r Lord Waynes Augen funkelten zornig, als er hinsah Und die Worte hörte.
„Ihnen, die Sie sie nicht kennen, scheint das stark und überzeugend. Ich, der ich sie kenne, durch und durch kenne, lache darüber."
Die tapfere, ritterliche Natur dieses Mannes zeigte stch jetzt. Seine Liebe, sein unerschütterlicher Glaube, seine aufrichtige Hochschätznng erhoben sich in dieser Stunde zu ihren Gunsten, tote nie zuvor.
Tann zog der Geheimpolizist das Bruchstück des von Jack geschriebenen Konzepts zu seinem Briefe hervor: „ . , . Lady Wayne, wenn Sie nicht kommen, werden Sie es bereuen, so lauge wie . . ."
Mit zitternden Fingern hielt Lord Wayne den Fetzen fest. Seine Augen nahmen einen sanften, zärtlichen Ausdruck an, als sie auf dem teuren Namen ruhten.
„Selbst wenn sie ein Geheimnis haben sollte", sagte er nach einer Pause langsam, „so ist es sicherlich kein ichuldbares. Ebenso gut könnten Sie meinen Glauben an den Allmächtigen und seine Barmherzigkeit zu erschüttern suchen, wie an die Treue, die Wahrheit und Reinheit der edlen Frau, die ich mit Stolz die meine nenne. Wollen Sie mir den größten Gefallen tun, den Sie mir unter diesen Umständen augenblicklich erweisen können, — mich eine halbe Stunde allein lassen? Ich werde dann fragen, was Sie sich zu tun entschieden haben. Ich bin überrascht, verwirrt, — ich möchte meine Gedanken sich etwas klären lassen."
Eie zogen sich schweigend in die anstoßende Bibliothek zurück.
Lord Wayne hatte allein sein wollen, um nachdenken zu können — um die ersten Qualen im Stillen zu dulden, wo außer dem Auge des Allwissenden und Allbarmherzigen niemand sein Weh beobachten konnte.
Er hatte ihre Ehre ritterlich vor diesen Männern verteidigt, er hätte für ihre Unschuld sein Leben gelassen — aber allein mit sich und seinen Gedanken fragte er sich:
„Was hat das zu bedeuten?"
Eins nach dem andern nahm er die Beweisstücke vor, das Armband zuerst.
Sie hatte es beim Verlassen des Zimmers ganz bestimmt am Arm gehabt. Wie war es denn, mit Blut und Erde beschmutzt, in die Nähe — nein, an den Ort selbst, wo der Mord begangen war, gekommen? Er hatte die Vermutung geäußert, es sei vielleicht gestohlen worden; wäre das aber der Fall gewesen, so würde er es zweifellos erfahren haben; feine Gemahlin oder ihre Kammerzofe hätten es vermissen müssen und würden Lärm geschlagen haben. Angenommen selbst, es sei gestohlen worden — wer konnte es gerade an der Stelle, gerade zu der Zeit verloren oder haben fallen lassen? Wer konnte das Gemach feiner Frau betreten und das Armband fortgenommen haben, wo sie oder ihre Zofe doch hätten anwesend sein müssen?
Er erinnerte sich!, wie er selbst darauf bestanden, daß an dem Abend früh zur Ruhe gegangen werden sollte, und tote seine Gemahlin lächelnd zugestimmt und als Erste das Gesellschaftszimmer verlassen hatte, während er noch zurückgeblieben war, um mit Vetter Algy eine Zigarre zu rauchen.
War es möglich, daß sie lächelnd von ihm, von ihrem Gemahl gegangen sein sollte, dahin — an diese Stätte dunkler Geheimnisse und Schuld?
Unmöglich; er wollte es nicht glauben.
Dann fielen seine Blicke auf das perlgraue Seidenkleid. Jawohl, er erinnerte stch; sie hatte es angehabt.
Er hatte noch gedacht, wie schön sie doch ausgesehen, schöner wie gewöhnlich — die Farbe und der Stoff der Toilette standen ihr so ausgezeichnet. Sie hatte das Gesellschaftszimmer an jenem Abend in dem Kleide verlassen, am Abend des Mordes. Was waren das für Flecken? — Blut? — Woher mochten sie kommen? Wie hatte dieser hinterlistige Mensch, dieser Sinclair, dessen bloße Gegenwart ihm schon verhaßt war, nur diese Toilette gefunden? Selbst wenn sie sie angehabt hatte, als sie zum Parktörchen gegangen war, — wie war sie nur diesem Poliztsten in die Hände gefallen?
Je mehr er darüber nachdachte, desto rätselhafter wurde ihm die Sache. Es ließ sich nicht leugnen, es war ein starker Beweis. Kr liebte sie, vertraute auf sie, glaubte
an ihre Unschuld nach wie vor — dennoch, es toter eilt furchtbarer Beweis.
Da lag auch! das zerknitterte Stück Papier mit den Worten:
„--Wenn Sie nicht kommen, werden Sie es bereuen ---"
Was bereuen? Barg ihre Vergangenheit etwas, womit dieser Mann, dieser Ermordete, sie hatte schrecken können?
