Ausgabe 
2.4.1906
 
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bezeichnen können, wenns auch nicht ganz klappt. Die Kunst ist immer aristokratisch gewesen. Und was soll denn das törichte Geschrei: hie Volks-, hie Luxustheater?! Auch die Luxuskunst kann durch mancherlei Feinheiten gcschmacks- läuternd wirken, auch sie hat ihre Berechtigung, geradeso wie das Kunsthandwerk. Zugestanden: von der Warte Ihrer Höhe herab muß eS Ihnen tief schmerzlich er­scheinen, daß Ihr Theater nicht mehr der Kunst dienen kann, die Sie uls die einzig reine anerkennen, die große, die einsam auf ihrem Altäre thront. Doch können Sie es ändern? Und können wir es ändern? ... Ich weiß, Sie zürnen mir, Sie haben sich seit Monaten nicht mehr in meinem Hause sehen lassen. Das tut mir von Herzen leid, Baumeister, aber ich habe doch nur aus innerster Ueberzeugung dem Vorschläge Imhoffs zustimmen können. Ich bringe gerne Opfer, doch keine nutzlosen. Ueber allem steht mir der Zweck. Im üb­rigen: auch das neue Programm kann sich mach künstlerischer Seite hin entwickeln rmd ausgestalten. Die moderne Aesthetik macht nicht mehr schaudernd vor dein Tanze Halt und vor­der bunten Farbenpracht, die von der Bühne herab wohl­gefällig auf die Sinne wirkt, und selbst der Kleinkram der Spezialitätenvorführungen kann unter künstlerischer Schulung von tiefergehendem Einflüsse werden auf die Erziehung der .Menge. Also, Baumeister, nicht ungerecht sein. Geben Sie

mir Ihre Hand in alter Freundschaft! . . ."

Hammer tat e§. Aber er gab keine Antwort auf das, was der Geheimrat angeregt hatte und was ihm wie eine verblümte Entschuldigung klang. Er wandte sich an Josef Bcrndal, der sich durch die Menge zu ihm drängte, und fragte: Sind denn eigentlich meine Stücke schon zur Versteigerung gelangt?"

Ich komme diesen Augenblick," entgegnete Herr Berndal, aber so viel ich weiß, bildet Ihre Kollektion die letzten Nummern des Katalogs. Es ist da ein Teller verzeichnet, mit Talmas Porträt den würde ich gern erstehen."

In diesem Augenblick rief der Auktionator:Nummer dreihundertsieben, meine Herren! Eine Krystallschale aus der Fabrik Val Saint Lambert: Brillantschliff in Orange auf Dunkelgrün. Ein Meisterwerk. Wer bietet?"

Ach," sagte Samuel weinerlich,det Dreck! ... Na zwanzig Märk! ..."

Hammer schritt gerade an dem Auktionstische vorüber, sah die Schale und sie gefiel ihm.Dreißig Mark," rief er. Ein gewisser Bernstein bot noch fünf Mark niehr. Für vierzig Mark erhielt Hammer die Schale zugeschlagen.

Nun mache ich aber, daß ich fortkomme," sagte er lachend,sonst kaufe ich schließlich in der Wut der Liebhaberei meine eigene Kollektion zurück."

Er winkte mit der Hand grüßend zu den Bekannten (jcr- über und ging.

An der Tür hielt ihn der Zeilcn-Knappe noch einmal auf.Verehrter Herr Baumeister," sagte der behende Re­porter,ich möchte Sie einmal interviewen. Ich möchte ein­mal Ihre Ansichten über die Programmänderung im Prinz- Ferdinand-Theater hören. Und vor allem Ihre Ansicht über die beiden neugewählten Direktoren Imhoff und Sven Trusen."

Das will ich Ihnen gleich fügen, Herr Knappe," ent­gegnete Hammer,und zwar mit einem Ausspruch Goethes .." Er neigte sich zu dem kleinen Zeilenschreiber hinab und flüsterte ihm einige Worte in das Ohr.

I der Deibel," rief Knappe.Das ist zwar kurz und gut und irgendwo bei Goethe soll es auch vorkommen. Aber es druckt es keine Zeitung, wenn ich auch schwöre, daß cs Ihre Ansicht sei."

Bedauerlich, Herr Knappe. Ich wurde mich nur in­terviewen lassen, nachdem ich diese meine unumstößliche Ansicht schwarz auf weiß gesehen hätte. Sonst nicht. Addio!"

Er nahm auf der Straße eine Droschke, um nach Hause zu fahren.

