1906

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Mittellose Mädchen.

Roman von H. E h r Hard t.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Willy Hainmer betrachtete erst beim Abschied ausmerk­samer das schöngcschnittenc Knabengesicht mit dem leidvollcn Zug um die Mundwinkel. Er las alle Sorgen Ruths ans diesen blassen Zügen und sein Herz quoll über vor zärtlichem Mitleid und dem Wunsch, zn helfen.

Wir sehen uns noch, bevor ich reise", sagte er warm, auf morgen, Fräulein Ruth!"

So schieden sie.

Auf dein Treppenfenster des ersten Stockwerks hockte Suse, die absichtlich davongelaufcn war, um die Beiden un­gestörter Abschied nehmen zu lassen, und betrachtete etwas kläglich einen abgerissenen Rocksaum, der das Resultat ihres hastigen Treppenlaufens ivar. Abgerissene Säume waren chronische Leiden bei Suse Meridies, deshalb verlor Ruth auch kein Wort darüber, sondern sagte nur ivirklich ärgerlich:

Wie hast Du Dich wieder benommen, Sus? Ich hab' rnich heut wirklich Deiner geschämt. Was muß denn Herr Hammer von Dir denken?"

Suse sprang vom Fensterbrett herunter.

Ach, der! Gar nichts denkt der über mich, der hat anderes zu denken."

Rach diesem rätselhaften Ausspruch stürmte sie die Treppen hinauf, ihren dunkelblauen Rock an dem zerrissenen Sanni so hoch hebend, daß sie sich fast völlig im einfachen, leinenen Unterrock präsentierte, der nur so um ihre derb beschuhten Füßchen flatterte.

Tie Frau Oberrcgierungsratl" durchfuhr es Ruth un­willkürlich und diese Vorstellung entlockte ihr ein Lächeln.

Als die Schwestern oben in ihrem Zimmer allein waren, tanzte Snse, die sofort ihren Rock abgestrcift hatte, im Untcr- rock ivie ein Kobold im Zimmer umher und jubelte:

Ruth, harmloses Menschenkind, der Meister ist ja in Dich verknallt bis über beide übrigens sehr hübsche Ohren. Und da grämst Du Dich wegen Tietzheim? Wo Du solche Chancen hast! Und natürlich bist Du. ihm doch auch gut. Leugne nicht, Du tust ihm gut. Ach, . nzige, goldene Ruth!" Sie stürzte auf die heiß Errötete zu und umschlang sie stür- misch,wie freu ich mich! Nicht wahr, da brauch' ich auch den Oberregierungsrat nicht zu heiraten, wenn ich so einen famosen reichen Schwager krieg?"

Du hast ihn doch noch nicht, Kindl" murmelte Ruth abwehrend,solche Männer wie Willy Hamnier denken nicht immer gleich ans Heiraten."

Suse hielt die Schwester mit beiden Armen von sich ab- Die strahlenden Blauaugen durchforschten unbarmherzig Ruths Gesicht.

Du Heuchlerin, Du!" sagte sie dann,das glaubst Du doch selbst nicht. Wenn Du das von ihn: glaubtest, so einen Mann würde unsere stolze Ruth nicht lieben."

Du hast recht!" sagte die Schwester einfach,aber nun bitte, laß das Thema ruhen. Wir wollen essen."

Aus dem Nebenzimmer trat Heinz.

Was ist denn das mit dem Maler?" fragte er lauernd, Walter ist ja rein vom Bändel los vor Begeisterung. Wenn er wenigstens eine von Euch Mädels heiratete."

Ruth zuckte zusammen wie unter einer rohen Be­rührung.

Bezähme Deine vorlaute Zunge etwas, lieber Heinz vorläufig sind wir Schwestern Dir noch nicht zur Last ge­fallen."

Na, ich hoffe, daß cs umgekehrt auch nicht mehr lange der Fall sein wird, ich habe das Hundeleben bei uns hier satt!" meinte er giftig.

Ruth würdigte ihn keiner Antwort, aber es legte sich wie Mehltau auf die Glücksblüten ihres Innern. Für sie gab es wohl keine ungetrübte Stunde im Leben. Auf ihr lastete auch alles.

Suse machte sich keinen Augenblick Sorge um des Bruders Rüpelhaftigkeit.

Glückstrahlend, in ihrem weißen Baitistkleidchen duftig und frisch wie eine junge Maienrose, flatterte sie gegen drei Uhr davon.

Als sie am späten Abend zurückkam, war ihr Kleid zer­drückt und schmutzig, aber ihr Gesichtchen strahlte in der­selben rosigen Frische, wie am Nachmittag. Trotzdem be­hauptete sie, totmüde zu sein und es mochte wohl auch der Wahrheit entsprechen, denn ihr Bericht über den Nachmittag war ein ivenig verworren und ungenau, von der Erdbeer­bowle, die sie getrunken, wie sie zu ihrer Entschuldigung anführte.

Sie hörte auch etwas verträumt zu, als Ruth ihr er­zählte, daß sie sich mit Tietzheim geeinigt habe und morgen gleich neue Arbeit erhalten werde, daß e8 bei Tante Hertz­berg wieder sehr gemütlich gewesen und sie, Suse, ihnen sehr gefehlt habe. Erst als sie eine Einladung der Verwandten für den morgigen Abend in das Krollsche Theater erwähnte, erwachte Suse aus ihrer Schläfrigkeit. Sie fragte genauer und beschloß im stillen, gleich am nächsten Morgen einen Rohrpostbrief an Trautendorf zu schreiben. Der mußte sich dannzufällig" auch dort einfinden.

Wie schön war der Nachmittag doch gewesen. DaS