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zu. Ich ermaß damals das Gefühl, das die kleinen gefiederten Naturgeschöpfe beseelen mochte, von denen wir zu Lebzeiten meiner Mutter immer gegen 10 Stück, Zeisige, Stieglitze, Buchfinken, 'Amsel, Hänflinge, Gimpel usw. in einzelnen Käfigen gehalten hatten, und gelobte mir, davon nie wieder eins, das außer seiner goldenen Freiheit nichts weiter hat, wieder eiuzusperreu.
(Fortsetzung folgt.)
Arankfurts Wedergang als Kunststadt.
Von Joses M. I u r i n e k - Franksurt a. M.
Nachdruck verboten.
Junifesttage feierte in diesen Wochen die stolze Handels- inetropolc am Main. Junifesttage! So nannten wenigstens die Veranstalter (der Frankfurter Verkehrsverein) die diversen künstlerischen und sportlichen Ereignisse. Man hatte, das Rezept ist bequem und billig, einfach programmatisch zusannuen- gcstellt, was im Juni Frankfurt a. M. bietet. Oper und Schauspiel nannten einige ihrer Abende Festspielvorstellungen, dazu gesellte sich, ein internationales Laivn-Tenuis-Turnier, gesellten sich olympische und Rasenspiele, kamen die Rennen in Niederrad und Polospiele im Goldsteincr Walde. Die Ge- schmacklosigkcit trieb man jedoch auf die Spitze, indem man in dem Junifestprogramm vermerkte: Mittwoch, den.13. Juni, Totenfeier für Ibsen. Wo aber blieb bei all. den Veranstaltungen das wahrhaft Künstlerische, wo jene Gaben, die auch Fernstehende nach der Mainstadt gelockt hätten? Hätte die Herkoinerfahrt nicht in Frankfurt a. M. ihren Ausgangspunkt genommen, ich glaube, nicht einmal die Frankfurter selbst hätten um die Junifesttage sich bekümmert. Mehr denn je wurde man daher in diesen Wochen an die Worte erinnert:
„Franksurt als Kunststadt! Wie oft gehört! Wie vier zitiert! Um das künstlerische Frankfurt ist es zurzeit übel bestellt. Sorgen wir, daß das, was geblieben, uns erhalten bleibe I"
Von neuem waren die Blicke der Kunstwelt in den letzten Wochen und Monaten nach der Handelsmetropole am Main gerichtet. Man erfuhr, daß Sigmund voll Hausegger die Leitung der Museums-Gesellschafts-Konzerte nach kaum dreijähriger Tätigkeit niedergelegt, daß einer der alten, aber beivähr- ten T o n m e i st e r, Beruh. Scholz, öffentlich gegen die ihm ividerfahrene Sperrung des Konzertsaales Protest eingelegt hatte. Dann kam der Wonnemonat Mai und mit ihm eine Reihe neuer Enttäuschungen, neuer Verluste für das Frankfurter Kunstleben. Das iveltbekannte Frankfurter MuseumLquartett stand vor seiner Auflösung, da seine Stützen und Leuchten, Professor Hugo Becker und Professor Heermann, von Frankfurt ziehen. Ein literarisches Fiasko erlebte die G a st spiel ton rnee I a ffe e - N eh c r - Bi on d i im Residenz-Theater, wie man es sich kläglicher nicht denken kann. Von 31 Vorstellungen waren 8 Novitäten, darunter Sven Lange (Verbrecher), Ang. Strindberg (Fräulein Julie) und Joh. Schlaf (Der Bann). Es kümmerte sich fast niemand in Frankfurt um diese literarische Feinkost, mit einem baren Verlust vo>r 11 0 0 0 Mark hatte die Tournee ihr Frankfurter Gastspiel zu büßen. Es drängte sich einem in der Tat die Frage auf: Wie kam cS nur, daß man heute in Wahrheit von einem Niedergänge Frankfurts als Kunststadt sprechen muß?
Ililwillkürlich fallen mir die Namen Joachim Raff, Clara Schumann, Eugen d'Albcrt, Prof. Heermann, Professor Stockhausen und nicht in letzter Linie Felix Weingartner ein. Es ist seltsam still um Frankfurts Musikleben geworden. Das Hochsche Konservatorium, das unter Joachim Nass eines der blühendsten und bedeutendsten Musikinstitute in deutschen Landen gewesen, es bröckelte nach und nach ab, eine Größe nach der anderen zog von dannen, der vollwertige Ersatz blieb aus. Clara Schumann, die gefeierte Pianistin und gesuchte Klavierlehrerin, die zu ihrer Kunst noch von dem Nimbus ihres unsterblichen Gemahls umgeben war, sie ist in das Schattenreich eingegangen ! Kein geringerer als Engen d'Nlbert wurde ihr Nachfolger. Aber wie lange
nur blieb d'Albert in Frankfurt a. M.? Ihn, der heute mit der bedeutendste deutsche Klavierinterpret ist, der auch in den Reihen der erfolgreichen modernen Opernkoinponisten figuriert, ja, der ein Star im Konzertsaal geworden, ihn vermochte man nicht dauernd an Frankfurt zu fesseln. Professor Friedberg war nicht zu halten. Der Geigenvirtuose Professor Heermann sagte infolge „Unstimmigkeiten" dem Hochschen Konservatorium Valet, Professor Stockhausen, der bekannte Sangesmeister, dessen Schüler Koryphäen der deutschen und ausländischen Opernbühnen geivordcn sind, schied aus dem Kollegium des Hochschen Konservatoriums wegen Kompetenz- Fragen aus. Vor wenigen Monden ist Professor Hermann, der als Schauspieler und Lehrer der Mimik gleich hervorragend war, einen, langwierigen Leiden erlegen. Nun geht auch Professor Becker, der bedeutendste Cellist der Gegenwart, von Frankfurt fort, ist ach Chicago hat man in diesen Wochen den Violinvirtuosen Professor Hugo Heermann auf 5 Jahre gerufen, der bisher m Frankfurt a. M. gewirkt hat. Also wieder ein Verlust von zwei der gediegensten Musikpädagogen, die unsere an Genies gewiß nicht reiche Zeit auf- zuweisen hat.
