1906
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Zm Kanne des Geheimnisses.
Roman von H, v. Raesfeld.
Nachdruck Verbotes (Fortsetzung.)
„Wir befinden uns augenblicklich in einer Art Sonnenfinsternis. Papa", sagte sie, „aber die Sonne, iveißt du, scheint nach der Finsternis ja heller, so wird's auch bei uns gehen. Wir können dem armen Mann das Leben nicht wiedergeben, aber wir können die arme Mutter ja reich machen und vor allen Sorgen schlitzen. Mama wird auch bald ganz wieder besser, und wir werden dann diese düsteren, ungemütlichen Tage bald vergessen I"
„So Gott will, gewiß", versetzte Lord Wayne, „ich erinnere mich aber nicht, Kenninghall je zuvor unter einer sogenannten Sonnenfinsternis gesehen §n haben. Sonnenschein ist mir doch lieber, Elsie."
Die Tür öffnete sich und der Diener meldete Lord Wayne, Mr. Sinclair warte in seinem Arbeitszimmer auf ihn. Mylord runzelte bei diesem Namen ungeduldig die Stirn.
„Ich bin in zivei Minuten da", sagte er.
Als der Diener das Zimmer verlassen, wandte er sich wieder an seine Tochter.
„Ach, Elsie, mein Liebling, du glaichst nicht, wie sehnlich ich wünsche, diese unglückliche Geschichte wäre erst vorüber und zu Ende.. Kenninghall wird für mich nie wieder das fein, was es früher war, jetzt, wo dieser rote Fleck eines Mordes auf der Schwelle liegt."
Cie schlang zärtlich die Arme um seinen Nacken und erhob das Gesicht zu ihm.
„Es wird bald alles vorüber sein, Basra, und wir werden uns alsdann des Hellen Sonnenscheines wieder freuen!"
„Warte hier ein Weilchen auf mich, Elsie", sagte Lord Wayne, sich erhebend, „du kannst mir nachher bet der Sichtung einiger Papiere behilflich sein."
Die beiden Männer erhoben sich achtungsvoll von ihren Sitzen, als er hereintrat; das erste, was er bemerkte, war der sonderbare gezivungene Ausdruck in Sergeant Elliots Gesicht.
„Guten Morgen", sagte er freundliche „Es ist hoffentlich nichts Unangenehmes, was meine Gegenwart erfordert?"
„Wir haben einen Schlüssel zu dem Geheimnisse", sagte Herr Sinclair mit Nachdruck, „einen Schlüssel bezüglich der Person, die den Mord begangen."
„Also doch Mord?" fragte Lord Wayne mißvergnügt. „Ich möchte von Herzen gern glauben, daß entweder ein Unglücksfall oder ein Irrtum vorliege."
„Keins von beiden, Mylord", war die ernste Erwiderung. „Es ist, wie mein Kollege und ich von Anfang an vermutet haben, ein vorsätzlicher Mord!"
„Und Sie haben also jetzt den Verbrecher entdeckt?"
„Jawohl", erwiderte der Geheimpolizist, ihn sonderbar j ansehend, „wir haben jetzt entdeckt, iver es getan hat und warum es geschehen ist."
„Es ist eine lange Geschichte, Mylord", sagte Sergeant Elliot, der jetzt den Mund zum ersten Male öffnete.
„Ich bin ganz Ohr", versetzte Lord Wayne und ließ sich, dabei in seinen bequemen Arbeitsstuhl nieder.
60. Kapitel.
Der Schlag fällt.
„Also Sie haben den Schuldigen entdeckt, sagten Sie, nicht wahr?" begann Lord Wayne" wieder. „Ich bin überzeugt, daß Ihnen die ausgesetzte Prämie dann sicher ist."
Er war durchaus nicht besonders neugierig, zu erfahren, wer es war; daß es irgend jemand sein könnte, an dem er ein tieferes Interesse nahm, schien ihm vollständig unwahrscheinlich. Jedenfalls war's irgend ein Wilddieb oder ein Waldhüter.
„Ich bedauere ganz außerordentlich, Eurer Lordschaft mitteilen zu müssen, daß die schuldige Persönlichkeit ein Mitglied Ihres eigenen Hausstandes ist."
Seine Aufmerksamkeit wurde mit einem Male rege.
„Ich kann dem keinen Glauben schenken", erwiderte er erstaunt, „für die meisten meiner Diener ivollte ich mich wie für mich selbst verbürgen — einige von ihnen sind seit ihrer Kindheit hier in den Diensten meines Hauses, und selbst die Neugekommenen sind über allen Verdacht erhaben."
Es entstand eine schwüle Pause. Lord Wayne blickte unbehaglich von einem zum andern.
„Sie haben mir etwas Unangenehmes zu sagen", rief er. „Was ist's?"
„Von Ihren Dienern steht niemand int Verdacht, Mylord; die schuldige Persönlichkeit ist Ihnen näher und teurer."
„Nehmen Sie sich in Acht!" erwiderte er zornig. „Meine Geduld hat ihre Grenzen; Sie müssen Ihre freie Sprache zügeln!"
„Ich muß meine Pflicht tun, Mylord, wie unangenehm, wie schmerzlich es auch sein mag. Sie sind nicht der einzige Herr eines großen Hauses, der in vollständiger Unkenntnis darüber lebt, was alles unter seinem Dache vor sich geht.*
„Es gibt keine Geheimnisse auf Kenninghall!"
„Erlauben Sie mir,* unterbrach Mr. Sinclair, „es gibt deren mehrere.*
„Ich fordere Sie auf, eins namhaft zu machen!* rief Lord Wayne zornig.
„Mylord, es gibt im Leben Miß Wests Punkte, von denen Sie absolut nichts wissen; und etwas Derartiges ist auch die Ursache, daß dieser junge Mann zu Tode gekommen ist.*
Worte können das Erstaunen, den Zorn und den be-


