Ausgabe 
2.5.1906
 
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Diese Welt nahm Meunier also gefangen. Es entstanden die Bilder, die das ganze Leben der Bergleute enthalte», jeder Tag, jede Stunde, jede Jahreszeit zeigt die charakteristische Sräaiiug. Die Strenge uitb Herbheit der Gesamterscheinung des anocd ist in der Kunst enthalten. Mer er appelliert nicht an das Mitleid. Dies ist eine Welt für sich, die aus sich selbst die Kraft zur Erhöhung auslöst. Darum das Verhaltene, Selbst-- ständige, Trotzige darin. Meunier hat aus dem Leben der Gegen­wart die Linie herausgelesen, die aufwärts führt. Dieser An­blick tveckte in Meunier eine Welt, in der er zum erstenmal die Erfüllung dessen sah, was in ihm nach Gestaltung rang.

Man must Meunier als Künstler in die Reihe der Schaffen­den einreihen, die durchtränkt von tiefer, mitfühlender sozialer Anschauung freiheitliche Ideen fortführen. Man must an Zola denken, an dessen Pathos, an dessen inbrünstige Meusacheits- schöpsmigen, die so durchtränkt sind von dem Glauben an die Kämst. .. i

Diese Linie lässt sich noch weiter zuruckverwlgm. Es ist die Revolution, die hier noch wirksam ist. Das Pathos der Er­hebung, der Aufklärung, der Neuschöpfung. Diese Stimmung durchzieht das Schaffen der jüngeren srauzösischen Künstler­generation bedeutend. Man braucht nur die alten Bilder uitb Karikaturen der Revolutionszeit anznsehen, welch uugebäudigte Leidenschaft liegt darin!

(Schluß folgt.)

Ver'mSschteS.

* Das größte Naturwunder der Welt, die Vik­tor i a f ü l l e des I guazst in der Republik Ar g enp ti nie», schildert unter Beigabe einer rneisterhasten Gesamt­ansicht die illustrierte Zeitschriftlieber Land und Meer" (Stutt­gart, Deutsche Verlags-Anstalt) in ihrem 13. Heft. In einem Halbkreis von etwa 400 Metern stürzt sich der Jguazü aus einer Höhe von mehr als 60 Metern kaskadeuartig in die Tiefe. Seine Breite übertrifft also die der Niagarafälle nm mehr als das Vierfache, und er ist 10 bis 15 Meter höher als diese. Es sind vielleicht hundert riesige Wasserfälle neben- und übereinander, die aber zusammen ein kolossales Ganzes und mit der sie unter­brechenden Vegetation ein einziges überwältigendes Bild un­übertrefflicher Naturschönheit bieten. Die Wasser stürzen sich mit so großer Gewalt auf den felsigen Grund herab, daß sich aus dem dichten Wasserstaub eine gewaltige, undurchdringliche Säule bildet, die bis. zu einer Höhe von 100 Metern zum Himmel empor- Sleigt. Die ganze Luft ist wie ein feiner, weicher Schleier, durch ien in der Sonne die oberen Teile des Falles wie flüssiges Gold leuchten und in denen sich beständig neue Regenbogen von intensiver Farbenpracht bilden. Und die Vegetation! Dort ist nicht ein Stein, der nicht mit den seltensten Moosen und Flechten bewachsen und von den zierlichsten und schönsten Farnkräutern beschattet wäre. Nachlässig zertritt man bei jedem Schritt Pflanzen, die nordarnerikanische Milliardäre mit Gold aufroiegen würden, wenn sie ihre Tafel und ihre Salons schmücken könnten. Man braucht nur die Hand auszustrecken, und ohne lange Wahl pflückt man Begonien, Orchideen und hundert der seltensten Pflanzen. Mehr als 400 Holzarten zählte man auf einem Flächenraum von einer -Quadratmeile, und unter diesen sind die kostbarsten und schönsten; einige von ihnen gleichen nach deut Polieren farbigem Marmor, lieber die Fälle teilte Horazio Anasagasti, Kommissar der Regierung Argentiniens, dem Geographischen Kongreß in St. Louis folgendes mit:Ich habe die Jgnazüfällc gemessen. Ich habe auch die Niagara- und Sambesisälle gemessen und studiert und kann daher behaupten, daß die Jguazstfälle die größten in der Welt sind. Ich bin auch sicher, daß die Fälle iit einem Jahre als das größte Naturwunder der Welt gelten werben. Der Abgrund, über den der Fluß stürzt, ist 210 Fuß hoch, während der des Niagara nur 167 Fuß mißt. Mau schätzt, daß stündlich 100 Millionen Tonnen Wasser über die Niagarafälle brausen und schäumen; für die Jgnazufälle beträgt übet die Wassermenge in derselben Zeit 140 Millionen Tonnen."

