Ausgabe 
2.4.1906
 
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Suse blickt ihm ängstlich nach.

Kanu ich beim hier allein bleiben?" fragt sie zaghaft.

Aber gnä's Fräulein, unter dreifacher militärischer Bedeckung. Und Garde nebenan", beruhigen die jungen Offiziere sichtlich amüsiert.

Suse denkt unwillkürlich an Ruths strenge Ansichten und au das Entsetzen der Kleinstadt und sie lacht leise auf.

Worüber freuen Sie sich so, mein gnädiges Fräulein?" erkundigt sich Oberleutnant Trautendorf und setzt sich ihr gegenüber auf die Fensterbank.

c ist ein hübscher Mensch mit einem braunen, etwas mageren Gesicht und gefährlichen dunklen Augen, die in unverhohlener Bewunderung an dem lachenden Mädcheu- muude hängen.

O, ich dachte an meine Freundinnen daheim und kvie sie mich beneiden würden, wenn sie wüßten, daß mir gleich am ersten Abend hier drei Leutnants Gesellschaft leisten", plaudert sie naiv,wir haben nämlich kein Mili- tär in L. und da ist jeder Leutnant ein Ereignis für uns."

Die Drei lächeln geschmeichelt, und Trautendorf meint, Mit einer bezeichnenden Handbewegung nach der Straße unten, wo es jetzt von grauen Offiziersmänteln wimmelt:

Ich glaube nicht, daß heute jemand glühender beneidet wird, als ivir drei."

lind er winkt in scherzender Herablassung den ver­stohlen und sehnsüchtig heraufschauenden Kameraden zu.

Etsch, wer zuerst kommt, malt zuerst."

Bon ferne klingt jetzt schmetternde Militärmusik, die näher und näher kommt, Pechfackeln lodern gegen den frost­klaren Nachthimmel, das Bataillon stellt sich im Karree auf, das Musikkorps zur Seite.

Suse starrt ioic verzaubert auf das militärische Schau­spiel.

Wie schön, ach, ivie schön!" jubelt sie leise. Das ist bad Leben! Und als die Töne des Abendgebetes feierlich über die still gewordene Menschenmenge hinweg klingen, feuchten Tränen überfließender Freude ihre langen, dunklen Wimpern. Nur Trautendorf neben ihr bemerkt sie und in der Meinung, daß die ernsten Klänge ein plötzliches Heimweh in ihr geweckt hätten, neigt er sich zu dem blonden Köpfchen und fragt weich, fast zärtlich:

Es ist Ihnen schwer gefallen, von zu Hause weg­zugehen, mein gnädiges Fräulein?"

Ihr lebhaftes Gesichtchen wandte sich ihm zu.

Ach, nein", gestand sie ehrlich, mit der duftigen Boa rasch über die nassen Augen streichend,ich habe mich sehr, ehr gefreut, mal herauszukommen. Denken Sie, ich war a noch nie verreist, höchstens bei einem Sonntagsausflug bin ich mit der Eisenbahn gefahren, und nun gleich so weit und in eine so große Stadt und zu Menschen, die so nett zu mir sind. Alles kommt mir wie in einem Märchen Vor und doch wieder scheint mir's, als sei ich schon Jahre von zu Hause fort. Tie vielen Menschen, die Musik, die Soldaten, das macht mich so vergnügt und glücklich ja, da kamen mir förmlich. Tränen vor Glück."

. Er sah sie überrascht und gerührt zugleich an. Welch törichtes, kleines Mädchen, dachte er, und doch, wie süß sie ist in ihrer Kindlichkeit. Irgend ein warmes Wort schwebte ihm auf den Lippen, aber in einer eigentümlichen Regung hielt er es zurück.

Aber Sie leben doch gewiß auch in L. gesellig sehr migenehm!" setzte er die Unterhaltung im oberflächlichsten

Puh!" Suse zog das feine Näschen kraus,fragen Sie Mich lieber nicht, nieine Heimat kommt nicht gut bei mir fort. Ich glaube, es geht furchtbar spießig zu in unseren Gesellschaften. Aus Erfahrung kann ich nicht urteilen, da ich selbst noch keine mitgemacht habe. Ihr N.", sie be­mühte sich, einen gewiß feierlichen Ton anzuschlagen,soll der Ehre teilhaftig werden, mich in die Geheimnisse der Geselligkeit einzuweihen."

Schaun's, dös ist nett."

Trautendorf sprach, wie oft, wenn er gut gelaunt war, ein Gemisch von Münchener und Wiener Dialekt und seine beiden Kameraden klatschten leicht in die Hände und meinten:

Ah, famos."

