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Nach vielem Forschen fand er heraus, daß Kenning- Hall der Familiensitz von Lord Wayne sei, und sein Gesicht drückte bei dieser Kunde eine gehörige Portion Erstaunen aus.
„Der junge Mann scheint seinen Weg unter große Leute zu machen", sagte er sich. „Ich möchte wohl wissen, wie lange ich die Waynes von Kenninghall kennen könnte, ehe sie daran dächten, mich zu sich einzuladen. Es ist eine sehr ungerechte Welt."
Doch diese Gedanken hielten nicht lange an; Jack hätte sein Geld, und alles schien auf ihn zu lächeln.
„Ich will nach London, Mutter", sagte er eines Morgens; „ich habe gehört, es gäbe dort Arbeit, die gerade so etwas für mich wäre, und ich will es einmal damit ^pTobicrcn."
Kate Jefferies' Gesicht klärte sich auf.
„Wenn das wahr wäre", dachte sie, „so wäre es ein sehr gutes Zeichen — ein besseres könnte es ja gar nicht geben. Wenn Jack einmal Arbeit hätte, die ihm gefiele, so würde er die Quälerei und das Gefrage über Werner und seinen Vater aufgeben."
Sie ließ sich tatsächlich beschwatzen, ihni noch ein paar Pfund mehr zu geben — von Werners Geschenk wußte sie natürlich nichts —, und Jack brach hochbefriedigt auf nach London. —
Er war doch einigermaßen verblüfft über die gewaltige Ausdehnung dieser Stadt, über ihre wundervollen Straßen und Gebäude, über die Myriaden menschlicher Wesen, die sie erfüllen.
„An so einem Platz, da sollte ich wohnen", dachte er, „in Elton ist für mich kein Spielraum."
„Und Jack, in seinem neuen Ueberzieher, wandelte durch die Straßen Londons mit einer gewissen leutseligen, großartigen Unabhängigkeit und Nonchalance, die für jeden, der ihn kannte, höchst belustigend zu beobachten gewesen wäre.
Am Tag nach seiner Ankunft fand er das Cafö, wonach er suchte, und ging hinein. Er war nicht leicht erregbar, aber als er sich endlich vor den großen Stößen Zeitungen niederließ, von denen einer den Schlüssel zu dem gesuchten Geheimnis enthielt, klopfte ihm das Herz doch hörbar vor Aufregung.
Es überkam ihn ein unbestimmtes Gefühl, daß er Lesser daran täte, es ruhen zu lassen, daß es besser sei, wenn das so sorgfältig gehütete Geheimnis auch ferner Geheimnis bleibe. Es war seine bessere Natur, die ihm dies einflüsterte, aber Jack hörte Jetten auf Einflüsterungen dieser Art. Ein Leben ohne Arbeit, Geld genug, und nichts dafür tun brauchen; Unabhängigkeit, Luxus, Betsy als seine Frau; er selbst der Gegenstand des Neides und der Bewunderung eines jeden jungen Mannes in Elton — alle diese Gedanken erhoben sich mit eineinmal gegen die gute Einflüsterung — alles andere war wie nichts; Selbstsucht und Gier behaupteten das Feld.
Jack öffnete die Bände; die Zeitungen von jedem Jahr waren nach dem Datum geordnet; vom ersten Januar bis zum Dezember; sie ivaren vollständig; keine Nummer fehlte.
Er sah Januar sorgfältig durch. Es war eine mühsame Arbeit, denn Jack las nicht gern; die kleine, enge Schrift war ihm ganz ungewohnt.
Januar und Februar nahmen ihn viele Stunden lang in Anspruch. Er war so begierig, die Wahrheit zu erfahren, daß er keine Zeile überschlug. Jede Nachricht, jeder Absatz mit der Ueberschrift oder fettgedruckten Zeile: „Un- glücksfall" oder „Schrecklicher Unglücksfall" hatte eine un- widersteihliche Anziehungskraft für ihn; aber des Namens, den sein Vater trug, geschah in keinem Erwähnung.
Jack fühlte, daß ihm bte Sache bereits etwas leid wurde. Und sie war ihm so leicht vorgekommcn; er hatte geglaubt, daß weiter nichts zu tun wäre, als bloß die langen Spalten von oben nach unten durchzusehen, um die Wahrheit heraKszubekommen.
Aber Stoß auf Stoß, und kein Resultat — damit hatte er nicht gerechnet. Jack begann müde zu werden.
„Ich werde es aufgeben", sagte er, „wenn ich Stunde auf Stunde hier sitzen und über diesem Augenpulver brüten
Jack war die Arbeit in allen ihren Zweigen verhaßt, wenn er aber eine mehr verabscheute, wie die andere, so
war es Lesen und Schreiben. Nach vier Stunden ihm endlos scheinender Arbeit ging er somit davon zum Mittagessen.
