Ausgabe 
2.5.1906
 
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Wiktelkose Mädchen.

Roman von H, E h r h a r d t.

''Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) .

Papa, wir sind am Ziel!" sagte fte laut, ihrer Stimme gewaltsam Frische und Unbefangenheit gebend, und da er noch immer nicht zu hören schien, griff sie nach seiner mageren, schlaff herabhängenden Hand. Mit einem Aufschrei prallte sie zurück. Tie Hand war eiskalt und siel schwer und tvillenlos aus der ihren.

In der sich öffnenden CouMür erschien Suses blühendes, fchleierumwalltcs Gesicht, das in Schreck versteinerte, als die sonst so gelassene Schwester ihr wild mit schriller Stimme entgegenrief:

Hilfe! Einen Arzt! Um Gottes willen! Ich glaube, Papa ist schwerkrank."

Während Suse halb besinnungslos davonstürzte, drängten schon Neugierige hinzu, Eisenbahnbeamte erschienen, hoben den leblosen Körper des alten Mannes aus dem Coupe, betteten ihn im Warteraunr erster Klaffe arif ein Sopha, die mitleidige Bahnhosswirtin brachte Mein und belebende Essenzen, mit denen Ruth, selbst blaß wie eine Leiche,. Stirn und Schläfen des Vaters rieb, von Zeit zrr Zeit in Tönen herzzerreißender Arrgst seinen Namen rufend. Als endlich Suse atemlos, keuchend, larit weinend mit dem Arzt erschien, stürzte sie ihnen entgegen rvic eine Irrsinnige:

Helfen Sie, Herr Sanitätsrat, Papa hat einen Ohn- machtSanfall wie schon einmal in K."

Nur Ruhe und Mut, liebes Fräulein Mcridies, wir wollen das Beste hoffen."

Aber ein einziger Blick in das fahle, bläuliche Antlitz mit den halbgeschlosienen Angenlicdcrn sagte ihr«, daß hier jede Rettung ausgeschlossen wat.

Eine halbe Stunde später brachten sie einen stillen Schläfer in das Haus, in dem die Tränen um einen anderen Toten noch nicht getrocknet waren.

Für Ruth und die Ihren wiederholten sich die kaum überwundenen Schmerzenstage tausendfach verstärkt durch das Bewußtsein, daß der Tod ihres Ernährers ihre ganze Existenz in Frage stellte. Der Amtsgerichtsrat war bei seiner großen Familie nicht imstande gewesen, von seinem Gehalt auch nur das geringste zurückzulegen, so blieben der Witwe nur die Pension und die Erziehungsgelder für die beiden jüngsten Kinder. Es fand sich nicht einmal so viel Bargeld im Hause, um die ai!genblicklichen Begräbniskosten bestreiten zu können und Ruth sah sich blutenden Herzens genötigt, die zart­fühlend gebotene Hilfe Justizrat Gleitenbergs anzunehmen,

der einzige Mensch nebenbei, zu dein der Verstorbene in einem gew'issen Freundschaftsverhältnis gestanden hatte. Sie über­ließ ihm schließlich berciiwillig alles. Die ganze huflose Schwäche des Weibes, das dem Lebenskampf tn den seltensten Fallen ohne die stützende männliche Hand gewachsen ist, wurde ihr in dieser Zeit fühlar.

Sie hatte eine rasende Sehnsucht ost nach Haus Klausen, nach all dem Lichten, was das Leben an seiner Seite ihr geboten hätte, eine gräßliche Feigheit vor der drohenden Zukunftsnot, ein vermessenes Hoffen, er würde zurücklehren. Ihre Knie wankten, als sie unter den Kondolenzschreiben, die zahlreicher, als bei dem zurückgezogenen Leben der Eltern zu erwarten gewesen, einliefen, die wohlbekannte Handschrift des geliebten Mannes erkannte. Der Brief trug den Post- stempel London. Es war ein lieber, herzlicher Brief, der nicht nur die üblichen konventionellen Beileidsworte enthielt. Aber gerade in dem völlig unbefangenen warmen Freund­schaftston, den der Schreiber gefunden, lag etwas, das Ruths wundes Herz qualvoll zucken ließ. Es war die Gewißheitz daß er sie zu verschmerzen begann, die bestätigt wurde durch die Bemerkung am Schluß des Briefes:

Sie haben mir sehr wehe getan, Ruth, aber ich glaube nun auch, wir hätten nicht zu einander gepaßt, ich bin ^hrer ja gar nicht wert." t

Still faltete sie das Briefblatt zusammen und piichtete mit ihrem wehen Herzen in den Salon, wo man unter Orangenbäumen und grünen Blattpflanzen die Leiche des Vaters aufgebahrt hatte. Ohne Scheu nahm sie das sprritus- getränkte Läppchen von dem starren Totengestcht. Em großer Frieden hatte dessen Züge geglättet und geadelt, alle Spuren von Gram und Verbitterung daraus gelöscht. Im Anblick dieser abgeklärten, friedlichen Ruhe vermochte Ruths Trauer sich nicht zu regen. Wenn sie's gekonnt, sie hätte nicht den Mut und die Grausaiukcit besessen, dieses Schläfers Ruhe zu stören, indem sie ihn noch einmal zmn Kampfe des Lebens weckte.

Sie verharrte lauge regungslos, im.Anschauen versunken. Dann, einer eigentümlichen Eingebung folgend, nahm sie den Brief Hans Kläuscns und schob ihn unter das weiße Sarg* kiffen. Ein tieferer Sinn barg sich hinter ihrem Tun: auch ihre Liebe sollte, wenn man diesen Brief morgen mit dem , Toten zugleich in die Erde senken würde, tot sein, tot und f begraben.

Im Entree draußen stieß sie aus Suse, deren Lebensmut dieser neue Schicksalsschlag doch geknickt hatte. Sie wat noch immer völlig verstört und weinte viel. Und jedesmal, wenn sie die eingegangenen Briefe durchsah, zitterten ihre Finger und sie war blaß bis in die Lippen, Jetzt schrie s'ck