Nun, da wollen wir uns tüchtig ins Zeug legen, daß gnädiges Fräulein Ihre schönsten Erinnerungen von hier mitnehmcn sollen." (Fortsetzung folgt.)

Asm Walirm, Gdkm, Schönen-

Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Hammer hatte seine Bankangclegenheit erledigt und ging nach Hause. Unterwegs kam er an einem Auktionsgeschäfte vorüber, und da fiel ihm ein, daß er einen Teil seiner Sammlungen hierher gegeben hatte, um ihn versteigern zu lassen; er hatte sich leichten Herzens von dem und jenem getrennt.

Er trat in den Auktionssaal, der ziemlich gefüllt war. Der erste, der ihn begrüßte, war der Zeilen-Knappe, in seinem erbscngelben Paletot mit dem fehlenden Knopf; er stand neben dem Tische des Auktionators und machte Notizen in seinem Durchschriftenheft, hatte Hammer aber sofort beim Eintritt gesehen und nickte ihm halb vertraulich zu. Neben ihm saß der alte Hosantiguar Samuel, die große Schnüffelnase in eine Porzellantasse versenkt und mit den gelben Spinnen­fingern über die eingebrannte Malerei tastend. Auch er hatte Hammer bemerkt und bat ihn mit einer Handbcwegttng zu sich heran.

Heeren Se 'mal, Herr Hammer", sagte er,'s is nischt dran an Ihre Porzellänsachen. Eenen Schäfer koof' ich mev, bet and're laß' ich loofen. Aber die jeschlifs'nen Gläser aus der böhmischen Biedermeierzeit, die man eenen an den Kopp schmeißm kann, ohne daß se entzwee jeh'n, die nehm' ich alle. Und denn en paar brillantierte englische Gläser, die so von 1830 'rum sein müssen; die jiebt's »ich mehr ville. Das an're is Schund, wat Sie uns hier aufhalsen woll'n.."

Lieber Herr Samuel", antwortete Hammer lachend, glauben Sie vielleicht, ich würde Ihnen mein Bestes für einen Taler acht Groschen überlassen? Ich will nur nicht so viel Unnötiges mit nach Wien schleppen."

Wat woll'n Se denn in Wien?" sagte der Hofantiguar achselzuckend und schrie dann auf einmal los:Halt! Sie! Noch nicht zuschlagen! Erst jeden Se wer 'mal den ollen Teller 'rüber ich möcht' 'n mal 'n bisken näher be- kucken . . ."

Grüß' Gott, Baumeister"... es war der dicke Fridolin Meyer, der Hammer die Hand bot . . .Also wahrhaftig nach Wien? Hammer, das ist unrecht von Ihnen. Glauben Sie doch nicht, daß da etwas los ist. Bleiben Sie bei uns und beißen Sie die Zähne zusammen. Man muß das Unvermeidliche mit Würde tragen es ist immer die alte Geschichte. Seh'n Sie 'mal, Hammer, als Bau bleibt das Theater ja stehen, ein Monument, das Sie sich selber errichtet haben, eine der schönsten Zierden Berlins; wie es innen wird mein Gott . . . haben Sie übrigens schon gehört, daß der Aufsichtsrat ein Schreiben aus dem Kabinett des Prinzen Ferdinand erhalten hat, mit der Bitte, dem Theater in Rücksicht auf die in Aussicht stehende Veränderung des künstlerischen Genres einen neuen Namen geben zu wollen?"

Das kann ich dem Prinzen keinen Augenblick verdenken", erwiderte Hammer;wenn es nach mir ginge, würdö ich auch die Inschrift fortnehmen lassen . . ."

Der dicke Geheimerat strich sich das Kinn und würde ernster.

Ich kann Sic verstehen, lieber Baumeister", sagte er. Eine Prostituierung Ihres schönen Hauses bleibt diese .Ver­änderung des künstlerischen Genres' jedenfalls. Aber schauen Sie sich doch einmal in unseren Theatern um! Das eine trägt Goethes Namen, dies Lessings, das wieder Schillers an der Stirn. Sie werden nicht behaupten können, daß ihre Lester ausschließlich den Kasscnerfolgen nachjagen; sie be­mühen sich redlich, dem Publikmn künstlerische Genüsse zu bieten. Aber wenn das Publikum sie nun im Stich läßt? Müssen sie da nicht, um nicht untcrgehen zu wollen, auch dem Massengeschmack Konzessionen machen? Denn, mein Alterchen, der Geschmack der großen Masse ist der ver- dorbenere, der besser« und reinere aber der jenes kleineren Kreises, den Sie meinetwegen als die oberen Zehntausend