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Betrübend steht es auch um Frankfurts Niedergang als Kunststadt, zieht man die bildende Kunst in Betracht. Ich nenne Namen wie Trlibner und Thoma, und inan wird mir Recht geben, wenn ich behaupte, daß seltene Kraft, eigenartige Originalität man nicht zu schätzen wußte. Hub das in Goethes Vaterstadt! Einen Moritz von Schwind verstand man nur vier Jahre, Altmeister Rethel nur 11 Jahre zu halten! Und Andreas Achenbach, der unlängst in Düssel- darf gefeiert und mnjubelt seinen neunzigsten Geburtstag feierte," lobte man sörmlich von Frankfurt weg, Thoma lebte wohl 22 Jahre fast unbeachtet hier, hatte in Frankfurt seine zweite Heimatstadt gesucht! Wie aber begegnete man ihm? Man kannte ihn kaum, ivürdigte ihn ivenig oder gar nicht! Nun, da sein Scheitel licht geworden, die Haare bleich, Herz uub Hand aber jung geblieben, rief Thoma ein kunstverständiger ^Fürst in seine Nähe! Bemühte man sich nur einigcr- ,naßen um Trübner, der bis 1903 in Frankfurt gelebt, der die deutsche Kunstwelt in Atem zu halten verstanden, als dieser Künstler nach Karlsruhe überzusiedeln sich anschickte? Sch olderer verkannte man hier völlig, erst in Paris mußte er sich durchringen, auch der Bildhauer Klinisch kehrte mißgestimmt dem Main den Rücken.
Wer von Frankfurts Niedergang als Kunststadt spricht und nach Beweisen sucht, der ivird nicht des Städelschen Kunstinstitutes vergessen dürfen. Wie groß ist doch der Verbrauch dieses Institutes an Direktoren! Ein Thode gab Professor Weißacker die Tür in die Hand, Weißackcr wieder sah man gar bald nach Stuttgart ziehen, dessen Nachfolger Justi hielt es nur zwei Tage in Frankftirt auS, Berlin rief ihn an seine Königliche Akademie der Künste l Wird der neue Mann, der blutjunge Dr. Swarzenski, das hier finden, was er sucht?
Auch das Btthnenlebeu der Mainsiadt habe ich noch kurz zu streifen. Eine Theatergeschichte für sich könnte man schreiben, wenn man das Frankfurter Thcaterleben von der berühmten Maria Janauschek angefangen, bis heute, bis zur Leuchte am Bühuenhimmel, Irene Triesch, verfolgt. Tonangebend war einst die Frankfurter Bühne! Und heute? Unlängst sprach man es öffentlich im Stadtparlament aus, daß Provinzbühnen uns zum Teil überholen! Wenn immer bcifallumrauscht Irene Triesch in Frankfurt als Gast erscheint, wer, der es ernst mit dem Kunstleben einer Stadt nimmt, dem die Kunst eine heilige Sache, ein weihevolles Gebet ist, wer frägt sich da nicht jedesmal: Warum ließ man Irene Triesch ziehen? Vor kurzem sprach man auch davon, daß die stimmgewaltige Greeff -A nd rießeri, um die Frankfurt manche Hofoper beneidet, sang» und klanglos verabschiedet werden "solle. Ta erhob sich ein Sturm im Frankfurter Publikum. Tas Eine nur sei an dieser Stelle den leitenden Herren gesagt: Man spiele nicht mit der hundertköpfigen Hydra, Publikum geheißen, sie kann, aufgerüttelt, Systeme Zum Stürzen bringen.
Mit dem 16. Juni ist die Frankfurter Oper in die Ferien gegangen. Sie hat in der Saison 1905/06, die doch das 25. Jubeljahr der Oper war, eine einzige Uraufführung gebracht. Ist das für Frankfurt a. M. genug? Wohl hatten ivir manche gute Neueinstudierungen, hatten recht annehmbare Premieren, hatten vor allem ivicderholt einen Mozart- und Wagner-Zyklus, aber wo sind jene Zeiten, da die Frankfurter Oper den deutschen Opern-Bühncu den Rang ablicf? Als die Straußsche „Salome" in Dresden ihre Uraufführung erlebte, da posaunte man es in alle Himmelsrichtungen hinaus: Auf Dresden ivird sofort Frankfurt o. M. folgen! Der Winter ist ins Land gegangen, der Frühling verwelkt, der Sommer bereits gekommen, aber die „Salome" blieb von Frankfurt fern, kleinere Bühnen haben uns überholt. Dabei verschlingt Frankfurts Oper nahezu 300 000 Mk. alljährlich. Auch im Schauspielhause fehlt so manchesmal der frische, belebende Hauch . . .
