Ausgabe 
2.2.1906
 
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Sein Blick kehrte immer wieder zn Nina zurück. Sie faß an einem der kleinen Tische und hielt eine Zigarette, die der Prinz ihr gereicht halte, zwischen den blühenden Lippen. Dieser leibhaftige und wirkliche Prinz übte auf die anwesende Weiblichkeit sichtlich eine besondere Anziehungskraft ans. Anita Berndal hatte sich ihm zunächst genähert, mit dem dümmlichen Lächeln auf ihrem hübschen Gesicht, das manche Männer dem klugen Ernst int Frauenantlitz vorziehen; Tora Held war gefolgt, mit gereckter Büste, sodaß der Atlas ihres Mieders leise krachte, daun eine andere Schauspielerin und dann noch eine und plötzlich sah sich der Prinz, ganz gegen seinen Willen, von einem Schwarm junger Damen umgeben. Er fügte sich dieser Zernierung, ließ seine Zigaretten­dose umhergehen und gab willig jedem Gesprächsthema nach. Es amüsierte ihn, einmal die harmlose Torheit plaudern zu hören. Nina begann jeden Satz mitDürchlaucht" und sprach viel wolkigen Unsinn; dagegen trat Tora Held auch dieser Fürstlichkeit gegenüber als Dame von feinster Bildung auf. Sie fragte den Prinzen, ob er ein Arenstein-Bisingen oder ein Arenstein-Walsungen sei; ein Arenstein-Jppenburg-Noden- hansen sei mit ihrem seligen Vater sehr intim befreundet ge­wesen. Und dann flocht sie auch ein, daß ihre selige Mutter dem Hochadel Niederösterreichs angehört habe, und wollte noch weiteres von ihrer Verwandtschaft erzählen, als das Klirren eines zerbrechenden Glases sie störte.

Der Zeilenknappe hielt auf einem Stuhl neben dem Büfett sein Verdauungsschläfchen und hatte dabei einen Champagnerkelch vom Tisch gefloßen.

»Das bedeutet Glück!" jubelte Nina Imhoff, und alle gaben ihr recht. Eine sonore Stimme wiederholte die Worte. Herr Sven Trusen war auf einen Stuhl gestiegen und erhob sein mit Eliqnot gefülltes Wasserglas.

Das bedeutet Glück, meine Verehrtesten", sagte er. Ohne Glüek fein Sieg. Wünschen wir es vor allen Dingen dem genialen Erbauer des Prinz Ferdinand-Theaters. Möge neben den Musen auch Fortuna Wache halten am Tor des neuen Hauses und das Füllhorn ihrer Gnade über Urban Hammer entleeren. Meine Damen und Herren, es ist dessen gedacht worden, der dem Theater Unter den Linden seinen 9iamen gab. Meine Damen und Herren, hebeit wir nun l'nser Glas auch, und leeren wir es auf das Wohl dessen, der das Haus baut, auf das Wohl meines verehrten Freundes, des ersten und größten Architekten der Metropole, auf das Wohl Urban Hammers er lebe hoch, hoch, hoch! . . ."

Das Hoch rauschte auf. Sven Trusen sprang vom Stuhle und ging mit dem erhobenen Glase Hammer ent- gege», der ihn mit eiskalter Miene empfing, trotzdem aber mit ihm attfließ, Tann wandte er sich kurz um, winkte Imhoff und zog ihn nach der Tür.

Dieser Mensch vergällt wir die Laune", slüsterte er. ,oft es erhört, von mir als feinem ,Freunde' zu sprechen?!"

Ich pack' ihn an dem Kragen, ich iverfl ihn hinaus!" flammte Imhofs auf und ballte beide Hände.

..Tun Sie mir den Gefallen und vermeiden Sie jedes Aufsehen, Imhofs", sagte der Baumeister ernst.Aber rüffen Sie zum Aufbruch. Es ist sowieso Zeit. Ihre Nina hat bereits einen Keinen Schwips."

Imhoff schwor, daß er Nina gründlich die Wahrheit sagen werde, wenn sie sich ungebührlich benehme.Ein Rabenkind! Wie sitzt ihr der Hut?! Wie ein kontrakter Windmuhlenflügel. Sie hat einen Schwips, es ist so. Sie kann nichts vertragen, aber das schließt nicht aus, daß ich sie verhauen werde, sobalo wir zu Hause sind, damit sw lernt, sich in vornehmer Gesellschaft gesittet zu be- tragem Es ist empörend. Sie raucht nicht, sie tauf förmlich em 8Trette- ^ne Manieren. Ich bläu' sie ihr _ war wütend über die alberne Brutalität Jm-

vOlfs, der ersichtlich auch schon zu stark pokuliert hatte. "E"chlsi ^^den Sie nicht solchen Unfug", sagte er leise. .Aachen Sie lieber die Äugen auf, daß sich nicht zwischen dem Prinzen und Ihrem Tochterlein etwas anspinnt"

O verflucht!" schrie Jinhoff. Man wurde aufmerksam. Hammer zuckte nut den Schultern und traf an Aren stein 5e.rcurt' um sich zu empfehlen; er schützte einen Geschäfts- befuich vor. Der Prinz zog die Uhr, tat erschreckt und erhob

sich gleichfalls. Mich Herr von Seeben rief nach seinem Paletot. Knappe schnarchte laut am Büfett, über das der Tunst der Zigarren zog. Es war eine erstickende Hitze int Zimmer, und aller Gesichter waren gerötet.

