M. 95
1906
18
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Mittellose Mädchen.
Roman von H. E h r Hard t.
(Nachdrück verboten.) (Fortsetzung.)
In ihrem Zimmer angelangt, entzündete sie ein Lampe, stellte sie auf den primitiven Toilettentisch, über den, ein länglicher Spiegel an der Wand hing und betrachtete sie auf- merksam.
Sie seufzte leicht auf. Wie schmal sie geworden war! Ob sie ihm noch gefallen möchte, wenn er sie Wiedersehen würde? lind wo würde sie ihn Wiedersehen? Ihn Wiedersehen?
Sein fesselndes Gesicht, das gar nicht schön, ihr doch das schönste schien auf der Welt — seine leidenschaftlich fordernden Augen.
Sie senkte die Lider in einem unbeschreiblichen, süssen Wonnegefühl — all das, was sie heut erfahren, vereinte sich zu einem überwältigenden, alles Weh hinwegschwemmenden Strome glühendster Hoffnungsfreudigkeit — ein Erschauern ging durch ihre Glieder, ihre Lippen lächelten traumhaft sehnsüchtig.
So verklärt sah sie ihr Gesicht, als sie langsam den Blick wieder hob — sic staunte — sic war sehr schön in dem Augenblick.
Ein befreites Aufatmen kam aus ihrer Brust.
Sie wusste, ihre Blütezeit würde erst kommen mit dem Glück. Noch konnte fie’ä nicht fassen, daß die strahlende lichte Göttin auch ihr aus dem Blütcnreichtum ihres Füllhorns einen Kranz winden und um ihre Stirn flechten sollte, aber je mehr sie nachdachte, je genauer sic Bittners Worte über den Freund und sein Benehmen zergliederte, je klarer wurde ihr auch, daß sie nicht unberechtigt diese wahnsinnigen Glückshoffnungen in sich halte wachsen lassen.
Ihn ihretwillen war der geliebte Mann ein anderer geworden, sie ivar es, die er nicht vergessen konnte, daß er ihr Bild aus dem Gedächtnis schuf — sie, um derentwillen keine andere Frau mehr für ihn existierte — da war keine Täusch« ung möglich.
Lange lag sie schlaflos, die Hände auf das stürmisch pochende Herz gepreßt, des geliebten Mannes Namen flüsternd, nm dem Jubel in der Brust etwas Luft machen zu können — cingehüllt in einen Rausch von Liebesglück, gleich den Menschen, die lange gedurstet, an dem ersten Glase Wein sich schon süße Betäubung trinken.
Unterdes schlich eine graue, gebückte Gestalt in Nacht und Dunkel bis vor ihre Tür und hockte sich auf der Schwelle nieder.
Es war die.Sorge.
5.
Ruth Mcridies erwachte am nächsten Morgen durch eine zaghafte Berührung ihres Annes. Sie war sonst immer die erste am Platze, aber der Schlaf Halle sich in dieser Nacht sehr spät bei ihr eingestellt, um sic dann so lief und traumlos zu umfangen, daß sic ihn erst gleich einem Bann von sich abschüttcln mußte.
Energisch richtete sie sich auf und öffnete die Augen. Blinzelnd schaute sie um sich, denn das Zimmer war von Hellem Sonnenschein erfüllt, das grell durch das eine vom Vorhang bereits befreite Fenster siel. Dann weitete ihr Blick sich in schreckhaftem Staunen.
Neben ihrem Bett stand Walter, nur notdürftig bekleidet, hilflose Verstörtheit in dem blassen Gesicht, an allen Gliedern zitternd.
Im Moment war Ruth ganz munter, entsetzlich wach.
„Um Gotteswillen, Junge, was gibts? Ist denn irgend ein Unglück passiert?"
„Ich weiß nicht!" stotterte der Knabe, mit wirrem Blick an der Schwester vorbeisehend, „Heinz ist nicht da — er ist gestern abend — auch in der Nacht nicht nach Hause gekommen — und draußen ist einer von der Bank, der fragt nach ihm und der hat die Schäfern so grob angefahren, sagt sie, weil Heinz doch nicht da ist, und jetzt verlangt er Dich zu sprechen."
Ruth deckte einen Moment die Hand über die Augen. Ein furchtbares Uuglüek reckte sich drohend vor ihr empor. Beinahe hätte sie laut und angstvoll aufgeschrieen.
„Hier ist seine Karte!" flüsterte Walter neben ihr. Ihre kalten Finger krampften sich um das steife, kleine Blatt — daun las sic mechanisch den Namen darauf: Ernst Wilhelmi, Bankprokurist. Sic besann sich.
„Geh!" befahl sie heiser, „führe den Herrn ins Zimmer nebenan — zieh Dir vorher wenigstens Deinen Paletot über, sag', ich werde gleich kommen."
In wirrer Hast fuhr sic in ihre Kleider. Sie dachte so gut wie nichts dabei. Es war zu viel, der Sturz aus der Höhe herab zu jäh — sic lag am Boden wie "gelähmt, ohne klares Besinnen.
Wie eine Statue erschien sie dem ernsten, blondbärtigen Manne, der ihr ungeduldig entgegensah. Unter dem rasch und lose aufgesteckten schwarzen Haar leuchte ihr schönes Gesicht wie weißer Marmor. Unwillkürlich änderte er ihrer Erscheinung gegenüber seine Haltung.
„Ich bedauere aufrichtig, der Ueberbringer einer Unglücksbotschaft zu sein, Fräulein Meridies!" sagte er nach einer stummen Verneigung, mit einer peinlichen Stimmung kämpfend, „aber Ihr Herr Bruder hat sich seit gestern mittag


