Ausgabe 
2.5.1906
 
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an jedem Mittwoch statt (mit Ausnahme der beiden letzten Wochen des März) und dauerten bis zum 5, April. Eintrittsgeld wurde

war dabei die Absicht des Ausschusses, die Grundsätze deZ Ver­bandes in größerem Nahmen zu erproben, in deneii dieser über die bw- beriaeArt des össentlichenVorlesimgSwejens hmauSgeht. AnStelle der zersplitternden Einzclvorträge, die in dieser Woche dieses, in der nächsten jenes bieten und eine systematische, d. h. a so wirklich bildende Führung der Hörer säst unmöglich machen, sollten Zyklen von mehreren innerlich zusammenhängenden Volksvorlesungen treten, die sich auch ihrerseits ergänzten und aigemander beziehen ließen. Demgemäß wurde in diesem ersten Winter der lentsche Idealismus, 'feine Geschichte und Gegenwart behandelt, , und^es svrachen vom 15. Januar bis <. ^ebruoi' 1906 ^berlehier D r. A. Klein überD i e E n tst e h u n a des m o d ern e n Deutschland" (1740-1812) an vier Abenden; vom 14. bis 28. Februar Pfarrer Lie. E. Fuchs, Rüsselsheim a. Jt., über Grundfragen der Sittlichkeit" an drei Abenden; am 5 April Oberlehrer Dr. R. Strecker, Bad-Nauheim, über , Goethes Lebens- u>ld Weltanschauung".

Zwischen die Norlesimgen von Herrn Lie. Fuchs und Herrn Dr. Strecker schob sich eine geographische Schilderung von Herrn Oberlehrer H. K r a s t aus Büdingeii, der an zwe; Abenden (am 7. und am 14. Aiärz) in höchst anschaulicher und segelnder Weise von seinen Reisen in Südamerika erzählte.

Wenn schon die Durchführung dieses Programms hohe An­forderungen au die Geduld lind Willigkeit der Hörer stellte, so noch mehr die D i s k u s s i o n, die an jede Vorlesung des ersten (ge- schichtlicheil) und des ziveiten (ethischen) Zyklus sich anschloß. ES war doch ein Wagnis, einer Zuhörerschaft, die sich zum großen Teile nicht kannte'und von des Tages Last und Muhe herkam, zu- -iiMiutei,, daß sie aus dem Stegreif sozusagen über die schwierigen Fragen, die behandelt wurden, urteilen und ihr Urteil aussprechen sollte. Wir sagte» uns aber, daß die freie Disüsiswn die einzige fest ailsgebildete, moderne Methode ist, um die Selbsttatigkeit und lebendige Teilnahme der Zuhörer zu wecken und wachzuhalten, uno der Erfolg hat uns Recht gegebeii. Sie war besonders der den beiden letzten Vorlesungen des geschichtlicheii und bei denen des eihischeii Zyklus sehr rege und zeugte von dem erfreulichen Ver­ständnis aller derer, die sich an ihr beteiligten.

Auch der Besuch hielt sich auf der durchschmttlichen Hohe von 150 Personen, Angehörige aller Schichten der Bevölkerung, unter denen nur die Arbeiterschaft allzu schwach vertreten war.

Neben den Vorlesimgen bot der Ausschuß feinen freunden auch edle Unterhaltung au zwei V o l k s u n t e r h a l t u n a s a b e n d e n. Am 11. Februar veranstaltete einen solchen der akademische Ourer- bund, der seine int ganzen Rhein-Maingebiet bekannten Lichtbilder aus Wilh. BuschsPlisch und Plum" und zwei Fastnachtsspiele von Hans Sachs (Der fahrende Schüler; Der Roßdieb von Fmising) vorführte (mit einleitenden Vorträgen von Herrn Dr. Jt. & i v e er e r) und am 11. März sand ein inusika,sicher Vo ksimterhaltungsabend statt, an welchem mitwirkten: Fränlein Paula Bug a»^. Wetzlar, die Herren Musiklehrer Franz Baue r, Großh. Mus kdliek or Krauße, Einj.-Freiw. E. Krauße, Pianist I. Hahn, Lehrer I. M arx und der G i etz en er L ehr er- S a n g erch o r. Hier ivechselteu miteinander ab: Beethovens Elnartet Es-dur, Lieder für Sopran und Alt, Solostücke für Violine und Klavier und Volks- liederchöre des Lehrer-Sängerchors. Beide Abende waren sehr gut besucht und boten asien Zuhörern reichen Genuß und Anregung. Wir sagen allen Mitwirkenden nochmals unseren aufrichtigen