Alsdann wurde er mit sich einig, daß ihm die Augen ordentlich vor Ermüdung und Angegriffenheit schmerzten, und daß er sie notwendig schonen und etwas ablenken müsse. Somit studierte er fleißig die großen Anschlagzettel, besonders verschiedene gelbe Plakate, die ein großes sensationelles Theaterstück ankündigten. Er beschloß, hinzugehen und es sich anzusehen. Gedacht, getan, — und von dem Abend an datierte Jack eine neue Epoche in seinem Leben. Er war nie vorher im Theater gewesen, und seine Ekstase kannte fast keine Grenzen.
„Das werde ich jeden Abend machen, wenn ich erst Geld habe", das war sein fester Entschluß. Das ruhige Leben in Elton ist nichts mehr für mich. Ich hab' gar nicht gewußt, daß es so was Schönes auf der Welt gibt!"
Und seine Leidenschaft fürs Theater stachelte ihn neuerdings zu frischen Anstrengungen an; er beschloß, als er abends den Tag Revue passieren ließ, gleich am nächsten Morgen früh seine Sache wieder zu beginnen und sich den ganzen Tag daran zu halten.
29, Kapitel.
Jacks Erfolg.
Einen Stoß nach dem anderen durchackerte Jack den nächsten Morgen wieder, ohne Ergebnis. Er kam nunmehr an April 18— und sah ' mit erneutem Eifer die Spalten durch.
Konnte er seinen Augen trauen? Träumte er nicht? Spielten ihm die Buchstaben einen Streich, oder hielt er wirklich den Schlüssel zu diesem Geheimnis endlich in Händen?
Hier war eine Nachricht! Rote Lichter schienen ihm vor den Augen zu tanzen, das Gehirn schien ihm im Kopfe zn schwimmen; es rauschte und brauste ihm wie Wasser in den Ohren, feine Hände zitterten. Es war ihm, als wenn alles in ihm aus den Fugen ginge.
„Schrecklicher Unglücksfall. Ein schrecklicher Unglücksfall, wie sie sich von Zeit zu Zeit auf den Eisenbahnen ereignen, hält augenblicklich das freundliche Städtchen Abbots- ville in Lancashire in Aufregung und Schrecken. Ein Bahn- * wärter, der schon seit einigen Jahren bei der Eisenbahn- Gesellschaft beschäftigt, namens William Jefferies, wurde überfahren, als er gerade die Geleise überschreiten wollte, um an feiner Weiche etwas in Ordnung zu bringen. Eine Maschine, die er weder gesehen, noch gehört hatte, kam hinter ihm her, erfaßte ihn, warf ihn zu Boden und tötete ihn auf der Stelle. Der Körper war fürchterlich verstümmelt. Die junge Witwe findet allgemeinste Teilnahme."
Er las es und las es wieder und wieder — er, der Sohn des Mannes, dessen Tod hier so kurz mitgeteilt wurde. Es war sein eigener Vater, wovon diese Nachricht da sprach, sein eigener Vater, der einen so schrecklich qualvollen jähen Tod gefunden, aber kein Gedanke des Mitleids, der Wehmut kam ihm. Wenn die Nachricht von einem ganz Fremden gehandelt hätte, so hätte er sie nicht mit größerer Kälte und Gefühllosigkeit lesen können. Kein Gedanke an das so jäh abgeschnittene kräftige junge Leben, kein Gedanke an den Kummer der jungen Witwe — nichts dergleichen kam ihm.
Hastig schlug er das Buch zu und erhob sich von dem Tische. Die Luft des Zimmers schien ihn zu ersticken — er mußte hinaus ins Freie und Zeit haben, seine wirr durcheinander jagenden Gedanken zu sammeln und zu ordnen.
Er stürzte hinaus aus dem Cafö lind schlug eine der ruhigsten Straßen ein, die er finden konnte. Er hatte endlich den Schlüssel gefunden, — mit knapper Not bezwang er sich soweit, daß er nicht laut aufjauchzte; er hatte ihn gefunden, er war sein!
Schon schien es ihm, als ob er die Taschen mit Gold gespickt hätte, — als ob er in einem prächtigen großartigen Hause mit Betsy wohne, jeden Abend ins Theater gehe und sich nach bester Kräften amüsiere. Hurra! alles das konnte er sich jetzt leisten, — jetzt, wo er den Schlüssel hatte.
Abbotsvtlle! Er lachte laut, als er daran dachte, wenn er jetzt plötzlich zurückkehrte und seiner Mutter dies Wort ins Ohr flüsterte! Wie sie vor Schreck zusammensahren


