Ausgabe 
2.3.1906
 
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Dem Wahrer?, tzdken, Schönen.

Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

-Nina hatte das Gefühl,, als müsse sie nunmehr etwas Entgegenkommendes sagen. Mer sie fand die Worte nicht. Ao nickte sie nur und zeigte eine bedauernde Miene.

Priestap faßte das falsch auf.Sie sind in Gedanken", meinte er.Die Premiere geht Ihnen durch den Kopf.

Sofort wurde Nina lebendig.Erinnern Sie mich bloß nicht daran", sagte sie klagend,ich habe eine Heidenangst/ Gott, hab' ich eine Angst! Und was ist der Rafasli für ein grober Mensch! Die Solopartieen proben in seiner Wohn­ung, weil die Bühne noch nicht fertig ist und Rafaäli auch noch Aenderungen vornimmt da sollen Sie hören, wie er uns anschreit! Wissen Sie, es ist ein Studentenstück, diese Oper, und ich spiele eine Putzmacherin, die immer jhre Liebhaber wechselt"

O, o!" meinte Priestap und lachte.

Ja, es ist ein leichtsinniges Mädchen, aber doch eine ganz nette Rolle. Im zweiten Akt kommt ein hübsches Lied vor: ,Wenn ich vor meinem Spiegel steh', zwei Verse und ein Applausvers, und jeder Vers endet mit dem Re­frain: ,Dann lachen Augen und Lippen zugleich o glück­liches Mädchenherz, wie bist du reich!' Das ist sehr niedlich. Und ich singe es auch wirklich nicht schlecht. Aber da müßten Sie Rasaöli hören! Einfacher, einfacher', gröhlt er mich an. Was heißt denn das: einfacher? Er stampft mit den Füßen auf, fährt sich in die .Haare und rollt die Augen wie ein Verrückter. Ich wollte, die Premiere wäre erst vorüber."

JSie wird auch vorübergehen", tröstete Priestap;im übrigen beruhigen Sie sich: ich werde schon dafür sorgen, daß Sie Applaus bekommen. Nötigenfalls kaufe ich das halbe Theater aus und setze meine Claque hinein."

Ja, wenn das ginge, Herr von Priestap! Denken Sie doch: die Billets für den ersten Abend sind ja schon so gut wie vergeben."

I der Teufel! Acht Wochen vor Eröffnung des Hauses?!"

Aber ja. Vater ist auf einen guten Gedanken ge­kommen. Er hat dem Baumeister vorgeschlagen, die Logen­plätze versteigern zu lassen für das Jahresabonnement. Es soll eine kolossale Summe zusammengekommen sein. Das war in der Zeit Ihrer Abwesenheit; sonst hätten Sie doch wahrscheinlich auch abonniert."

Ich denke, Hammer wird rnir noch einen leidlichen Platz reserviert haben. Wo wollen ivir nun Einkehr halten, Demoiselle Nina? Da drüben im sogenannten Bauernkrug? Der hat so ein freundliches Ziegeldach, und aus seinem Schornstein steigt gastlicher Rauch.

Der Dogcart schleifte durch tiefen weißgelben Sand. Tie Föhren warfen zerrissene Schatten über den Weg. Links schaute der Zipfel eines Sees aus dem Gehölz hervor, und auf dem Wasser blinkte der Sonnenschein. Ein Fischreiher schwebte wie unbeweglich in der Luft, die zwischen den knorrigen Kieferstämmen eigentümlich flirrte.

Vor dem Gehöft des Bauernkrugs, einer vielbesuchten Waldrestauration, hielten die Wagen. Priestap- sprang ab, warf Pfiff den Zügel zu und hob Nina vom Dogcart. Dann half er ritterlich auch Tante Laura und der Liesegang aus dem Landauer. Bei der Liesegang knisterte wieder das Schwarzseidene, und heimlich flüsterte sie Laura zu:Es muß hinten etwas gerissen sein. Sieht man es sehr?"

Der Vordergarten war lebhaft besucht. Aber an ent­legenem Stelle, unter zwei schönen Buchen, dicht am See, sand sich noch ein behaglicher Rastfleck. Priestap rief nach den Kellnern, ließ einen Tisch und Stühle bringen und besprach mit dem herbeieilenden Wirt das Menü.

O, das Menü!" rief Imhoff mit erhobenen Händen. Herr von Priestap, diese alte Dame, diese würdige Liese­gang ist die Verbrecherin: sie hat den Speisekorb stehen lassen. Es ist schade um die Hummern, die Haselhuhn-, paitete uud vor allem um die kalte Poularde. Eine ge­füllte Poularde, das ist die Höhe der Kochkunst meiner Frau..." '

Er hatte vergessen, daß er vorhin von hartgekochten Eiern ein Loblied'gesungen hatte; aber das schadete nichts. Imhoff ivar jetzt durchaus Gentleman. Priestap hatte eine Pfirsichbowle vorgeschlagen. Der Kellner kam mit Früchten und Wein und einem großen Gefäß. Nun mußte man Claudius sehen, wie er sich über die Temperatur des Cham­pagners aussprach, wie er an jeder Flasche roch, die Eti­kette beäugte und hierauf sprach:Roederer das istz auch meine Marke" wie er die Pfirsiche an einer Ser­viette abrieb und endlich den Wein in das Bowlengefäß quirlen ließ, daböi die Flasche drehend, die Stirn in ernste Falten gelegt, eine gewisse Feierlichkeit in dem Antlitz; ganz und gar der zungenseine Gourmet, der ohne weiteres Clicquot von Roederer zu unterscheiden weiß und nur Schloßabzüge aus guten Jahrgängen trinkt. Er fühlte auch selbst, wie er plötzlich gewachsen ivar. Er sprach von oben herab mit den Kellnern.Kinder, nun sagt dem Koch, daß er sein Bestes tue; sonst kommen wir nicht wieder...; Oberkellner, wenn Sie mein Freund sein wollen, dann eisen Sie diese Roederer noch ein wenig. . ." Er klopfte dem Oberkellner auch gnädig auf die Schulter, und einmal rief er:Es fehlt noch ein Stuhl für die Frau Gräfin!" und dabei wies er auf die Liesegaug, die ein unglückliches Ge­sicht machte, iveil ihr Schwarzfcidenes abermals zu knistern begann. Es wäre Imhoff in dieser Stunde durchaus nicht auffällig gewesen, wenn die Liesegaug sich plötzlich in eine wirkliche Gräfin verwandelt hätte. Er war ganz auf der Höhe der Situation, nannte Priestap kurzwegBaron" und küßte seiner Frau galant die Haiid; und da ihm auf einmal