Ist für die bisher Genannten einigermaßen Ersatz geschaffen worden, Ersatz überhaupt zu schaffen? Man sagt nur zu leichtfertig die Worte: Jeder Mensch ist zu ersetzen; Das mag im Alltagsleben, in der Politik, der Diplomatie, int Handwerk seine Berechtigung haben, in der Kunst können diese Worte nie und nimmer gelten! Da ist cs die Individualität, die jetveilige Persönlichkeit, die unersetzlich ist! Die Welt hat nur einen Michel Angelo gehabt, nur einmal ist die packende Laokoon-Gruppe geschaffen worden, nur einen Rembrandt hat die Welt gezeugt. Und mögen Hunderte eines Wagner, Liszt, Bach oder Beethoven Schüler und Jünger sich nennen, sie bleiben Schüler ihr Leben lang, einmal nur lebte und schaffte tiitb ivirkte der Meister!
Was aber sagt man, tuenn man hört, daß ein Felix Weingartner, heute der genialste der lebenbeit Meister des Taktstockes, sich in Frankfurt a. M. nicht einmal als dritter Kapellmeister halten konnte? In der Verkennung von Genies hat die Mainstadt gerade in den letzten zwei Dezennieit arg gesündigt.') Spricht allein der Fall Weingärtner nicht Bände? (Sitten Kogel, der den Klassikern den Konzertsaal in Frankfurt geöffnet, der Wagner int Konzertsaal heimisch gemacht, der vor allem auch nebelt der klassischen Musik den Neutönern eilt Publikum erzogen, tat man nach 13jähriger Tätigkeit als schon zu alt (54 Jahre damals), ab, Dr. Kuhmvald fiel Angriffen zum Opfer. Nun, da auch Hausegger gegangen ist, er, dem zuliebe Kogel man fallen gelassen, steht man in der Museumsgesellschaft ratlos da! Wer wird der kommende Mann sein? Und wenn man ein Genie (man spricht von Wilhelm Kienzl, dem Komponisten des „Evangclimann") wieder zu fesseln vermag, kann man ihm die Garantie freien, ungebundenen Schaffens unbedingt bieten? Wer wagt hier ein offenes Ja als Antwort zu geben?
') Wir erinnern auch an Wilhelm Jordan, den Nibelunge- dichter. Hätte dieser gewaltige Geist nicht Franksurt sich zunr Wohnsitz auserkoren gehabt, sondern etwa Berlin oder München, er wäre geseiert ivorden und aller Welt bekannt geblieben rote nur irgend einer der Großen unseres deutschen Parnasses. Tie Be- wohnerschait der Stadt Franksurt aber bat den aller vordrängerischen Reklame abholden Poeten kaum beachtet, ja zum großen Teil nicht einmal dem Namen nach gekaitnt. Das ist noch typischer Mr die Großstadt am Main als alle die angekührlen Fälle dieses Anpatzes, den ivir den „Leipz. N. Nachr." enlnehmen. — Soeben übrigens hat der bekannle Mainzer Gymnasialprosessor Dr. Nover tu enter kleinen Broschüre ausgetnhrt, daß nach seiner Neberzengung Jordans „Nibelunge", von denen die Sigsridsage iii einer von Oberlehrer Dr. Prigge bearbeiteten Schulausgabe vorliegt, die Emsuhrung tn den Lehrplan der deutschen Schulen verdienen; er stützt stcy bauet ans Aussprüche namhafter Pädagogen. Er betont im Eingang tut allgemeinen den hohen Bildungswert unserer germanischen Sagen- schätze; hieraus hebt er die Vorzüge der von Prigge mit feinem Takt gekürzten Schulausgabe, sowie die ästhetischen Schönheiten und den großen ethischen Bildungsgehalt der Jordaiüschen Dichtung hervor. Die Nover'sche Broschüre dürste vor allein in Lehrerkretsen Interesse erwecken, sie wird aber auch Ellern einen wertvollen Fingerzeig geben, roenn sie ihren Kindern ein gutes, erziehlich wirkendes Buch in die Hand legen wollen. D. R.


