Ausgabe 
2.7.1906
 
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nicht mehr bei uns blicken lassen und da sich", er zögerte leicht, setzte sich den goldenen Kneifer fester auf die Nase, ehe er fortfnhr,da sich bei sofortiger Durchsicht der ihm seit kurzeui erst überlassenen Bücher einige Unregelmäßigkeiten fanden die er jedoch möglicherweise aufzuklären vermag so bin ich von meinem Chef hergesandt, mich nach seinem Fortbleiben zu erkundigen."

Ruths Hand tastete, Halt suchend, nach einer Stuhl­lehne vor ihren Augen begann sich das ganze Zimmer zn drehen.

Die Wolke, die so lange unklar und dräuend über ihrem Haupte geschwebt hatte, senkte sich herab, finster und schwer, das eben erst. aufgeflammte Glückshoffen erdrückend. Blitz­gleich flog die Erinnerung an jene Stunde, da der junge Bruder das erste Mal als Dieb vor ihr gestanden hatte, durch ihr fieberndes Hirn.

Immer wieder, wenn sie in sein mürrisches, trotziges Gesicht gesehen, den scheuen Blick seiner Augen, die niemals voll und ganz ihrem forschenden standhalten gekonnt, bemerkt hatte, war die alte heimliche Angst über sie gekommen, das nicht zu überwindende Mißtrauen nur täuschend eingelullt durch die Zufriedenheit seines Chefs, bei dem er über zwei Jahre lang gearbeitet. Sie hatte manchmal im Stillen gual- volle Bedenken verkämpft, ob sie Recht daran getan, den Vormund um seine Vermittelung zu Heinzens Anstellung ge­rade in einem Bankgeschäft zu bitten. Mußte sie nicht ge­warnt sein? Hieß es nicht das Schicksal hcrausfordern, wenn man einen haltlosen Charakter vor eine tägliche Versuchung stellte? Sie hatte es gut gemeint. Sie hatte alles getan, ihm durch eisernen Fleiß und treueste Pflichterfüllung, in Entbehrung und Stolz ein leuchtendes Beispiel zu geben. Umsonst die Mühe, umsonst ihr treues Aushalten auf ihrem Posten. Alles umsonst!

Ein würgender Knäuel stieg in ihrer Kehle auf ver­gebens rang sie nach Worten.

Erst als der Mann vor ihr eine Bewegung machte, als ob er sie stützen wolle, raffte sie den letzten Rest ihrer Kraft zusammen, und indem sie mit der Rechten leicht seine Hilfe abwehrte, sagte sie tonlos:

Danke, es ist schon vorüber ich bin bereit, Ihnen jede gewünschte Auskunft zu geben."

Er murmelte ein paar unverständliche Worte und drehte nervös seinen schwarzen runden Filzhut in den Händen herum.

Mein Bruder ist gestern mittag wie stets gegen zwei Uhr von Hause fortgegangen," fuhr sie automatenhaft fort, ich selbst machte ihm den Vorschlag, den Abend auswärts zu verbringen, da ich einen Besuch jti machen hatte und unser jüngerer Bruder zu der Geburtstagsfeier eines Freundes geladen war. Ich kam so frühzeitig nach Hause, daß es mir durchaus nicht auffallen konnte, meinen Bruder noch nicht hier zu finden ich bin leidrr an fein spätes Nachhause- kommen gewöhnt."

Er war in schlechte Gesellschaft geraten?" warf der Bankbeamte ein. Es klang halb wie eine Frage, halb wie eine bestimmte Voraussetzung.

(Fortsetzung folgt.)

157 Hage korsischer Aauömörder.

Erinnerungen an Korsika.

Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf Tiemann.

(Nachdruck erwünscht.)

(Fortsetzung.)

Als mein neuer Lieferant die erste Monatsrechnnng brachte, bemerkte er, daß eines Tages von dem Eßbesteck in Ajaccio durfte ich mich noch dessen bedienen die Gabel gefehlt hätte. Es wäre ein silbernes Besteck ge- wesen uird hätte 12 Frs. gekostet. Ich müßte ihm daher 6 Frs. ersetzen. Als Goldschmiedssohn hatte ich ant Fabrik­stempel längst festgestellt, daß es sich umChristofle" han­delte. Gelegentlich hatte ich auch gehört, daß es sich nicht verlohnte, eine abgebrauchte Mfenid-Gabel iien zu ver­silbern, da die Uebersilbernng ungleichmäßig aussikle und

