Ausgabe 
1.10.1906
 
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Stirn flogen, seinen dunkelblauen Augen und. den frischen, roten Lippen, deren sich manche Schönheit nicht hätte zu schämen brauchen.

Was für ein Unterschied doch zwischen euren beiden Kindern ist, Mrs. Jefferies," pflegten die Nachbarn zu sagen. »Werner gleicht weder euch, noch seinem Bruder."

Er gleicht auf seinen Vater," erwiderte sie dann ge­wöhnlich mit einem Seufzer, obwohl der selige William Jefferies, weiland Bahnwärter, untersetzt, stämmig und dunkel gewesen war. ,

Die kleine Familie hatte jetzt etiva sechs Jahre tm Wall- Hecken-Häuschen gewohnt. Jack und Werner besuchten die beste Schule in Ferryhitt, sehr zum Erstaunen der Nachbarn. Mrs. Jefferies hatte keine Beschäftigung, sie besorgte ihre gesamte Haus- und Gartenarbeit allein, machte den Jungen die Kleider, hielt sie nett und sauber und nahm nur zuweilen etwas Spitzen-Flickarbeit an, worin sie sehr geschickt war.

Als sie einmal gefragt wurde, wie sie es fertig bringe, so eigentlich ohne Arbeit zu leben, erwiderte sie, sie Hütte eine kleine Pension, die ihr regelmäßig gezahlt werde. Was, oder wie viel es war, wußte niemand. Sie lebte nicht wie eine Frau mit reichlichen Mitteln gerade behaglich sehr- einfaches Essen, aber immer genug. Ihre eigene Kleidung war sehr einfach und bescheiden, doch schien sie keine Ausgabe für die Knaben zu sparen.

Die Brüder harmonierten nicht recht miteinander. Jack war sehr herrisch, selbstsüchtig und nicht immer verträglich und gut gesinnt. Er war eifersüchtig auf Werner und be- schuldizte seine Mutter stets, daß sie für den Jüngsten Partei nehm-

(Fortsetzung folgt.)

Kaisertage in Hlomintett.

Der Schrei des Brunsthirsches ist alljährlich das Signal, welches das Lieblingsrevier des Kaisers, Rominten, seine ureigenste Schöpfung, von weltabgeschiedener Einsamkeit erlöst. In jedem Herbst sucht und findet hier der Kaiser nach den Anstrengungen der Sommerreisen und des Manövers Erholung im Weidiverk. Wenn die Kaiserin ihrem Gemahl auch nicht überall hin folgt, so ist sie doch immer mit ihm in Rominten anwesend, denn auch ihr Herz hängt an dem eigenartig schönen Waldrevier. In diesem Jahre wird das Lieblingskind des Kaiserpaares, die jugendliche Prinzessin Viktoria Luise, bei den kaiser­lichen Eltern in Rominten sein, wie schon in den letzten Jahren.

Die Nominier Heide bildet noch ein Stück jener Wildnis, die zur Zeit der Ordensritter die Grenzscheide und eine Schutzwehr gegen die heidnischen Litauer war. Sie ist eine fast kreisförmig oder doch elliptisch gut geschlossene Wald­fläche von etwa 240 Quadratkilometern. In raschem Laus durchströmt die Heide die in Liedern, vielgefeierte Ro- nnnte, die malerische, liebliche, zum Teil aber auch steile und wildromantische User formt. In der Zeit, da Preußen Ordensstaat war, jagten in der Nominier, Heide die Hoch­meister der Deutschherren noch den Auerochsen und den Elch, den Bären, den Fuchs und den Wolf, wie den Rot­hirsch und Schwarzwild. In dem Waldrevier des am steilen Ufer der Rominte ganz herrlich gelegenen kurfürst­lichen JagdhausesJagdbude" toar Kurfürst Georg Wilhelm von Brandenburg, der Vater des Großen Kurfürsten, wit Vorliebe zur Jagd, und auch später noch, am Anfänge des 19. Jahrhunderts, lieferte die Nominier Heide Wild für die königliche Küche nach Königsberg und anderen Orien.

In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts würde die Nominier Heide von einew Raupenfraß heim­gesucht, der den ganzen Bestand von Nadelbäumen ver­nichtete. Für die Neubepflanzung wurde vorzugsweise die Fichte gewählt, und so kommt es denn, daß weite Strecken des Reviers sich aus ziemlich gleichaltrigen Beständen zu- sammensetzen. Der Eindruck der Einförmigkeit wird aber dadurch vermieden, daß überall große Komplexe herrlicher Laubbäume eingepflanzt find.

