1906 — Wr. 17
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Jem Waßren, Gdle», Schönen.
Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Meine Damen und Herren" sagte der Baumeister lächelnd, „Freunde, Gönner und Mitarbeiter. Wir haben den Grundstein zu unserm Musentempel in die Erde versenkt, aber noch fehlt dem Bau, der über ihm errichtet werden soll, der Name. Ich dachte an einen Tichternamen: doch unser Haus dient nicht der Dramatik allein. Ich dachte auch an eine allgemeinere Bezeichnung; aber da kommt man über Trivialitäten schwer hinaus. Wahrhaftig, ich zerbrach mir den Kops. Nun ging ich vorgestern im ALenddämmer schlendernd im Tiergarten spazieren. Am Goldfischteich kam mir ein alter Herr entgegen, den ich kannte. Und auch er kannte mich wieder, hielt mich an und sprach ein paar freundliche Worte mit mir. Er hatte von unserem großen Unternehmen gehört und gelesen und interessierte sich außerordentlich dafür — und in diesem Augenblick schoß mir durch den Kopf: Prinz Ferdinand muß unser Protektor werden, und nach ihm taufen wir Unser Haus!"
„Bravo!" rief Herr von Seeben. Noch zwei wiederholten das Bravo; dann wurde es wieder still und Hammer fuhr fort: „Ich sprach mit dem Prinzen. Aber es war schwer, ihn für meine Idee zu gewinnen. Seine Bescheidenheit sträubte sich dagegen. Schließlich bestellte er mich für gestern früh zu sich. Er hatte inzwischen die Meinung des Kaisers über die Haustanse einholen können, und der Kaiser hatte gern seine Zustimmung gegeben. So darf also unser Haus den Namen eines Fürsten aus unserm erlauchten Herrschergeschlecht tragen, eines edlen und gütigen Prinzen, der zugleich zu den führenden' Geistern unserer Nation gehört. Prinz Ferdinand hat eingewilligt. In seiner M- beitsstube stehen die Büsten Goethes und Webers. Auf sie totes er und sagte mir: ,möge in dem Hause, das meinen Namen tragen soll, ihres Geistes Odem kräftig werden' — und dann reichte er mir die Hand. So war es geschehen. Meine Damen rmd Herren: über dem Grundstein, den wir heute gelegt, wird das Prinz Ferdinand-Theater emporwachsen. Dem Dichter und Fürsten, Seiner königlichen Hoheit dem Prinzen Ferdinand, unserm erhabenen Protektor, bringen wir ein volles Glas — hurra, hurra, burra! • • •"
Alle stimmten ein. Tie kleine Nina schrie am lautesten, obwohl sie, unbewandert in der Genealogie des regierenden Hauses, den Prittzen Ferdinand kaum dem Namen nach kanitte und durchaus nicht als Dichter. Wer sie schrie das Hurra mit, weil sie schon drei Glas Sekt getrunken hatte lind vergnügt zu werden begann. Mf ihrem hübschen Wuschelkopf saß der monströse Wmterhut halb schief. Auch tzie übrigen waren sehr begeistert ober taten wenigstens
so. Nur Prinz 'Arenstein lächelte ein kleirt wenig malitiös. Es schien beinahe, als trage er sich mit eigenen Gedanken darüber, daß matt den greisen Prinzen veranlaßt hatte, seilten Namen dem neuen Theater zu geben. Prinz Fer-i dinand war ein idealer Träumer, und hatten auch seine Epigonendichtungen ihre sprachlicheit Schönheiten, so waren sie doch nicht von jenent Ewigkeitswert, der einen Tempel verdient. Und den fürstlichen Namen nur um der Krone willen an die Fassade des Hauses zu setzen, das sah fast atts tote ein Buhlen um höfische Gunst. . . Prinz Heros schüttelte bett Kopf und leerte nachdenklich sein Glas . . .•
Es wurde immer fröhlicher. Ter Zeilen-Knappe saß ttach wie vor am Büfett und stopfte sich voll; aber als! Havannas gereicht wurden, pausierte er, nahm sich drei Zigarren und steckte zwei von ihnen in seinen erbsengelben Paletot, den er auch hier im Zimmer trug. Ter dicke Direktor Giesecke fächelte sich mit dem Taschentuche Luft zu und besprach mit Imhoff und Seeben die letzten Engage-. ments. Tie drei standen in eütent Winkel der Stube, ‘ ihre Kaffeeschalen in der Hand, die Zigarren zwischen den Lippen. Man hörte nur vereinzelte Sätze. „Tie Bogner-Wettin hat noch immer ein prachtvolles Organ, Herr von Seeben . . „Eilt fester Stamm ist die Hauptsache . " „In der Mittellage ist nichts mehr los mit ihr, Zm.,oss . . ." „Natürlich von Falk und Quaglio . . ." „Nur keinen gemalten Vorhang, meine Herren . . „Aber in der Höhe leistet sie! Brillantes..."
Priestap hörte von fern das Schwirren der Worte. Er hatte die (Teilte Nina dem Prinzen überlassen und hielt sich ein ivenig zurückgezogen. Gegen seine Gewohnheit trank er ziemlich viel. Er ärgerte sich über die Bevorzugung Ärensteins durch Nina. Ein heißes Gefühl, fast wie ein schmerzendes Weh, ging durch sein Herz. Und plötzlich lächelte er; aber nicht in seiner weichen Art wie sonst. Es war etwas Triumphierendes. Er sagte sich heimlich: dies Prinzlein steche idj aus; wollest einmal sehen, wer Sieger bleibt — deine Krone ober mein Geld . . .
Er mar kein Schürzenjäger. Liber das Frische und Unberührte dieser kleinen Person reizte seine Sinne. Er dachte, sie sei leicht zu gewinnen, und er gönnte sie dem Prinzen nicht. Aehnliches dachte noch einer: das war Hammer. Auch ihm hatte Nina es angetan. Er schalt sich einen Tummkopf. Es wurmte ihn, daß sein Herz schneller schlug, wenn sein Ange die hübsche Brünette traf. Er hatte die Weiber immer sehr von oben herab beurteilt; sie waren durchaus das „schwächere" Geschlecht für ihn: für den Mann nur ein Spielzeug, ein amüsantes Füllsel seiner Mußestunden. Und nun ertappte er sich, zum ersten inale in seinem Leben, ans einer ernsthaften Neigung, einer Neigung — es war zum Lachen .— zu einer kleinen unbedeutenden Sängerin ... Er besprach Geschäftliches mit Berndal, der lange Zahlenreihen vor ihm aufrollte. Aber er hörte nur mit halbem Ohre zu.