Priestap half dem Prinzen in seinen Ulster.

O bien merci", sagte Arenstein,sehr liebens^ würdig, Herr von Priestap. Was machen denn Ihre beiden Renner? Hatte der ,Gloster' nicht eine Sehnenverletzung?".

Eine ganz Unbedeutende, Durchlaucht", erwiderte Prie°< stap. Seine Stimme klang heiser und vibrierte nervös, als er sortsuhr:Durchlaucht vergeben ich möchte eine Frage tut Vertrauen an Sie richten . . ."

Arenstein schaute verwundert in das erhitzte Antlitz! und die fiebrigen Äugen des jungen Mannes.

Bitte, lieber Herr von Priestap", entgegnete er. Gehen wir über den Hof, da vermeiden wir das vordere Lokal. . ."

m Die beiden schritten nebeneinander. Priestap stieß dis Worte hastig imd abgebrochen hervor.Durchlaucht", sagte er,ich möchte fragen fragen, ob nnn also, ob Sie Interesse an der Riva Imhoff nehmen. . ."

Nina Imhoff", wiederholte der Prinz.Äh ba| ist die Kleine mit den dunklen Augen und dem ver­rückten Hut . . . Interesse, sragen Sie . . . Lieber Herr! von Priestap Interesse warum nicht? Ties Kind! hat Charme. Ware sie zu Fest und Feier geputzt erschienen wie eme Modekönigin und mit Brilläiitboutons und Rmgeil und Spangen dann hätte ich sie sicher kaum' beachtet. Aber sie fällt aus dem Typischen heraus. Ihr alter Hilt ist mit Federn geschmückt, die eher eine Krähe getragen haben mag als etn Strauß oder ein Marabu, und ihr verwachsenes Jäckelchen hat helle Nähte. Sahen Sie, lieber Priestap, wie sie ihren Hummer? Halb mit den Fingerlein und halb mit der Gabel und auch mit dem Messer wütete sie hinein. Noch mehr Freude hatte ich, als sch ihr ein paar Austern holte. So ißt nur die recht- schasseue Ehrbarkeit Hummern und Austern. Ihre Seel« ist noch weiß, Freund Priestap, und ihres Herzens Ver- derbms kann noch nicht grog sein. Wer warten wir es ab. Vielleicht schlürft sie schon in Jahresfrist die Austern wie ein erfahrener Gourmet und iveiß Mumm Cordon rouge von Söhnlein und Henckeltrocken zu unterscheiden. Dann trägt sie auch sicher nicht mehr ihr verwaschenes Zäckchen und den Huf mit den Krähenfedern . . . Also Interesse ja, Herr von Priestap und warum nicht?..."

.. Priestap schüttelte heftig ben Kopf.Sie wollen mich mißverstehen, Durchlaucht", sagte er.Ich meine meine em wärmeres Interesse . . . kurz, Durchlaucht, ich frage, !veil weil ich fühle, daß üb das Mädel lieb habe. . ."

Äh so", antwortete Arenstein kurz. Tie beiden Herren schritten die Linden hinab. Der Prinz ließ eine Keine Zeit­spanne verstreichen, ehe er fortfuhr:Sie lieben die Kleine. In Gottes Namen. Bringen Sie ihr viel Liebe entgegen.

dm Nicht Ihr Konkurrent um das Herzchen, Priestap ach, nein. Ich war nie ein Freund sogenannter Verhält­nisse - Aber schade schade ist's doch. Noch gehört sie Ihnen nicht; das sagten mit Hut und Jacke und Hummern und Austern. Doch sie wird st!> nicht sträuben; der goldene Zauber ist groß. Nichtsdestoweniger: in der Knlisseiiluft zerflattern die Tugendrvsen; früher oder später würde He doch ein Opfer des Mammonismus werden, wie ein ge­bildeter Feuilletonist sich ausdrücken dürfte. 'üHfo in nomine Dei. Vielleicht sind Sie als der erste der beste. Geben Sie ihr alles an. Liebe, was Ihr Herz füllt, Priestap. Liebe staubt nicht dw Blütenreinheit von einer Weiberseele. Und auch eine, die wir gefallen' nennen, kann rein bleiben. Lassen Sie ihr diese Reinheit, wenn sie Ihre Geliebte! wird. Sie gürten damit ein deinantenes Band um die eigene Seele..." a

Ter Prinz war stehen geblieben und reichte Priestap die Hand.Äiddio, mon cher. Icy will noch ein paar Karten auf der russischen Botschaft abgeben . . ."

Priestap ging allein weiter. Er ging durch ben Tier­garten, der in mailichem Grün prangte. In ben Rabatten der Schmuckplätze blühte eine strahlender Frühlingsflor; die Pfingstrosen brachen auf. Tie'Sonne war im Niedergang, mid es tropfte eine rote Lohe von ben Zweigen herab. Weiß stauben bie Bildsäulen gegen das sich tiefer schattie­rende Grün. Noch fangen die Vögel im Geäst.

Priestap spürte die Lenzfreude nicht. Eine tiefe Melan­cholie schlug grcmflüglig durch feine Seele. Sehnsucht nach