Der Ausschuß aber entnimmt dein Erfolg, den seine Veran­staltungen gefunden haben, das Recht und die Pflicht, seinen Grund- sätzen auch im Winter 1906,07 treu zu bleiben und sie nach Möglichkeit iveitcr ausziigestalten. Volksunterhaltungc-abende und VorlesimgSzyklen werden nebeneinander hergehen,. uiw zwar Mrd in diesen' letzteren die Naturwissenschaft und die Kunst starker be­rücksichtigt werdeii. fSmieben hoffen ivir besondere Fortbildungs­und Lehrkurse in Sprachen, Geschichte, Literatur für eine kleme Anzahl besonders interessierter und strebsamer Personen durch- sühren zu können (nach dem Vorbild non Offenbach a. M.)> /öolten aber die e und andere Erweiterungen des Programms, die un In­teresse der Teilnehmer noch geplant sind, sich verwirklichen, so braucheii wie vor allem größere Geldmittel, die wir durch frei- ivilltge Beiträge uisierer Mitbürger anfzubrmgen hoffen. Wir bitten darum herzlich, daß sich zu ben bisherigen Gebern, bene» hiermit unser aufrichtiger Daiik ausgesprocheii fei, eine große Zahl opferivilliger Nachfolger gesellen möge. Danken werden wir nut erhöhten Leistungen, die in unser aller Interesse, zu unser aller Ehre und Nutzen geschehen.

AasMonument der Aröeii" und sein Schöpfer.

Bon E r » st S ch u r.

Wenn man in Constantin Meuniers Gesicht blickt, fo fällt in den Zügen die Mischung tiefen «mneA, leidbollen Betrachtens auf und zugleich die Andeutung verhaltener Kraft. Eine machtvolle Ruhe. Tiefe Furchen. Ein warmblickendes Ange. Jin ganzen ein Kopf wie von der Natur gemeißelt. Nichts Fal­sches, nichts Berechnendes in den Zügen. Wahrheit spricht aus

ein düsteres Bild, in dem die

bem Blick. Der Mund scheint herb und pessimistisch, zugleich ist er trotzig gebildet. Eine freie und offene Stirn gleicht momi-. mental ben Zwiespalt im Ausdruck aus.

Die großen Bildhauer, die wir aus der Vergangenheit kennen, itellen wi'' deshalb so hoch', iveil in ihrem Werk die Kültnridee ihrer Zeit Form gewann. Nicht das bloß technische Können impo­niert uns. Dies' ist Voraussetzung. Erst wenn sich zu der Ge­staltung die Durchdringung mit der treibenden. K-raft der Zeit gesellt, erkennen ivir in dem Schöpfer den Typus semer Zeit an. Sein Werk legt ein Bekenntnis ab von der ubee der Zeit, ihrem innersten Gehalt. So sehen ivir in ben Werken der griechischen Plastik den reinen Geist des antiken Griechentums in edlen Formen aufbewahrt und wir genießen und verstehen ut den untueit Statuen und Friesen das Wollen uno dce Kraft diefes Volkes. Ebenso ist es daml mit der Renaissance. Donatello und Michel­angelo repräsentieren in ihren Werken den Geist der Renaisiance, ben ivir unmittelbarer hieraus ableseu, als wenn wir i niletbige Kültiirbeschreibungen einsehen. _

So ist es auch 'mit Meumer. Er sagt uns uilimttelbar, ohne Umschweife in seinem Werk, was unsere Zeit sucht, was sie will. Es liegt ein Bekenntnis darin. . Damit gewinnt sein Schaffen typischen Mert. .In ihm erhält die tresste, eigenartigste Idee der Gegciiwart, die fchopferifche ^dec unserer, Zeit, turz, die Idee unserer Zeit Formkraft. Er macht sich und sein .tviiuen dieser Kraft dienstbar. Es ist die soziale.Idee.

Am 12. April 1831 ist Mcumer ui Etterbeck gehören Ettcrbeck gehört jetzt zu Brüssel, galt damals redoch nur als kiemsindti- sOcher Vorort. Meunier hatte fünf Geschwister Der Vater starb früh. Die Schwestern verdienten , als ModlstlNnen. Lle. Not wich nicht von der Familie, die sich ohne em mannluhiS bei» Haupt im Kampf des Lebens durchriugen mußte. ,

Meunier war schwach und kränklich. So machte auf ihn die Trübseligkeit feiner Fugend, die selten Freudigkeit und Zu­versicht sah, besonders quäleudeii, tiefen , Linbtuct.

