Ausgabe 
2.6.1906
 
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Kaffeestündchen in der grünumrankten Laube des ländlichen Wirtsgartens, die Siesta im hohen Waldgrase, von Gebüsch sicher umgeben, der Weg durch den dämmernden Wald, Seite an Seite geschmiegt, das frugale Abendbrot beim unsicheren Schein des flackernden Windlichtes, das der Geliebte schließ­lich ausgelöscht. Er hatte sie geküßt, unsinnig, unersättlich, die törichtesten Schmeichelnamen flüsternd. Und sie hatte weder den Mut noch die Kraft gehabt, von einem Abschied zu sprechen.

Jetzt im Dunkel der Nacht schlich sich ein unsägliches Bangen an sie heran.

Wie ein kaltes, grausames Erkennen kam über sie der Gedanke, daß ein Tag heraufsteigen würde, der ihrer Liebe letzter sein mußte, daß Tage sich zu Monaten, Monate sich zu Jahren reihen würden, an denen sie beide am Leben sein und sich doch nie mehr begegnen würden, da ihre Liebe ihm eine längst versunkene Episode, ihr eine schmerzlich süße Er­innerung sein würde weiter nichts.

Sie fühlte, daß ihre Augen sich feuchteten.

Aber dann lächelte sie doch in die Dunkelheit hinein, ein seliges Lächeln.

Mag kommen, was da will!" dachte sie,wer einmal so viel Sonne geschaut, wie ich, dem bleibt ein Strahl davon auch in tiefster Dunkelheit. Mit so schönen Erinnerungen kann man gar nicht unglücklich werden."

Mit dieser beschwichtigenden Logik ihres jungen Herzens verscheuchte sie alle bangen Geister und entschlummerte bald sanft.

Ruth dagegen lag noch lange wach, nicht in dem Körper und Geist aufreibenden Wachen der Kummervollen, sondern in dem süßen ermattenden Halbschlaf der Glückshoffenden. DaS dumpfe Bangen war von ihr gewichen. Zum erstenmal in ihrem Leben lauschte sie begierig und zuversichtlich auf das sonnige Märchen vom Glück.

IX.

Sie mißtraute den heimlichen verheißungsvollen Stimmen in ihrer Brust auch nicht, als der nächste Vormittag verstrich, ohne daß Willy Hammer sich im Atelier sehen ließ. Aus der Charakterfestigkeit ihrer eigenen Natur heraus vertraute sie felsenfest auf den Mann, der ihr seit Wochen in jedem gleich- giltigen Wort, mit jedem Blick seine Liebe gestanden hatte. Der Aufschub der Entscheidung erschien ihr wie eine Würze ihrer Leiden.

Es war ja Wonne, noch von diesem Augenblick, da er sie in seine Arme schließen würde, vorahnend träumen zu können.

Sie kombinierte sehr richtig, daß er irgend eine dringende Abhaltung gehabt hatte und daß er morgen bestimmt kommen würde.

Der Tag verging ihr wie im Fluge.

Alles in ihr sang und klang:morgen". Jeder Nerv an ihr vibrierte dem Glück entgegen.

Und sie fühlte eine Kraft der Leidenschaft, vor der sie selbst staunte.

Der Abend in der Oper war ein wirklicher Genuß. Die Gefühle einerCarmen", über die sie früher von der Höhe ihrer stolzen kühlen Anschauung scharf geurteilt hatte, wurden ihr heut verständlich. Etwas von der dämonischen Macht einer Liebe, die weder Recht noch Gesetz- kennt, streifte er­schauernd ihre keusche Mädchenseele.

Sie erwachte wie aus einer anderen Welt, als der Vor­hang sich zum letzten Male senkte.

Hat eS Dir gefallen, Ruth?" fragte Max von Brock- haus hinter ihr, ein wenig betroffen von dem starken Ein­druck, den die Vorstellung ersichtlich auf die Cousine gemacht hatte, die er bis jetzt nie hatte aus einer melancholisch ruhigen Reserve heraustreten sehen.

Nun wandte sie ihm ein erregtes Gesicht mit seltsam flimmernden Augen zu.

Oh, sehr!" erwiderte sie aufatmend und gleich darauf schoß ihr daS Blut ins Gesicht.

Der Major lächelte.