* Im deutschen Hause vor 150 Jahren. Der ge­sellige Verkehr in den ersten zwei Dritteln des 18. Jahrhunderts war einer ^sehr strengen Regelung unterworfen und die Scheid­ung der Stände noch geradezu kastenartig. Selbst nach der sLturm- und Drangzeit noch und sogar in Weimar galt ein i. I. 1800 von Adeligen und Bürgerlisteu gemeinsam veranstalteter Ball Jur, ein beispielloses Ereignis. In der eigentlichen Puder- Ulid Zopfzeit war namentlich im höheren Bürgerstande die Le­bensführung sehr streng geregelt. Mädchen und Frauen standen unter dem Zwange, einer steifen Konvenienz. Der Hausherr führte ein unumschränktes Regiment, welches irgcnbivic anzu- zweiseln niemand anch nur entfernt ein fiel. Nickt allein die Kinder, fonbertt auch die Hausfrau zollten ihm unbediitgteu Gehorsam. Die Jraueubildnng stand durchschnittlich niedrig. Der Katechismus herrschte in katholischen nnd lutherischen Häusern unbedtugt. Romane zu lesen galt manchem geradezu für sündhaft. Diehöhere weibliche Kultur gelangte bei adeligen nnd bürger­lichen Damen bis zum Französischplappern, Spiitettschlageu und

Arientrillern. Das Erscheinen Von Frauen ohne ntättulicke Be­gleitung auf Spaziergängen, int Theater, im Konzert galt für unpassend. Es würde schon sehr ausgefallen sein, wenn ein Mädchen ober eine Frau auS gutem Hause über die Straße, in die Kirche ober in einen Kauflaben gegangen wäre, ohne von ihremKammermensch" begleitet zu fein. ItebrigenS wurde allen französischen Kleider-, Spracht- und Tanzmoden zum Trotz nicht allein in beit bürgerlichen, sondern auch in den adeligen Kreisen der gute alte deutsche Grundsatz festgehalten, das häus­liche Walten der Frauen und Töchter sei ihre schönste Bestimmung. Da war z. B. die Freifrau Anna Dorothea von Hardenberg, deren Sohn Friedrich August später (um die Mitte des 18. Jahr­hunderts) württembergischer Minister gewesen ist. Sie hat ein Notizbuch hinterlassen, welches uns einen Einblick in die Lebens­weise einer niederdeutschen Adelssamilie der Zopfzeit gewährt. Die Freifrau führte eine scharfe Aussicht über die Back- und Spinnstnbe, über die Butter- und Käsebereitung, über die Knechtc- unb Mägdekammern. Auch ihren Töchtern ließ sie es, gerade wie den Mägden, nicht hingeheu, wenn sie das ihnen täglich auf­gegebene Ellenmaß nicht richtig abgesponnen hatten. Nach einem ihrerKüchenzettel" bestand der werktägliche Mittagstisch aus Brühsuppe, Rindsflecken in saurer Brühe und jungen Rüben". Die Einrichtung des Edelhofes war einfach: die Zimmer hatten keine Dielnng, sondern waren nur mit Estrich gepflastert, die Wände nicht tapeziert, sondern nur gemeint. Dagegen war das Mobiliar solid gearbeitet und Silber- und Weißzeug in Fülle vor­handen. Das Leben spann sich eintönig hin. Gastereien kamen nur bei festlichen Anlässen nnd Jagden vor; doch pflegten dann die geladenen Nachbarn immer gleich mehrere Tage zu verweilen, beim der elende Zustaub der Wege gestattete selbst die Her- und Hinsahrt von und nach zwei ober brei Stunden entfernten Nach- barhöfen nur in beit längsten Sommertagen. (Aus beut gegen­wärtig erscheiuenben WerkeGermania", Zwei Jahrtausende deut­schen Lebens. Kulturgeschichtlich geschildert von Johs. Scherr. 6. neu bearbeitete, mit ca. 300 Abbildungen und 50 Extra- Kiinstblättern versehene Auflage. 50 Lieferungen zu je 30 Pf. Stuttgart, Union Deutsche Verlagsgesellschaft.)

