1906

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Mittellose Mädchen.

Roman von H. E h r Hard k.

(Nachdruck verboten.)

r- (Fortsetzung.)

In ihrer Naivität kam ihr keinen Augenblick der Ge­danke, daß gerade daran all ihre Glücksträume nur zu leicht scheitern konnten.

Verworrene, glänzende, bunte Bilder drängten sich vor ihren träumerisch halb geschlossenen Augen, als sie dem Wunsch der Cousine folgend, in ihrem kleinen, aber eben­falls mit gewisser Eleganz eingerichteten Stübchen aus dem bequemen Bette ein wenig ausruhte. Eine wohlige Stille umfing sie. Einmal nur klirrte der Schleppsäbel des zurück­kehrenden Hauptmanns wie aus weiter Ferne in ihre Träume. Dann schlief sie fest und tief.

Erst das diskrete Klopfen der Jungfer weckte sie. Fast verlegen ließ sie sich die Bedienung der kleinen, flinken Person gefallen, die demgnädigen Fräulein" mit ge­schickten Händen das Haar ordnete, die Falten der rosa und weiß gestreiften Flanellbluse zurechtzupste, daß die zier­liche Taille noch einmal so gut zur Geltung kam und so den gewissen Chik in den für ihre Begrifferecht pauvren" Anzug brachte.

Als sie mit ihren vom Schlaf geröteten Wangen, die jan den zartrosigen Flaum eines Pfirsichs erinnern, im Eß­zimmer erscheint, fieht Frau Meta sie förmlich frappiert an. Sie hatte wirklich schon vergessen, wie bildhübsch das Mädchen war. Es würde doch nötig sein, scharf aufzupassen, daß so ein junger, leichtsinniger Offizier dem armen Ding nicht etwa den Kopf verdrehte! Es gab nur einen einzigen wirklich reichen Offizier im Regiment, der sich den Luxus einer reinen Liebesheirat gestatten konnte, soweit sie die Verhältnisse bis jetzt hatte übersehen können. Aber das Zivil kam ja auch in Frage, da fand sich doch vielleicht eine sogenannte gute Partie, denn daß sie bei ihrer Ein­ladung eine solche für die Cousine im Auge gehabt hatte, war nicht zu leugnen.

Suse spricht unterdeß, ahnungslos in welcher Weise die blasse, kühle Frau sich mit ihr beschäftigt, den reichlich auf­getragenen Speisen zu. Sie ist noch kindlich genug, eine zitternde Freude darüber zu empfinden, daß sie mit ihrem herrlichen Appetit so viel von den guten Sachen vertilgen kann und das Ehepaar ihr noch dies und jenes ganz be­sonders aufdrängt.

Wenn Heinz und Walter dabei sein könnten! Und ein leiser Wehmutsgedanke führt sie für kurze Momente an den spärlich besetzten heimatlichen Eßtisch.

Die Unterhaltung schleppte sich nur träge dahiu.

Ter Hauptmann erscheint Suse jetzt bei dem Hellen, un­barmherzigen Gasglühlicht wieder sehr hochmütig von Aus­sehen, und lvenn er sich im Gespräch an seine Frau wendet, klingt seine Stimme kalt.

Ob er sie wohl aus Liebe geheiratet hat?" fährt es.

durch Suses blondes Köpfchen, während ihre Blicke verp stöhlen beobachtend von einem zum anderen fliegen.

Nein, gewiß nicht! Wie häßlich sie ist! Tiefe farb­losen, kurzsichtigen Augen, der fahle Teint zu dem grau- blonden, schlichten, spärlichen Haar, die dürftige, groß« Gestalt, deren Mängel selbst die tadelloseste Schneiderin) nicht völlig verbergen konnte, dazu ihre steife, unlieben^ würdige Art und Weise. Es geht wie ein frostiger Hauch von ihr aus, der Suses glühende Taseinsfreude ein wenig abkühlt.

Erst als sie neben Brockhaus am offenen Fenster steht und mit fieberhafter Erwartung dem Zapfenstreich der Regi­menter entgegenharrt, löst der eisige Reif sich von ihr ab.

Aus dem großen Wilhelmsplatz, an dem die Wohnung der Verwandten liegt, drängen sich lachend und plaudernd neugierige Menschenmassen, Schulkinder ziehen in kleinen Trupps,Heil Dir im Siegerlranz" singend, vorüber, ben­galische Feuer flammen hier und da auf, Feuerwerkskörper knallen, lautes Kreischen und Schelten tönt zwischendurch.

Suse beugt sich weit aus dem Fenster hinaus.

Ihr freudestrahlendes Gesichtchen über der weißen Federboa, die Meta ihr vorsorglich umschlungen hat, ist rosig beleuchtet. Ein paar Offiziere, die unten vorüber schlendern, grüßen interessiert herauf.

Soll ich Ihnen ein paar von den Offizieren herbe-, fehlen, Fräulein Suse?" fragt der Hauptmann mit etwas fpöttischer Neckerei. Und ehe das verlegene Mädchen ab­wehren kann, klingts auch schon gedämpft und doch deut­lich aus seinem Munde:

Bittner, Trautendorf, Kester, haben Sie Lust, uns hier oben Gesellschaft zu leisten?"

Drei Augenpaare haften sekundenlang auf dein reizen­den, rotüberflammten Mädchenkopse.

Zu liebenswürdig, Herr Hauptmann, wir fliegend tönts zurück.

Bald darauf rasseln im Entree draußen drei Schlepp­säbel, im Zimmer nebenan, wo Frau von Brockhaus mit zwei Regimentsdamen, die zum Zusehen gekommen sind, plaudert, klingen jugendlich fröhliche Stimmen, die sich bei der Hausfrau für den plötzlichen Ueberfall entschuldigen! und dann sieht Suse sich umringt von schlanken Offiziers­gestalten, blitzende Männerangen durchforschen unbefangen ihr hübsches Gesicht, Fragen, Schmeicheleien stürmen auf sie ein, ein oberflächliches, lustiges Wortgeplänkel, wie nur junge, übermütige Leutnants es fertig kriegen. Snses Angen sprühten vor lachender Lebenslust.

lieber das hochmütige Gesicht des Hauptmanns geht eilt förmlich triumphierendes Lächeln, als er hört, wie schlag­fertig das junge Mädchell alle Angriffe pariert. Befolg digt nickt er vor sich hin.

Unterhalten Sie mir meine Adoptivtochter gut, meines Herren!" sagt er ein wenig nachlässig, dann geht er in! das Zimmer nebenan, um sich den. älteren Damen, zu widmen..