehe, Sie sind sehr beschäftigt", sagte Jack;ich logiere Viktoriastraße 3; wenn ich bitten darf, kommen Sie heute abend zum Essen zu mir sagen wir, um Sieben dann können wir über diese Sache weiter plaudern."

Herr Hoggs sagte gern zu, uud Jack ging davon, in bester Laune über den Erfolg dieses Morgens.

(Fortsetzung folgt.)

AL sielen.

Bon Richard Staben.

Nachdruck verboten.

Dicke Nebelwolken ballten sich um und vor den Telephon- dräbten zusamnien, ein seidenstrühniger Sprühregen fiel vom Himmel, selbst die dicksten Ueberröcke und Mantel durchnässend. Die Bürgersteige der Straßen waren mit jener schmierigen Kruste überzogen, welche das Vorwärtsschreiten so entsetzlich behindert.