Ausgabe 
1.10.1906
 
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Marian", sprach endlich eine schwache Siinune, »bin I ich sehr krank gewesen?" ,

Der Ton und die Frage riefen in Marians Geinute die I Erinnerung an das, was vor Jahren sich ereignet, mit solcher I Macht und Deutlichkeit wieder ivach, daß sie eine ganze I Weile lang nichts zu erwidern vermochte. |

Du bist sehr krank gewesen, ßicHimj," gab sie endlich | flüsternd zurück.

Jäher Schrecken malte sich in den schönen Zugen. I Ich bin krank gewesen," flüsterte sie angstvoll,und rings um mich waren Fremde, nur Fremde! O Marian, | Marian, habe ich etwas verraten?"

Eine Welt voll Angst sprach aus dem ivilden Blick. | Mariun beugte sich ruhig, aber tief über sie. I

Nein, nein," flüsterte sie.Ich bin bei dir gewesen.

Ich habe dich gewartet. Lord Wayne ist hier, und wenn I du ganz gut und geduldig und ruhig sein willst, sollst du I auch deinen Kleinen sehen; er ist so hübsch und lieb wie ein Rosenknöspchen." I

Die einzige Erwiderung ivar ein lauter Weuikcampf; der j Schrecken war so groß, die Erleichterung aber noch größer | und schwerer zu ertragen gcivesen. Lord Wayne trat cm die 1 Seite seiner Gattin. I

Evelyn, Liebling," flüsterte er weich,warum weinst du? Weil ich so glücklich bin," flüsterte sie zurück, und

Marian West wandte sich bei diesen Warten ab. Gott helfe | allen, die etwas zu verbergen haben! |

Maii brachte den Kleinen zu ihr und legte ihn ihr tn die Arme. Wer wußte, weshalb sie so leidenschaftlich meinte? Im Geiste sah sie ein kleines,, grünes Grab, in weiter, weiter I Feme, das nie von Muttertränen betaut gewesen, ein I kleines Grab, um das sich niemand kümmerte, das niemand kannte ein kleines Kind, das nie in ihren Armen gelegen, dessen Gesichtchen ihre Lippen nie berührt und ein scharfes Schwert des bittersten Schinerzes durchdrang ihr Herz.

Es tut nicht gut, Mylady, Tränen auf das Gesicht ! eines Neugeborenen fallen zu lassen," sagte die Wärterin endlich.

Es find keine Tränen," versetzte Lord Wayne voll Vaterstolz;es sind Tropfen purer Freude. Den Erben aller Waynes, ivie sollen wir ihn nennen, Evelyn? Mach schnell, daß du gesund wirst, Liebling, daß wir uns darüber einigen."

Und sie wurde schnell wieder wohl, und sie nannten den Kleinen Raymond, nach einem seiner Vorfahren, der im hl. Lande den Heldentod gestorben.

Das nächste Jahr ward ihnen ein Töchterchen geboren, das Elsie genannt wurde; ein Jahr später ein zweiter Sohn, der den Namen Harry erhielt. Sie erhielten nicht mehr Kinder; Raymond, Elsie und Harry bildeten eine prächtige Gruppe.

So verfloß Jahr auf Jahr und brachte keine Wolke über Kenninghall. Marian West dachte oft, daß ihre schöne Schwester die Höhe menschlichen Glückes erreicht habe; sie wurde verehrt und vergöttert von ihrem Gatten, angebetet von ihren Kindern, geliebt von allen ihren Freunden, war eine Königin, was gesellschaftlichen Rang anbeiraf kurz, ein Günstling des Glücks in jeder Beziehung. Ihre Prophe­zeiung hatte sich erfüllt sie teilte den Thron der Herzogin von Chisledon; keine Wolke stand an ihrem Himmel.

Wie dankbar, wie glücklich bin ich," sprach Marian oft zu sich selbst,daß ich jene unselige Vergangenheit von uns getrennt weiß! Seht auf Eve, geliebt, schön, glücklich, reich, ein geehrtes Weib, eine geehrte Mutter; wohingegen, wenn das bekannt geworden wäre, sie jetzt ihr Leben einsam ver­trauerte. Wie freue ich mich, daß ich alles geheim gehalten habe!"

Und es kam ihr kein Gedanke, daß eines Tages alle Geheimnisse bekannt werden müssen, gleichwie das Meer seine Toten wieder herausgibt.

8. Kapitel.

Das Häuschen in Ferryhi-.^

Ich habe ein neues Buch nötig."

Ich habe auch ein neues Buch nötig," unterbrach eine zweite Stimme.

Mutter sagt, ich soll zuerst eins haben."

