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nervös auf, als die Schwester so unerwartet aus dein Toten- ziininer trat.
Ruth zog die junge, zitternde Gestalt einen Moment an sich und strich beruhigend über ihre weiche, tränenüberströinte Wange. Zusammen gingen sie durch das düstere Berliner Zimmer, in dein die beiden Jüngsten scheu und gedrückt über ihren Schularbeiten saßen.
Als sie auf den schmalen Gang zur Küche hinaustraten, bemerkte Ruth, sich wie fragend an die Schwester wendend:
„Ich weiß gar nicht, warum von Tante Hertzberg aus Berlin keine Nachricht kommt? Auch Brockhaus' haben noch keine Zeile geschrieben. Mama betrübt sich so über ihre Teilnahmlosigkeit und wundert sich auch, da sie Dich doch so nett ausgenommen haben."
„Sie kommen vielleicht — zur Beerdigung!" stotterte Snse hilflos, über und über erglühend.
Sie war froh, daß sie an der Tür ihres kleinen Stübchens angelangt war. Während Ruth nach der Küche ging, flüchtete sie sich dorthin, verriegelte die Türe hinter sich und warf sich aufschluchzend auf das harte, schmale Sofa.
Dieses völlige Schweigen all der N.er Bekannten sagte ihr genug. ' Ihr glänzender Traum vorn Glück war aus- geträmnt. Wie eine Fata Morgana lag schon jetzt diese ganze selige Zeit in N. hinter ihr, so völlig fern und unerreichbar ans der Misöre ihres Lebens heraus, da sie die Brücke, welche das Schicksal ihr in einer königlichen Laune herübcrgespannt, mit eigener unvorsichtiger Hand zerstört hatte. Und in ihrem Schuldbewusstsein wagte sie keinen Versuch, sich an der Hand des Mannes, der ihr von Liebe gesprochen und an dem sie mit zärtlichster Glut hing, in das verlorene Paradies hinüber zu retten.
Etwas von dem stolzen Blute der älteren Schwester floß wohl auch durch ihre leichtsinnigen Adern. Wenn er sie wirklich liebte, iveiiii er sie als seine Braut betrachtete, dann war es an ihm, der durch die Verwandten und durch Leutnant Bittner alles Nötige über ihre plötzliche Abreise erfahren haben mußte, ihr ein paar tröstende Worte zu schreiben oder persönlich an ihre Seite zu eilen. Er hatte keines von beiden getan, er gab sie leichten Herzens auf. Sie war ihm wohl auch nur eine flüchtige Spielerei gewesen. Ganz dunkel regte sich in ihrer bangen Seele ein instinktives Ahnen von den; wahren- Zusammenhang der Dinge, die Fritz Trantendorfs Schweigen begreiflich machten.
Und doch hoffte sie noch iuuner. Sie konnte es nicht glauben, daß er gerichtet haben sollte, ohne sie zu hören, so hart gestraft, ohne zu entschuldigen.
Aber die Tage verstrichen, reihten sich zu Wochen, auf dem Grabe des Amtsgerichtsrats blühten vielfarbige Frühlingsblumen und die Familie richtete sich zu der Ueber- siedclung nach Berlin, auf der Iran Berta in krankhaftem Eigensinn bestanden hatte — Fritz Trautendorf ließ nichts von sich hören.
Es war der letzte Tag in der alten Heimat. Die «Schwestern standen am Fenster des Berliner Zimmers, von den: aus inan den Blick auf das kleine Gärtchen unten hatte, in dem sie als Kinder gespielt.
Der qfoße Kirschbamn zeigte schon die ersten weißen Blütenknospen und in seinen Zweigen lärmte eine Schar frühlingsausgelassener Spatzen, deren struppiges, schmutziges Gefieder noch die Art des Winterquartiers in Manerlöchern und Schornsteinen verriet.
Freundlich grüßte die Abendsonne das kleine Gartcn- sleckchen, auf das die beiden Mädchen feuchten Auges herabstarrten.
Es war kein Glück, das sie aufgaben, aber es ivar doch dre Heimat, die sie mit starken Armen hielt. Suse begann laut und fassungslos zu weinen. Ihr war es auf einmal, riffe jetzt erst das letzte Band zwischen ihr und dem Geliebten, nun er nicht einmal mehr ivissen würde, ivo er sie finden konnte. Hauptmann von Brockhaus kehrte voraussichtlich nicht mehr nach N. zurück, wie den flüchtigen Andeutungen in einem Briefe der Geheimrätin zu eiitnehmen
ivar. Und von wem hätte er sonst noch jeinals etwas über sie erfahren sollen? Und in ihrem jammervollen Schluchzen Beweinte sie die Gewißheit, daß sie ihn nie mehr iviederschen würde.