Ihre Vergangenheit vor der Heirat vielleicht? Sie war noch so jung gewesen, als er sie in Brüssel zum erstenmal gesehen; er erinnerte sich jeder Einzelheit. Er war zu einem Hofball eingeladen gewesen und hatte dort Marian West und ihre Schwester, die liebliche Evelyn, getroffen, von deren Schönheit die ganze Stadt schwärmte. Er hatte sie für achtzehn gehalten, sie war aber zwanzig gewesen. Er hatte sich leidenschaftlich in sie verliebt und nicht gezögert,^ ihr einen Antrag zu machen.
Sie hatte thn geliebt — des war er sicher — und ihre Liebe war von Tag zu Tag gewachsen. Er glaubte nicht, daß chre Gedanken sich auch nur einmal in all dieser Zeit von ihm entfernt hatten.
Daß nach ihrer Vermählung irgend ein Geheimnis sich zwischen sie gedrängt haben sollte, das zu vermuten, war einfach abgeschmackt. Er erinnerte sich nicht, daß sie jemals länger wie vierundzwanzig Stunden von einander getrennt gewesen, und er war vollständig sicher, daß ihre Gedanken vollauf mit ihrer Liebe zu ihm, zu ihren Kindern und mit den Pflichten ihres Standes und Ranges beschäftigt gewesen waren.
Ein Geheimnis — Unsinn! Welcher Mann würde glauben, daß das junge Mädchen, das er geliebt, die junge Gattin, die er gewonnen, vor ihm ein Geheimnis habe, das während all der Jahre ihres Ehelebens ihr am Herzen genagt und sie schließlich zum Mord gebracht habe?
Konnte es vor der Heirat gewesen sein? Nein. Weg mit dem schmachvollen Gedanken! Sie war ein junges Mädchen, als er sie kennen gelernt, rein, hold, lieblich, hatte stets bei ihrer Schwester, die ihr Mutter und Schwester zugleich gewesen, gelebt.
Wo war nur in ihrem Leben Raum für ein Geheimnis gewesen? Ter bloße Gedanke schon war ihm verhaßt.
Konnte es sein, daß Marian irgend einen dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit hatte? Vielleicht eine heimliche Ehe, die nachher bitter bereut und seitdem immer geheim gehalten worden? Oder war es alles nur Einbildung und Vermutung seitens dieses verhaßten Polizisten? Hatte feine Gattin um Marians Geheimnis gewußt und um' ihrer Schwester willen sich darein verwickelt?
Das mußte er herausbringen. Wenn wirklich ein Geheimnis existierte, so betraf cs zweifellos Marian. War wirklich etwas nicht in Ordnung, so ging es sie an, und kein lebendes Wesen sollte seiner schönen, unvergleichlichen, makellosen Gemahlin etwas Nachteiliges anhängen können, (Fortsetzung folgt.)
Weihnachts-Literatur.
— Bon der Universalbibliothek für die Jugend liegen drei neue Bändchen vor, die die Nummern 417 bis 425 umfassen. (Stuttgart, Union. Jedes drei Nummern enthaltende Bändchen 1 Mark.) Das erste bringt eine Seeränbergeschichte, wie sie der englische Romanschriftsteller Fr. Marry at so fesselnd zu erzählen wußte, der es 1825 bis zum Flottenkapitän gebracht hat. Sein Pirat hat in der Bearbeitung für die Jugend, wie sie hier vorliegt, nichts von der Anschaulichkeit verloren, die das Original auszeichnet. Hier und da ist die Erzählung ziemlich aufregend und auf eine Handvoll Menschenleben kommt cs nicht an. Aber man merkt den trefflichen Kenner des Seelebeus überall heraus. Weniger rauh geht es in den beiden folgenden Bändchen zu, in welchen Rich. Noth Charakterbilder aus der deutschen Geschichte entrollt. Das erste beginnt mit dem Erlöschen des Karolingergeschlechtes und preist Heinrich L, den Besieger der Ungarn (933), als Retter des Vaterlandes. Otto I. und die letzten Ottonen, die Salier und die Zeit bis in die Hälfte des 13. Jahrhunderts werden in Einzelbildern geschildert. Das zweite Bändchen erzählt aus der Zeit des Interregnums bis zur Aussöhnung Friedrichs von Oesterreich mit Ludwig dem Bayern (1325). Ein Schlußkapitel ist Friedrich VI. von Hohenzollern, Burggraf von Nürnberg, gewidmet, der als Markgraf Friedrich!, von Brandenburg die QuitzowS besiegt. Der Verfasser erzählt zwar die Geschichte dieser Zeiträume im Zusammenhang, hebt jedoch einzelne Momente heraus! und behandelt sie eingehender. Die Form seiner Erzählung ist lebhaft und anregend. Alle Bändchen sind gut illustriert; die geschichtlichen bringen Nachbildungen von Porträts und Gv»


