Ausgabe 
2.6.1906
 
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ich hoffe, wohlbehalten zurückkehrt und keine Frau mehr vor­fände und zweitens muß jede Soldatenfrau sich an den Ge­danken einer solchen Trennung gewöhnen. Mir ergeht es dieses Mal seltsamI" fuhr sie leiser fort, obgleich das laute Straßentreiben ihre Worte für die Nachfolgenden ohnehin unverständlich machte,es erscheint mir jetzt leichter, mich von meinem Manne zu trennen, als vor zwei Jahren, ob­gleich ich jetzt so unendlich glücklich bin aber das ver- stehst Du wohl noch nicht, Du Irrwisch!"

Oh, doch!" sagte Suse ernst,das kann ich schon ver­stehen die Trennung von einem geliebten Manne trägt sich leichter, sobald man seiner Gegenliebe sicher ist."

Meta nickte schalkhaft lächelnd der jungen Sprecherin zu.

Sieh da, wie bewandert die kleine Maus in den Ge­fühlen eines Frauenherzens ist."

Ich bin doch schon neunzehn, Meta"

Nun, deshalb ist doch die Weisheit nicht nötig. Aber Du brauchst nicht so rot zu werden, Sus. Frauenherzen lernen solch Empsinden ganz von selbst verstehen."

Sie sprach so unbefangen, daß Suse sich ein Herz faßte zu der Frage, die ihr seit langem auf den plauderhaften Lippen brannte.

(Fortsetzung folgt.)

H'fingst-Zauöer.

Eine lustige Geschichte von W. v. Wegern.

(Nachdruck verboten.)

Rrrrrrr . . .! Krach! Der Wecker flog vom Tischchen. Niederträchtige Klapper! Richt einmal ruhig ausschlafen kann man!" Ein spärlich gelockter, alternder Jüngling brummt es mürrisch und dürft sich mit Wucht auf die andere Seite, daß die Bettstelle kracht. Morgensonne Schnarchen der Wecker tickt weiter.

Vochpochpoch!Herr Grünspecht! Es ist Fünfe durch! Sie wollten doch aufstehen? Oder möchten Sie nicht mit uns gehen?"

Uuuaah! Zum Kückuck, jadochi Schon gut! Achsv, äh, Pardon! (Es war nicht die Alte, sondern der kleinen Wirts­tochter Stimme.) Natürlich gehe ich mit, Fräulein Hellmuth, mit Vergnügen!" Balduin Grünspecht hat sich erhoben. Mrt Sorgfalt und mit vielen Kunstgriffen Macht er sich so schneidig, wie das eben bei seiner ausgedörrten Schlotter­figur möglich ist. Er ist von seinen Wirtsleuten zum Früh^- konzert im Waldpark eingeladen worden. Zwar wandelt er seit langen Jahren ganz andere Wege, als die Familie des redlichen Drechslermeisters. Aber heute geht er mit. Und das hat seine guten Gründe.

Klärchen Hellmuth i st eigentlich ein ganz nettes Mädel. Spießbürgerlich und grundsolide, die richtige Hausunke. Na, schadet nischt. Heute muß ich um sie anhalten, denn der Alte hat plötzlich Geld. Soll 65 000 Mk. von uralter Tante geerbt haben. Kleine ist also glänzende Partie. Liebe? Mumpitz! Bei diesen Schulden! Einfach selbstredend! Na­türlich liebt man so eine Braut! Schnell die Bartbinde runter, da kommt oie Kleine ja schon herbei."

Klärchen bringt den Morgenkaffee und einen Hollunder­strauß mit Birkenzweigen.Hier, Herr Grünspecht, ein kleiner Festgruß! Ich wünsche Ihnen recht fröhliche Pfingsten!"

?lh, mein Fräulein, diese Aufmerksamkeit? Das ist aber riesig nett! Hollunder und grüne Maien, das Sinn­bild der jungen Liebe!"

Klärchen errötete tief:Wie? Sie wissen es schon?" Aber natürlich, liebes Kind! Sowas merkt doch ein Pferd! Bin ja selber ganz glücklich!"

Wirklich? Ach, Sie guter Mensch, ich danke!" Sie drückt ihm stürmisch die Hand .Dann verderben Sie uns die Freude nicht, die Verlobung soll erst heute mittag ge­feiert werden!"

Oh, Klara!" seufzt Herr Balduin mit schmachtendem Ausdruck und will ihr um den Hals fallen.

Aber Herr Grünspecht?! Was fällt Ihnen denn ein? Wenn ich mich verlobe, so gibt das dochJhnen noch lange kein Recht zu dergleichen Zudringlichkeiten!" Und husch, ent­flieht sie mit gekränkter Miene.

Was? Ich habe kein Recht, meine Braut zu umarmen?! Ja, wer denn sonst? Da sieht man wieder die verbohrte

Erziehung. Gleichviel! Gut muß ich sie wieder kriegen, dies Pfingsten muß mein Berlobungstag werden, da kann es kosten, was es will! Nanu! Ein rosa Briefchen hier im Blumenstrauß? Davon hat die kleine Hexe kein Wort gesagt." Er durchfliegt die Zeilen und wirft den Brief ärgerlich aus das Kaffeebrett.Einladung bei dem Fräulein von Hasenbein? Quatsch! Die alte Schraube hat ein Auge auf mich! HaM früher manchmal einen Freund besucht, der dort wohnte. Was kümmert mich diese Hasenbeinen? Die tvird kaltlächelnd versetzt."