Ruth zog die Fassungslose liebevoll an ihre Brust. Seit langem hatte sie im stillen ihre Beobachtungen gemacht, befremdet von der seltsamen Verschlossenheit, ivelche die sonst so initteilsame Suse über die Zeit in N. bewahrt hatte, beunruhigt durch die fast beleidigende Kühle der erst so liebenswürdigen Verwandten, peinlich berührt durch die Tatsache, daß diese ernstliche Trübung der Brockhansschen Ehe, von der die alte Tante tiefschmerzlich getroffen war, gerade mit Siises Abreise von N. zusammenfiel.
Sie hatte dieses Thema vor der jungen Schwester nie berührt, aber ihr tröstender Zuspruch nun öffnete ihr ungewollt die Pforten dieser kämpfenden Mädchenseele. Suse gestand ihr alles, verhehlte ihr nichts aus dieser unselig- seligen Zeit im Hause der Verwandten.
Tief erschrocken, bis ins Innerste erschüttert, hörte Ruth ihr zu. Die Worte des toten Vaters gingen angstvoll durch ihren Sinn: „Suse wird am schwersten zu hüten sein."
Wenn sie in geordneten, wohlbehütctcn Verhältnissen, gestützt von der Liebe eines geliebten Mannes, sich in eine solche Gefahr verstrickt hatte, wie würde es dann erst werden, wenn sie in Berlin den bitteren-Kampf. ums Dasein führen mußte, allen Versuchungen der Großstadt ausgesetzt? Wie wenig gestählt und gefestigt war ihr Charakter doch für das Leben, das ihr bcvorstand!
Im stillen segnete Ruth fast die Enttäuschung, die Snse gleich bei diesem ersten Fluge in die Welt erfahren hatte. Weil sie, ehrlich genug, ihr eigenes Verschulden daran eingestand, mochte die harte Strafe vielleicht läuternd und vertiefend auf ihr leichtsinniges, genußsüchtiges Herz ein» wirken. ’
Ruth empfand feinfühlend, daß der Schwester Gemüt trotzig verbittern würde, wenn sie ihr Vertrauen mit strengem Tadel belohnen würde, und so suchte sie nur nach Trostworten, die beweisen sollten, wie aufrichtig sie mit litt und daß sie verzeihend Vieles entschuldigte. Aber das Bekenntnis ihres eigenen Liebesleids kam nicht über ihre Lippen, das zuckte nur noch wie eine wehe Mahnung manchmal durch ihr müdes Herz. Auch zum tiefen Schmerz- empfindcn gehört eine gewisse Kraft und die besaß sie momentan nicht.
Eng umschlungen standen die Schwestern noch lange schweigend, nachdem ihre Aussprache beendet war, am offenen Fenster. Der aufrührerische Geruch der frühlingskeimenden, feuchten Erde stieg zu ihnen empor, vermischt mit einem süßen, schmeichelnden Dust — die Veilchen blühten. Das zwitschernde Spatzenvolk war zur Ruhe gegangen. Ueber den kleinen Garten mit all den lieben Kindheitserinnerungen senkten sich die Schatten der Nacht, lind in ihrem verhüllenden Schleier sargte auch Suse Meridies ihre erste Liebe ein.
(Fortsetzung folgt.)
Der Gießener Artsfchusz für Bottsvorlefmtgen und verwandte BcstreSnttgen im Winter 1906.
(Gesamtbericht.)
Schon seit längerer Zeit war von Mannern, die den »eueren Bildnngsstrebimgen ein lebhaftes Interesse entgegenbrachten, der Gedanke erwogen worden, auch in Gießen eine Einrichtung ins Leben zu rufen, die diesen Zwecken dienen sollte. Aus wiederholten Besprechungen der Frage ging ein provisorischer Ausschuß hervor, der sich im Dezember 1905 an Oberbürgermeister und Stadtver- verordnete wandte mit der Bitte, die Stadt möge ans ihre Kosten die Turnhalle des Realgi)mnasiums und der Oberrealschule — die von der Direktion dieser Anstalten bereitivillig zur Verfügung gestellt worden war — Heizen, beleuchten und für VorlesuügSzivecke herrschten lassen. Da diese Bitte sofort gewährt wurde, so konnte mit den Vorlesungen begonnen werden. Der Ausschuß, bestehend aus den Herren Oberlehrer Dr. Klein, Antiguariatsbuchhändler Alex. Kahr, Lehrer Val. Müller, Redakteur Vetters, Oberlehrer Otto Urstadt, sind, theol. H. Hechler als Vertreter der akademischen Ortsgruppe des Dürerbundes trat dem Rhein«Mainischen Verbände bei und eröffnete die Vorlesungen am 17, Januar 1906, Sie fanden