Neuerdings muß man doch eingesehen haben, daß das
Frankfurter Bühnenleben einer Reorganisation, einer Auf. frischung bedarf. So hat Intendant Emil Claar als rechte Hand sich den Oberregisseur von Hamburg, Dr. Carl Heine, den Gatten der bekannten Märchendichterin Anselm» Heine, für längere Zeit verpflichtet, für die Oper hat Intendant Jensen als Kapellmeister neben Dr. Rottenberg den stürmischen Dränger Hofkapellmeister Reich en berger auf weitere 3 Jahre gewonnen! Oper und Schauspielhaus müssen, das fordert unsere schnell, zu schnell lebende Zeit unbedingt, nicht nur dem guten Alten Liebe und Aufmerksamkeit schenken, nein, auch die neuen und neueren aufstrebenden Geister haben ein Recht, daß sie in Frankfurt a. M. gehört werden, in demselben Frankfurt, das sozialpolitisch an der Spitze der deutschen Städte steht. Jetzt oder nie gilt von jedem, der die Frankfurter Verhältnisse, der seine ruhmreiche Vergangenheit auch auf künstlerischem Gebiete kennt, das Wort: Länger schweigen wär' Verrat!- Es muß einmal mit allem Nachdruck betont werden: „Die Zeit des künsterischen Niederganges ift gekommen!"
Man denkt daran: Frankfurt a. M., die Stadt der Millionäre der Krösusse in Deutschland, jene Stadt, die zu den schönsten, gesündesten und vornehmsten im Kranz der deutschen Städte gehört, von der Kaiser Wilhelm II. einmal gesagt, er möchte sie in seiner Krone nicht missen, könnte das stolze Frankfurt nicht auch Deutschlands Kunstmetropole sein? Tie Ansätze waren da, die Genies und Talente fehlten nicht! Aber das Wichtigste, das jegliche Kunst zu ihrer Förderung und gedeihlichen Entwickelung unbedingt braucht, eS war in Frankfurt a. M. nicht immer vorhanden, nämlich: Interesse, Anteilnahme am Schaffen der einzelnen Künstler. Man ließ sie in der Stille leben, anstatt sie aufs Postament zu heben, ihnen die Wege zu ebnen. Der Zeiten Lauf hat es mit sich gebracht, daß von Frankfurt a. M. man heute wohl in allen Zungen und allen Ländern spricht, aber nur von.....
Frankfurt als Handelsstadt. Frankfurts Tage großer Kunst scheinen für immer hinabgerutscht zu sein. Den breiten Mainstrom entlang. Leider, leider muß man die ergreifenden Worte Goethes inbezug auf Frankfurt a. M. als Kunststadt anwenden und klagend auSrufen:
lieber allen Wipfeln Ist Ruh, In allen Gipfeln Spürest du
Kaum einen Hauch!
Weisen.
Nach Mailand zum Besuch der Weltausstellung werden von Luzern in den Monaten Juli, August und September über das Netz der Gotthardbahn regelmäßige Sonderfahrten zu ermäßigten Preisen veranstaltet. Als Rückfahrt kann auch die Route durch den Simplon gewählt werden. Dieselben sollen den Reisenden Gelegenheit geben, diese etwas entfernter liegenden Ziele auf angenehme und billige Art in Form eines Ausfluges kennen zu lernen. Ebenso ist Vorkehrung getroffen, daß gleichfalls zu ermäßigtem Preise, die oberitalienischen Seen ab Lugano, sowie ab Mailand über das Netz der italienischen Bahn, Venedig besucht werden kann. Näheres ist gegen Einsendung von 20 Pfg. zu erfahren durch die Zentral-Auskunftsstelle für den internationalen Verkehr in Basel (Schweiz).
Rätsel.
Nachdruck verboten.
Fange ein Tier aus dein Walde, enthaupte es, füg' ein paar Stückchen
Rreibe dazu, eins vorne, dagegen das andre an's Ende:
Saftig und süß wird es schüieckeu, ein Labsal bei drückender Hitze.
Kein Vegetarier konnte die „fleischige" Sveise verschmähen, ui.
Auflösung in nächster Nummer.
Auslösung des magischen Quadrats in voriger Nummer:
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Redaktion; Ernst Heß. — Rotationsdruck und Berlaa der Brübl'schen Untverütäts-Buch- und Stetndrnckerei. R. Lange, Gießen.