Wieder klopfte es. Diesmal ist es Papa Hellmuth mit einem unbekannten jungen Mann von einnehmendem Aeußeren.Sie erlauben, daß ich Ihnen den Herrn hier vorstelle.Unser Logisherr, Herr Grünspecht das ist hier der Felix Beyer, der ist nämlich.. . hm, ja. . . der! wird heute mit uns gehen."

Angenehm!" Balduin verneigt sich mit geknicktem Brustkasten und verrenktem Genick. Solche Kavaliere sehen dann immer aus, wie ein abgenagter Kvtelettknochen.

Fröhlich schwatzend, verläßt die kleine Gesellschaft das Haus. Balduin bietet Klärchen den Arm.Danke sehr, ich gehe natürlich mit Herrn Beyer."Aha! Immer noch unter der Kriegsflagge!" Balduin zuckte die Achseln.Na, dann warten wir! Was sie nur mit dem Beyer hat? Muß irgend so ein Vetter oder sowas sein, schwadroniert unaufhörlich auf das Mädel ein, ich komme gar nicht zu Worte. Un­angenehmer Mensch, dieser Herr Beyer!"

Das Frühkonzert verlief sehr animiert. Die Eltern waren ungewöhnlich heiter, aber mit Klärchen war kein Wort zu reden. Nur für Herrn Beyer hätte sie Augen. Auch auf der romantischen Landpartie kam Balduin sich sozusagen überflüssig vor, ein fünftes Rad am Wagen. Nur einmall nahm ihn Klärchen schelmisch beiseite:Also, Herr Grün­specht! Mein .Vater will, daß unsere Verlobung erst heute bekannt gemacht wird."Aber Klärchen! So lange mag ich nicht warten!"Muß ick nicht auch warten, ist denn das für mich nicht viel qualvoller?!" Grünspecht schüttelte den Kopf:Das Mädel ist bis über die Ohren in mich verliebt! Da bunrmelt dieser Beyer eigentlich recht zwecklos mit neben her! Unsympathischer Mensch das!" Man schritt ans hohem Bergespfade an einem steilen Abhang entlang. Jetzt mußte Balduin endlich den Galanten spielen.Mein Fräulein! Sehen Sie hier gleich unten diese wilde Rose? Ich ivill Sie Ihnen pflücken als Zeichen . . ."Sie wollen sich wohl den Hals brechen?" mahnte Beyer besorgt.Herr, was kümmert "Sie denn mein Hals?" erwiderte Balduin giftig. Und schon war er mit seinen langen, dürren Beinen zu der Rose hingestakert. Da gab das lockere Erdreich nach, die Wurzel löste sich und Balduin behielt den Dornenstrauch in Händen. Wie ein Schlitten sauste er in die Tiefe. Oben erscholl ein Schrei des Entsetzens, die Bergfahrt aber war nicht so gefährlich. Balduin kam unversehrt an der Land­straße an. Zum Glück nahm ihn sofort eine verschlossene Kutsche auf, sodaß er sein unbeschreiblich verschandeltes Festgewand der Welt verbergen konnte. Familie Hellmuth war mithin beruhigt und zog ihres Weges zur lieblichen Talmühle.

Hier fanden sie bereits ein seltsames Paar im stillen Hinterzimmer. Herr Grünspecht hätte Glück im Unglück. Die gastfreundliche Dame in der Kutsche war keine andere als Fräulein von Hasenbein. Sie pries den sehnlich erwar- teten Augenblick des Wiederfindens und hatte kein Auge ür Balduins zerschundene Garderobe. Den Rosenstock hielt ie sogar für eine zarte Huldigung und meinte, Herr Grün- pecht sei ihr mit diesem Blumengruß von der Höhe ent» gegengekommen. Der Schwergeprüfte war zu verwirrt und betäubt, um all dein zu widerstehen. Nur soviel Kraft besaß er, um von dem Talmühlenwirt Kleider zu borgen. Sie paßten nicht besonders gut, denn der Wirt war un­glaublich dick. Aber zur Not ging es doch! In heiterster Laune stürmte plötzlich Familie Helltuuth herein.Ach, Herr Grünspecht, da sind Sie ja! Wir hatten solche Angst, aber es ist ja noch gut abgegangen! Unsere herzlichste Gratu­lation!" Erst wollte Balduin sich hinter dem Sommerfahr- plan verstecken, der war aber festgenagelt.Alle Wetter! Jetzt kommt ja die Verlobung ! Und ich in dem Aufzuge? Unmöglich!" Da trat Papa Hellmuth feierlich vor:Hier stelle ich Ihnen Herrn Drechsler Felix Beyer als Bräutigam meiner Tochter und als Meinen Nachfolger im Geschäfte vor!"i Die Weinpokäle klangen, und allgemeine Rührung überwältigte die Versammlung. Herr Grünspecht