Meunier hatte einen Bruder, der viel alter war a s er, Fean Baptiste. Der hatte einen Ruf als tüchtiger Kupserstecher. Er übersetzte die Gemälde der belgischen Maler, bte damals berühmt waren, in den Kupferstich. Dtefer.nahm Eoustantm mit auf die Akademie. Dann trat er in das'. Atelier des Makers und Bildhauers Fraikin, dessen Werke uns fetzt raten s«Atch«n und akademischen Eindruck machen. Meunter wurde zu allerlei .uiter geordneten Arbeiten verwandt. Zuerst tat er alles willig.. ^ami aber machte sich der Uebelstaud bemerkbar, daß irraum, der Vielbeschäftigte, keine rechte Zeit zu einer energischen Lehrlatig-i feit hatte. Um zu sparen, tat Meumer sich mit mehreren an- bn-eit jungen Künstlern zusammen und mietete eme Scheune, um dort zu arbeiten. Bald darauf, als er emsah, daß die ut der Nachahmung der Antike und der Franzofen befangene Plastik ihm nicht genügte entsagte er der Bildhauerkunst und wandt« sich der Malerei zu. Namentlich die Niederländer zogen ihn an, deren Landschaften ihm eine lebendige Sprache regten. Unter dem Einfluß des begabten de Group, der zuerst die Welt ixe Arbeit Und des Elends im Bside zeigte, kam Meunier m dw soziale Gedankenwelt hinein. Daun malte er eme Neck)^ Ge­mälde aus dem Leben der Trappisten einer Klostersekte, v er eit Leben ihn interessierte. Schon langfam tastete fub Meunter Hut zu dem Stoff, der die Aufgabe seines Lebens war. Er malt eine Episode aus dem Bauernkrieg', em dusteres Bild, in dem die Farben unheimlich aus dein dunklen Grund leuchten.

1880 sah Meunier zum erstenmal m der Nahe von Lüttich eine Glasfabrik. Von da ab beginnt die entfchetdende Wandlung in ihm. 1882 stellt er die Studien mach.diesen Motiven, di« der Arbeit des Glasbläsers entnommen find, ans. VetflarN wurde der Eindruck, den Meunier dort .empfangen, dmch emen Besuch der Hüttenwerke des Borinage.ber Mons. Der Betrachter hat hier einen Anblick ähnlich dem rni Ruhrkohlenbezrrk. Alles ist schwarz. Das bunte Leben scheint erstorben: Fabriken, Berg- iverk 'Kohlen. Dieser Eindruck >vird noch starker, wenn man be­denkt, daß nur wenige Stunden Eisenbahnfahrt anden Rhem führen, dessen lachende Schönheit alles Leid vergeßen mache» will Tief in die Erde hinein führen die Gauge. Fortwährend qualmt der Rauch geu Himmel und eine Holle scheint hier br- reitet. Cauiille Lemonmer, der- Freund Meuniers, beschreibt m seinem Buche, das Meuniers Schaffen behandelt, diefes Land mit folgenden Worten und gibt damit er besuchtedie Gegend gemeinsam mit Meunier den ersten Eindruck wieder.

0 Eines Tages war ich 'mit Meumer dorthin gekommen . . . Der 'Mami der eines Tages in nachdenklichen und .tiefempfun- beneit Werken die niederen Bolksmasstn in die Kunst emfuhre» inttt!- kannte selbst dieses schwarze Land noch kaum, das für ih!! der Aststoß für eine reine Ausdrucksart der M« werden ioltte. Wir stiegen auf den klcmeu Turm des «wlone» von Mons Unter einer langsamen, unaufhörlichen Uebersch-wemm- ung mit Kvlsteustaub zeichnete fick., die Luft in rußigeit Tonen die" beit warmen Nachmittag, entfärbten. Der aus ben hohen Essen unaufhörlich emporgefchleuberte Ruß bedeckte die Land- strecken, die in der wirbelnden Lttömrmg des unablasfigcn Rauches blutlos und verlvüstet erschienen. Der Eindruck, "ns Plötzlich vor diesen aus'gedörrten Horizonten zu sehen, unter denen sich I ans allen Seiten dnnkle Hügel aufbauten, !var so stark, daß I wir lauge schweigend verharrten . . . "