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leidigien Stolz in dem sonst so vornehmen ruhigen Antlitz des Edelmannes aufflammte, nicht schildern.
«Ich verbiete Ihnen, die Namen der Damen meines Hauses auch nur zu nennen 1* rief ec empört. „Sie ver- gessen sich! Sie gehen über Ihre Befugnisse hinaus I Ich will nichts mehr hörend
»Sie müssen es von mir hören, und leider wahr« scheinlich noch von anderen. Haben Sie doch Geduld, Lord Wayne, beruhigen Sie sich! Ist es vielleicht eine angenehme Aufgabe für mich, hier zu stehen und Ihnen Derartiges mitteilen zu müssen- Andere hätten sich ihrer unangenehmen Pflicht vielleicht in der halben Zeit entledigt. EZ wird Ihnen später vielleicht leid tun, wenn Sie sich erinnern, daß Sie bei mir die Geduld verloren haben; ich weiß Rücksicht auf Sie zu nehmen, Mylord/
„Dann sagen Sie schnell, was Sie zu sagen haben/
Ein furchtbare Angst begann sich seiner zu bemächtigen. Was konnte das bedeuten? Marian West und ein Geheimnis, und dies Geheimnis in der Gewalt dieser Leute? Barmherziger Himmel! Was stand Kenninghall bevor, wenn das wahr war?
„Bor Jahren/ begann Herr Sinelair, „hatte Miß West — die vielleicht mancherlei Gründe hatte, ihre Ehe geheim zu halten — einen Sohn/
„Das ist eine Lüge/ schrie Lord Wayne, „eine gemeine, niederträchtige Lüge! Wenn Sie eine solche Lüge wiederholen, vergreife ich mich an Ihnen! Sie sprechen von der Schwester meiner Fran, von Lady Waynes Schwester; sehen Sie sich vor!'
„Mylord, es ist wahr! Ich bringe keine Anklage gegen Miß West vor. Es ist möglich, daß sie verheiratet war, mag sie nun ein geliebtes und glückliches oder ein ungeliebtes und unglückliches Weib gewesen sein. Ich stelle hier einfach die Tatsache fest, daß sie vor einigen zwanzig Jahren einen Sohn hatte. Beruhigen Sie sich, hören Sie mich an. Wenn Sie sich weigern, mir zuznhören, muß ich meine Erzählung vor die höchsten Behörden des Landes bringen/
Mit äußerster Mühe nur bezwang sich Lord Wayne.
„Diesen Sohn/ fuhr die erbarmungslose Stimme fort, hat sie jedoch nie anerkannt — ihre Gründe dafür sind mir unbekannt. Sie schickte, brachte oder gab ihn in Pflege bei einer guten, einfachen Frau vom Lande — Kate Jefferies tn Elton/
„Barmherziger Gott! Kate Jefferies in EltonI*
„Jawohl; eine Frau, die bereits einen Sohn hatte — das war der junge Mann, der hier vor drei Tagen ermordet worden ist. Die Einzelheiten kann ich Ihnen nicht sagen, sie müsien später entdeckt werden. Ich kann Ihnen nur Mitteilen, daß der junge Mann, den Sie immer sür Werner Jefferies gehalten haben, in Wahrheit und Wirklichkeit der Sohn Marian Wests ist/
„Das glaube ich Ihnen nicht! Ich glaube Ihnen auch kein Wort von der ganzen Geschichte, die Sie mir da er» (flhlen. Und stände hier ein Engel vom Himmel und schwüre, ch würde es nicht glauben/
„Ich bin kein Engel, Mylord, aber ich bin ein ehrlicher Mann und sage die Wahrheit. Lasten Sie mich fortfahren. Rach allem, was ich aus einem Nebel von Ungeivißheiten ermittelt habe, erhielt der wirkliche Sohn dieser Frau — der Ermordete — irgendwie Wind von dem Geheimnis und kam hierher, augenscheinlich, um sein Schäfchen dabei zu scheren. Eure Lordschaft werden zugeben, daß meine Geschichte soweit gleichsam mit den Tatsachen stimmt/
Kein Wort kam über die weißen Lippen; das stolze, Vornehme Haupt war ungebeugt.
„Jetzt kommt der Teil, der einige Schwierigkeit bietet. Der junge Mann, der wirkliche Sohn dieser Frau, der ,Ermordete, kommt also hierher, offenbar in der Absicht, das, was er entdeckt, bestens auszunutzen, aber anstatt daß rr zu Miß West geht, von der er doch natürlicherweise Geld zu bekommen hätte hoffen sollen, geht er — zu Lady Mayne."
Das blasse Gesicht Lord Waynes wurde jählings dunkel- rot vor Wut.