"Ich bin der Aelteste, und ich habe ein Recht aus das Beste von allem." , .

Ich habe mein Buch aus, und du bist erst in der Mitte von deinem." . t , , ,

Macht nichts, ich bin der Aelteste, und kriege zuerst eins." Die Stimmen wurden laut und zornig, der Streit wurde ernstlich und hatte höchstwahrscheinlich mit Püffen und Schlägen geendet, wäre nicht rechtzeitig eine dritte Person au; dem Schauplätze erschienen, eine nette, gutmütig aiissehende Frau in mittleren Jahren. . ...

Die Zeit war Morgen, dec Schauplatz die niedliche, schmucke und saubere Küche eines ländlichen Häuschens, das zwischen den grünen Wallhccken lag, die das Dörfchen Ferry- hill rings umgaben. r .

Ein Landhäuschen, wie sie nur in Alt-England zu finden sind, fast ideal in seiner malerischen Schönheit, lag cs unter den tief hernnterhängenden Zweigen großer Ulmen; üppig wuchernde Ranken und Schlingpflanzen beschatteten es vor­der Sonne und hüllten es von der einen Seite ganz in Blüten. Rosen kletterten zum Dache empor, Jasmin mit seinen weißen Glocken rankte um die Tür. Ein großer, lan - licher Garten lag davor, ein Obstgarten dahinter; letzterer führte in eine Klecwiese, wo eine sanftäugige Kuh friedlich weidete. , o

Im Garten stand eine viereckige Laube aus grün^ ge­strichenen zierlichen Latten und nahe dabei ein altertümlicher Brunnen, wo das grüne Moos an den feuchten Steinen wuchs i und das Wasser selbst im Sommer klar und kühl war.

DasWallhecken"-Häuschen wurde es von den ^eilten in Ferryhill genannt, und keiner, der Smn für malerische!, Stilleben besaß, sah es auch nur em Mal, ohne daß es ihm I in der Erinnerung geblieben und in Stunden ruhiger Trau- I nietet vor seinem Auge wieder aufgetaucht wäre.

Zum Wallhecken-Häuscheu war vor sechs Zähren eine | Witwe mit zivei Kindern, beides Knaben, gekonunen. Der älteste hatte rohe Gesichtszüge, ein störrisches Wesen, war etivas plump gebaut, laut und lärmend, kurz, trug ganz I und gar jenen plebejischen Stempel, bezüglich dcsien kein I Irrtum möglich ist. Er hieß Jack Jefferies-<1V "

Knabe wohl gelitten von seinesgleichen, aber doch in der ganzen Nachbarschaft eher gefürchtet, wie beliebt. Mit großer I Vorliebe steinigte er Katzen, scheuchte friedliches Geflügel, plün­derte die anliegenden Obstgärten itnd verleitete züngere Knaben I zu ähnlichen Üebeltaten. Manche Mutter pflegte, wenn sie I ihre Kleinen zum Spielen entließ, den sonstigen üblichen Ver­mahnungen zum Schluß noch mit erhobener Stunnie bei-

I zufügen:Und das sage ich euch, spielt nur mcyt nut Jack | Seine Spießgesellen hatten eine große Beschwerde wider ihn er war über die Maßeii selbstsüchtig; er verlangte

I stets von allem das beste, aber ohne die Mühe, sich an dem I Erwerb zu beteiligen. Er war eine Art junger Despot; ge- ! wöhnlich lag er im Grase, indes die anderen die reifsten | Brombeeren zufammensuchten; und wehe dem Knaben, der sich geweigert hätte, Tribut zu zahlen! Die Len e prophe- eiten von Jack Jefferies, daß er später als Erwachsener einer

I von denen werden würde, die auf jede Art und Weise, nur | nicht von ehrlicher Arbeit leben.

Der zweite Knabe, Werner, war ganz und gar anders. | Es war einer von denen, die von Haus aus einen Adels­brief mitbekommen zu haben scheinen, zart gebaut, anmutig im Benehmen, mit feinen, schönen Zügen; er hatte eine an- | genehme Stimme, seine Ausdrücke waren gut gewählt. Man hatte ihn für einen jungen Prinzen ausgeben können, und I jeder hätte gesagt, daß er durchaus geeignet und befähigt Jet, | seinen Stand zu zieren. Er schien ein Jahr länger zu em | wie sein Bruder, war er doch weder so groß, noch so itarC I gebaut. Jack war hübsch in gewissem derben, verwegenen | Stil; Werner dagegen war fast bildschön mit seinen gold- I braunen Locken, die in üppiger Fülle um die breite, weiße