Unser Kaiser hat zum ersten Male iw Jahre 1890 in der Nominier Heide gejagt, und iw Jahre 1891 ließ er sein Jagdhaus Rominten errichten iw Stil der norwegischen

Holzarchitektur als Blockhaus', mit rotbraunew Oel- anstrkch im Oberbau, auf Granit und mit rotem Ziegel-- steinen im Unterbau. Dew Holzstil entsprechen geschnitzte Säulen und die phantastische Ornamentik von Drachen­köpfen, allerhand Tieren der Fabel an den Giebeln. In der Mitte ist das Gebäude einstöckig, während die Seiten­flügel zwei Etagen zeigen. Ueber der Küche liegt ein ziem­lich geräumiger Speisefaal, daneben ein schmaler Anrichte­raum, in den die Speisen mittels Aufzuges befördert werden; rechts und links vom Speifesaal befinden sich die Zimmer des Kaiserpaares. Die Gefolge des Kaifers und der Kaiserin bewohnen die Gemächer im zweiten Stock der Seitenflügel.

In dem Arbeitszimmer des Kaifers find ganz besonders die Sinnsprüche bemerkenswert, die der Monarch so hat anbringen lassen, daß er sie von seinem Schreibtisch stets vor Augen hat. Sie lauten:Stark sein im Schmerz, nicht wünschen, was unerreichbar oder wertlos, zufrieden mit dem Tag, wie er komnit, in Allem das Gute fuchen und Freude an der Natur und den Menschen haben, wie sie nun einmal sind. Für tausend bittere Stunden sich mit einer einzigen trösten, welche schön ist, und aus Herz und Können immer sein Bestes geben, auch wenn es keinen Dank erfährt, wer das lernt und kann, der ist ein Glück­licher, Freier und Stolzer, und immer schön wird sein Leben sein. Wer mißtrauisch ist, begeht ein Unrecht gegen andere und schädigt sich selbst. Wir haben die Pflicht, jeden Men-, scheu für gut zu halten, folange er uns nicht das Gegen-, teil beweist. Die Welt ist so groß und wir Menschen so klein, da kann sich doch nicht alles um uns allein drehen. Wenn uns was schadet, was wehe tut, wer kann wissen, ob das nicht notwendig ist zum Nutzen der ganzen Schöpf­ung? In jedem Ding der Welt, ob es tot ist oder atmet, lebt der große, weife Wille des allmächtigen und allwissen­den Schöpfers, uns kleinen Menschen fehlt nur der Ver­stand, um ihn zu begreifen. Wie alles ist, so muß es sein in der Welt, und wie es auch sein mag, immer ist es gut im Sinne des Schöpfers."

Diese Sprüche lassen einen Blick tun in die Denkweise des Kaisers.

Die Trophäen, die der Kaiser in Rominten erbeutet hat, sind die schönsten und stärksten, die man überhaupt in Deutschland findet. Einzelne Stücke sind sogar berühmt geworden. So erlegte der Kaiser am 27. September 1898 den bekannten Vierundvierzig-Ender, ein Weidmanns- glück, das in der Jagdchronik Deutschland seit Jahrhun­derten unerreicht dasteht. Auch der am 1. Oktober 1904 erbeutete Achtundzwanzig-Ender war ein jagdliches Er­eignis ersten Ranges. Was dies Geweih in der Bewertung so hochstellt, ist seine harmonische Entwicklung und seine Schwere. Es wog nicht weniger als 22 Pfund.

Daß der Kaiser ein hervorragend sicherer Schütze ist, ist bekannt. Wenn in Rominten ein Hirsch gemeldet wird, dann fahren schon nach drei Minuten die Wagen vor. Der Kaiser nimmt neben dem Oberförster Platz, auf dem Rück­sitz der erste Leibjäger und der Büchsenspanner. An Ort und Stelle angekommen, läßt sich der Kaiser von dem Förster, der den Hirsch bestätigt hat, zum Schirm oder zur Kanzel führen, und im entscheidenden Augenblick über­reicht der Leibjäger die geladene und gespannte Büchse. Der Kaiser schießt nach kurzem Zielen und trifft immer.

Die Nominier Tage gelten dem' Kaiser als Erholung, sie stehen vollständig im Zeichen des Weidwerks. Es sind Tage ungestörten Familienlebens, die das Kaiserpäar mit seinem Töchterchen in der ostpreußischen Heide verbringt. Tage, die durch kein Gepränge noch höfisches Zeremoniell beeinträchtigt werden. v. L.

Vermachtes.

* Bauernregeln für den Monat Oktober. Au? Sankt Gallen Tag (16.) muß jeder Apfel in den Sack. Wenn's im Oktober friert und schneit, so bringt der Januar milde Zeck. Halten die Krähen Konvivium, so sieh' nach Feuerholz dich um. Trägts Häschen lang sein Sommerkleid, so ist der Mucker auch noch weit. Oktobergewitter sagen beständig, der künftige Monat sei wetterwendig. Wenn Simon und Judas (28.) mit Sturm einherwandeln, so wollen sie mit dem Winter verhandeln. Oktoberdonner ist fürwahr noch besser als im FebruM. Fällt der erste Schnee in den Schmutz, vor strengem Winter kündet er Schutz. Hat der Oktober viel Regen gebracht, hat er auch gut die Wer bedacht. Nichts kann mehr vor Raupen schlitzen, als wenn der Okwber erscheint mit Pfützen. Mengt