die Kosten dafür sich nicht viel niedriger stellten, als neue, die etwa 2,50 bis 2,75 Frs. kostete. Ich bat deshalb den Chef, mir bei dem Restaurateur eine Muster gabel/ be­sorgen zn lassen, die ich meinen Brüdern zur Beschaffung des Ersatzes einsenden wollte. Man brachte mir eine fnukcl- nagelnene direkt ans einem Goldschmiedladen. Da ich es für unhöflich hielt, diese nach Hause zu schicken und, nach­dem eine gleiche bestellt wär, dem Ajaccioer Goldschmiede­zurückzugeben, bat ich den Chef durch einen Wärter, sich in der Stadt nach einer solchen Gabel umznsehen. Und man erstand den Ersatz für 2,75 Frs. Wir mußten stets um 6 Uhr ins Bett. Wenn dann alles im Gefängnis still ivar imb man die Wärter im Wachtzimmer beim Karten­spiel fluchen hörte, tonte oben aus dem gemeinsamen Schlaf- raum ein mehrstimmiger Gesang herunter, der jedem ein­zelnen, Chef und drei Wärtern, eine treffend kritisierende Strophe widmete nnd mit dein Refrainoh pauvrcs pri- sonniers" schloß. Dem Chef wurde vorgehalten, daß er einen Gefangenen, der sich über das unausgebackene Schwarzbrot beschwert halte,im mauvais snjet" genannt nnd in die Dunkelkammer (Cachot) gesperrt hatte. Mon­sieur Pompeji würde jeden Tag wilder nnd verrückter, Mon- sieur Ricola, wenn ich mich nicht irre, wäre eine Schön­heit und schwärmte für schöne Frauen, und Monsieur Pnlticini erklärte immer, wir wären alle Christen. Als ich, mittels einer einen Meter langen Kette mit einem Schmuggler zusammengekettet, nebst zwei Einbrechern unter der Eskorte von fünf Gendarmen von Ajaccio nach Bastia eskortiert wnrde, mußte jenes Trio auf Verlangen des Brigadiers Frechinos diesen Kantns zum allgemeinen Gan- dium steigen lassen. Leider konnte ich mir weder Text noch Noten notieren.

War es draußen dunkel geworden, imb zeigte das ununterbrochene Pfeifen der Ratten an, daß diese wieder uneingeschränkten Besitz von den Gefängnishöfen genommen hatten, prasselte bisweilen ein Felsstein über die Gefängnis-' mauer. Nach diesen Zeichen hörte ich, wie über mir das Zellenfenster geöffnet wurde und das gemütlichste Zwie­gespräch, ungestörter als an dem Dvppelgitter bei amt­lich nachgesuchten Unterredungen, unbelauscht von Wärtern, sich entspann. Da Korsisch, ein italienischer Dialekt, ge­sprochen wurde,. konnte ich leider nichts verstehen. Bis­weilen wurde meinemUeberkopfer" ein mehrstimmiges Ständchen gebracht, dessen Refrain demjenigen im Liede: Wer ein Liebchen hat gefunden" ans MozartsEntführ­ung aus dem Serail" ähnelte. Gegen 7 Uhr schlief ich gewöhnlich ein, wenn mich nicht die Uhr des Palais de Jnstice noch länger wach hielt, die jede Viertelstunde zwei- mal verkündigte. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde, dem Unglücklichen im Ajaccioer Gefängnis jede Viertelstunde doppelt. Um Mitternacht weckte mich fast regelmäßig der erste Hahnschrei. Da ein Hahn die vielen anderen der Nach­barschaft wachrief nnd ein verschlafenes Maultier sich ge­müßigt sah, mit seinem asthmatischen Gebrüll eiuzustim- men,'war selten an ein Wiedereinschlafen zn denken. Wie' oft habe ich wachend gelegen nnd geglaubt, über mir zu hören, wie Eisen aus Eisen feilte, war doch früher, wie ich hörte, ans meiner Zelle einmal ein Fluchtversuch ge­macht worden. Bald begann jenseits der Mauern heftiges Zanken und Streiten. Emsige Wäscherinnen hätten in frühester Morgenstunde an der Quellenleitung ihr Tage­werk begonnen. In den Zank nnd Streit mischte sich das. derbe Klatschen nnd Schlagen der bearbeiteten Wäsche. Gegen fünf Uhr wurde auf den Forts geweckt, nnd nut sechs Uhr hörte man die Wärter gähnend hervorkriechen. Spaß machte es mir, wenn der Wärter, der unten du jour hatte, uns beschleichen wollte, während der Wärter auf der ersten Holzgalerie laut stampfend seine Aüknnft an­zeigte. War ich schlechter Laune, so stellte ich mich schlafend, sodaß er wecken mußte. Meistens rief ich ihm meinen guten Morgen schon zu, wenn sein Blendlicht dnrch das geöffnete Schautürchen fiel. Dann wusch ich mich, und meine tägliche Morgenandacht, die mich in der sehr schweren nnd trüben Zeit über Wasser gehalten hat, begann.

Wie müde, hoffnungslos nnd erschöpft ich oft ivar, dafür diene, daß es mir bisweilen trotz der größten An­strengungen nicht möglich war, die Melodien der von den ersten zehn Jahren au auf dem Kloster Unserer lieben Frauen, Magdeburg, tausendmal gesungenen ganz bekannten Choräle zn finden. War ich ganz trotzlos, so sang mir häufig eine Grasmücke, die auf der Geiä'ngnismaucr saß, neuen Mut