LtteraveßcheS»

Eine neue Schillerausgabe. In der bekannten Herderscheu Verlagsbuchhandlung in Freiburg i. B. sind unlängst drei Schillerbände erschienen. Sie enthalten die Gedichte, sämtliche große Dramen nebst dem Demetrius-Fragment und der Huldigung der Künste, außerdem noch von den Uebersetzungen: Die Zerstörung von Troja (nach Vergils Aencide) und die Iphigenie in Aulis von Euripides. Es fehlen Turandot, der Parasit, Phädra, der Reffe als Onkel, sowie die ästhetischen und historischen Schriften. Es soll im wesentlichen eine Ausgabe für die Schule sein. Daß die Jugcnddramen Schillers ausgenommen worden sind, versteht sich von selbst, und es bedurfte u. E. keineswegs der folgenden Rechtfertigung des Herausgebers, Ghmnasialdircktors Prof. Dr. HellinghanS:Wer nicht in einer falschen, gerade in der letzten Zeit von einsichtigen Pädagogen mit Recht auf das nachd rücklichste verurteilten Prüderie besangen ist, wird auch sie der reisereu Jugend nicht vorcnthalten wollen. Einige Stellen sind ausgctassen. Dagegen läßt sich angesichts der Bestimmung dieser Ausgabe nichts einwcuden. Dagegen war im übrigen der Grundsatz maß­gebend, an den Gedichten nichts zu ändern und aus den Abdruck derjenigen, die Bedenken erregten, zu verzichten. Jeder Band ist mit einer guten Reproduktion eines Schillcrbildes geschmückt. Der erste Band enthält eine 60 Seiten umfassende Einleitung, in der das Wichtigste aus Schillers Leben in ansprechender Form erzählt wird. Die einzelnen Teile sind mit orientierenden Einleitungen versehen, und was sonst der Erklärung bedarf, wird in den im Anhang beigesngten Anmerkungen erläutert. Diese Schiller- Ausgabe, die trotz der schönen Ausstattung nur 3 Mk. pro Band kostet, hat vor andern den Vorzug, daß sie in großer, kräftiger Schrift gedruckt ist. Wer diese Schwabacher Schrift mit dem Augenpulver vergleicht, das in vielen billigen Ausgaben zu finden ist, wird lieber nach jener greifen, auch wenn darin nicht gerade so viel Text enthalten ist. Die Bände sind solid und geschmackvoll gebunden, so daß sie sich auch in einer Bibliothek recht stattlich ausnehmen. Die hellblauen Leinenbände mit weißer Titelpressung gereichen jeder HanSbibliothek zur Zierde, und man kann nur wünschen, daß sie als Hausbücher recht oft zur Hand genommen werden mögen; denn Schiller sollte nirgends nur zur Parade dienen.

Palindrom.

Nachdruck verboten'.

Mancher der Schiffer sand plötzlich durch mich sein Grab in den Wogen, Rückwärts gelesen jedoch würd' ich ihm einstens geschenkt, m.

Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer r Da du einst geboren warst an's Licht, Weintest du; es freuten sich die Deinen.

Lebe so, daß, wenn dein Auge bricht, Du dich freust, die Menschen aber weinen. Indisch.

Redaktion! Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universitäts-Buch- und Steindruckeret. R, Lanas. Gießen.