Offen gestanden, ich hätte Deinen Geschmack anders taxiert aber ich freue mich, daß ich mich getäuscht habe."

Du denkst immer, in allen Menschen steckt so ein Eis­block wie in Dir!" mischte seine Frau sich ein,nicht wahr, Ruth, die Jugend hat schon noch immer das nötige Feuer?"

Nun wirft sie mich erbarmungslos zum alten Eisen", klagte der stattliche Offizier gutgelaunt,und spricht dem Alter zu alledem noch jedes Feuer ab elende Ver­leumdung!"

Er zog seinen Waffenrock in der Taille glatt und richtete sich straff empor, als wolle er seine noch durchaus jugendlich schlanke Gestalt besonders zur Geltung bringen. Sein ge­bräuntes energisches Gesicht widersprach durchaus nicht der Jugendlichkeit seiner Figur und Meta musterte ihn mit einem stolz-zärtlichen Blick, indem sie ihre Behauptung von vorhin widerrief, während Suse, die nur seine letzten Worte gehört hatte, trocken einwarf:

Alte Scheunen brennen am hellsten."

Richtig!" pflichtete der Gefoppte bei, in das Lachen der Uebrigen einstimmend.

Sehr heiter trat die kleine Gesellschaft aus der Logentür. Es dauerte ein Weilchen, ehe die Damen ihre Garderobe durch Mäntel und Hüte vervollständigt hatten.

Wir gehen noch zu Dreffel!" schlug der Major vor, als sie endlich die Treppe hinabstiegen,es ist noch so früh am Abend."

Und so jung kommen wir nicht wieder zusammen", fiel die vorlaute Suse ein, während ihre Augen mit einem glück­seligen Ausdruck den anderen voraus bis an den Fuß der Treppe eilten.

Dort stand lachend und männlich hübsch Fritz Trauten­dorf. Genau wie vor Jahr und Tag an der Kasinotreppe in N.

Nur, daß er diesmal in Zivil war, im smoking, der seine große schlanke Gestalt ebenso vorzüglich kleidete, wie die Uniform. Heut ivurde er auch nicht mit solch eisiger Höflich­keit behandelt, wie an jenem verhängnisvollen Morgen. Im Gegenteil, der Major winkte dem jüngeren Kameraden schon von iveitem einen Gruß zu und als er sich über die Hand von Frau von Brockhaus neigte, sagte diese liebenswürdig:

Wo saßen Sie denn, Herr Oberleutnant? Ich habe Sie vorher nirgends entdeckt."

Ich kam erst im letzten Akt!" log der junge Offizier, der in Wirklichkeit Suses Brief zu spät bekommen hatte und knapp zum Schluß der Vorstellimg das Theatergebäude er­reicht hatte,ich habe einen Bekannten zur Bahn gebracht, wußte nichts rechtes mit dem Abend anzusangen und ging hierher."

Jiii Sprechen hatte er Ruth begrüßt und Suse sehr innig mit dem Freimaurerdruck der Verliebten die Hand ge­drückt. Ein strahlender Blick der schönen Blauaugen dankte ihm für sein Kommen.

Sie begleiten uns doch zu Dressel, Trautendorf? Wir soupieren dort noch mal anständig alle zusammen. Sie sind ebenfalls mein Gast, Trautendorf keine Widerrede. Weiß man's, ob's nicht eine Abschiedfeier ist? In den nächsten Tagen werden die zur zweiten Chinaexpedition bestimmten Offiziere einberufen gemeldet haben wir uns ja beide wir können beide mitkomnien."

Ein junges Angenpaar starrte in tätlichem Erschrecken zu dem Sprecher empor. Dann hing Suse sich unwillkürlich in Metas Arm.

Ach, Meta, würdest Du denn nicht sterben vor Angst, wenn Max in den Krieg, noch dazir übers Meer ginge?" flüsterte sie.

Sie selbst war ja schon unglücklich in dem Gedanken, daß Trautendorf, der Ende des Monats einem Artillerie- Regiment in Spandau überwiesen war, mit diesem drei Wochen ins Manöver ausrücken würde.

Hebet Metas unschönes Gefleht glitt ein träumerisches Lächeln.

Nein, mein Kind, das würde ich nicht tun. Erstens wäre meinem Manne damit gar nicht gedient, wenn er, wie