Agnes erwartete ihn bereits.Schatz," sagte sie,cs ist schrecklich, aber es geht nicht anders. Wir müssen irgendwo

in einem Restaurant essen. Aus Versehen ist bereits ein Teil des Kochgeschirrs mit eingepackt worden. Nun sitzt Genoveva in der Küche und heult und sagt hundertmal 0 dio mio.

»Welches Verhängnis!" rief Hammer und gab seiner Frau einen Kuß.Immerhin, das tragische Geschehen wird sich bei gutem Appetit überbrücken lassen. Sind keine Briefe angckommen, Blauvcilchen?"

Doch, Lieb, ein ganzer Packen. Und der Junge hat schon wieder einen Zahn."

Ich gratuliere der Frau Mutter. Als Weihegeschenk bringe ich Dir einen Salatnapf mit, den ich soeben zu einem Spottgelde bei Lcpke ersteigert habe. Val Saint Lambert; das ist etwas Großes, das ist nicht bloß Wertheim oder Küchen-Cohn" . . . Und er packte seine Kristallschale aus.

Agnes freute sich erst und dann räsonnierte die Haus­frau aus ihr.O Urban, lieber Mann, du bist unverbesser­lich, das sehe ich. Kristall und Porzellan haben wir in Massen verkauft, weil ich bei aller Schätzung des Schönen nicht mehr wußte, wohin damit, und nun bringst du inic wieder diese Val! Es ist die siebente Salatschüssel in unserm glasgcsegneten Haushalt."

Nimm sie zu Flammerie oder Hiinbeercreme", riet ihr Mann, und dann verfinsterte sich sein Gesicht.Wir lachen, und doch sollt' ich ernst sein. Sonne und Schatten stehen dicht beieinander. Ich sagte dir heute früh, daß ich zu Priestap wollte. Ich fand ihn in der Auflösung, und als ich sein Haus verließ, war er tot."

Agnes erschrak, aber sie faßte sich schnell. Sie sagte ein Wort dc§ Mitgefühls; sie hatte ihn persönlich kaum kennen gelernt. Ein interessierter Zug trat auf ihr Gesicht; sie hing sich an Urbans Arm und schaute ihn fragend an. Nun und?"

Kein und nrehr, Agnes. Es hätte anders kommen können; aber die Erben des armen Jungen denken materia­listischer als er. Ich entsinne mich eines Wortes Arensteins, als wir einmal, die Herzen voll und die Stirnen heiß, uns um die Mitternacht im Tiergarten trafen.Dem Wahren, Edlen, Schönen" alles nur Phrase, und dahinter spielt man Komödie. Nicht einmal Komödie mehr der Cancan beginnt . . . Strich d'ruuterl Gib mir die Briefe . ."

Agnes holte sie. Es war ein umfangreiches Kuvert da­bei, mit einem Anstrich, als komme es aus einer Kanzlei. Es sieht geheimnisvoll aus", sagte die junge Frau.

Es kommt aus Wien", entgegnete Urban;halte dich am Stuhle fest, Veilchenblaue, das ist die Entscheidung! Er öffnete, stieß einen Jubelruf aus, fiel seiner Frau um den Hals und herzte sie ab.

Gratuliere!" rief Agnes mit strahlenden Augen;ich weiß noch nichts, und ich weiß doch alles. Deine Pläne sind akzeptiert worden; dies Ungeheuer von Papier ent­hält deine Bestallung, das neue Volksthcater in Wien zu er­bauen ! . . ."

So war es. Es gab viel Jauchzen und bei Agnes auch ein heimliches Tränchen der Freude. Urban erzählte feinem Jungen das Geheimnis des Briefes. Der schien sich nicht viel daraus zu machen; aber als der Vater ihm das große Kuvert wie einen Hut auf den Kopf setzte, freute auch er sich.

Nun meldete sich der Hunger, und inan wollte zu Tisch gehen. Agnes huschte rasch noch einmal in die Küche und rief:Genoveva, laß' jetzt dein dio mio; wir essen auswärts, back' dir einen Eierkuchen oder sonst etwas, was noch zu er­möglichen ist, oder hol' dir ein Kottelett von nebenan. Aber jamm're nicht mehr. Ein großes Glück ist uns widerfahren! wir bauen ein neues Theater. . ." Und dann lief sie da­von, um dem Erwiderungssturm Genovevas auszuweichen, und gesellte sich zu ihrem Mann, der in der Entree seinen Paletot anzog.

Du", sagte er,ich gesteh' es, ich freue mich riesig. Tag und Nacht hab' ich von dem Bau geträumt. Es soll endlich einmal ein nationales Schauspielhaus werden; es wird in seiner architektonischen Anordnung lediglich den