„Ich dulde nicht, daß dieser Name in eine solche schmutzige Geschichte hineingezerrt wird! Sie haben Lady Waynes Namen nicht mehr zu erwähnen!"
„Ich bitte um Entschuldigung. Ich muß von ihr sprechen, Mylord; wollte Gott, rch könnte Ihnen gehorchen und.brauchte ihren Namen nicht p erwähnen. Der junge Mann kam hierher am Abend des 21. Mai, und Lady Wayne traf ihn und sprach mit ihm am kleinen Parktor, das zum Busch führt, am Ende der Lindenallee."
„Alles Lüge!" schrie Lord Wayne wieder und griff sich wild an die Brust, als ob er ersticke.
„Es ist die Wahrheit. Mylord, beruhigen Sie sich. Selbst wenn Sie mich töten sollten in Ihrem Zorne, so könnten Sie es doch nicht verhindern, daß die Sache öffentlich bekannt würde. Hören Sie also lieber zu und sehen Sie zu, ob und was sich tun läßt."
Er sank hilflos, kraftlos in den Stuhl zurück, während Sinelair sortfuhr:
„Lady Wayne und dieser junge Mann trafen sich dort also; wie lange die Unterredung dauerte, kann ich nicht sagen. Es ist möglich, daß er sie herausgefordert, gereizt hat, bis sie, wie Frauen nun einmal sind, alles vergaß, nur nicht Rache. Er mag auf das Haupt der Schwester, die Mylady liebt und verehrt, die unerhörtesten Schmähungen und Beschimpfungen gehäuft haben. Doch sei dem wie ihm wolle, mag die Herausforderung gewesen sein/ wie sie will — das eine steht fest, Mylord — ich. wollte/ ich könnte es ungesagt lassen — sie bat ihn dort getötet!"'
Im nächsten Augenblicke saß ihm Lord Waynes Hand au der Kehle. Ein leiser Schrei, ein Keuchen, ein Ringen, — Herr Sinelair fiel zu Boden.
Sergeant Elliot sprang entsetzt dazwischen. „Soll denn noch ein Mord begangen werden, Lord Wayne!" rief er, und bei diesem Worte fiel der unglückliche Edelmann wie gelähmt zurück.
„Ich vergebe Ihnen", sagte Herr Sinelair, sich mühsam wieder auf die Beine helfend. „Was Sie zu hören haben, könnte jeden wahnsinnig machen. Aber, so sicher wie Sie und ich hier stehen und leben — sie hat ihn erschlagen! Ich kann Ihnen Beweise zeigen!"
„Zeigen Sie her!" sagte er; die Snmme war so verändert, so rauh und heiser, daß sie [ie kaum wiedererkannten. j ‘>
- 61. Kapitel.
Die Beweise.
Herr Sinclair zog langsam einen kleinen Gegenstand aus der weiten Tasche seines Ueberrocks, wickelte das Papier auf und legte den Inhalt Lord Wayne vor die Augen.
„Dies Armband wurde am Tatorte gefunden", sagte er langsam, „am Morgen nachher, Sie können die Blutspuren daraus noch sehen."
Ja, da waren sie — häßliche, schmutzige Flecken auf dem matten Golde, die ihn erschaudern ließen, als er hinsah.
Er erinnerte sich, wie sie das Zimmer verlassen, mit dem funkelnden Armband auf ihrem Arme, und einen Augenblick verbarg er das Gesicht in die Hände und stöhnte laut.
Doch nur einen Augenblick; der gräßliche Anblick der Blutflecken auf diesem Kleinod, das er ihr gegeben, hatte ihn so angegriffen; im nächsten Moment erhob sich ihr schönes Antlitz so stolz, hold und lieblich, in ganzer Glorie vor ihm, er ließ die Hände sinken und sah mit stolzer Verachtung auf.
„Haben Sie nichts, als die8?" fragte er verächtlich. „Es ist wahr, Mylady trug es an dem Abende; ich selbst habe es ihr am Arme befestigt. Damit ist aber durchs aus nicht erwiesen, daß sie es dort verloren hat. Jede andere Erklärung ist wahrscheinlicher, wie Ihre abgeschmackte Geschichte. Haben Sie keinen andern Beweis, frage ich?"
Langsam entrollte Herr Sinclair ein weiteres Paket- chen; das perlgraue Seidenkleid kam zum Vorschein.
„Dieser Beweis", sagte er mit starker Betonung, „genügt, um halb England zu überzeugen. Am Abende deS Mordes trug Lady Wayne dieses Kleid."
Er breitete es auseinander und hielt es so, daß die hellen Sonnenstrahlen aus die dunkelroten Flecken freien; Aermel, Taille, die ganze Vorderseite des Kleides w«ü davon bedeckt.


