Montag den 1. Hktoöer
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Im Banne des Geheimnisses.
Roman von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verboten1.
(Fortsetzung.)
„Was ist's — was hat sie erschreckt?" fragte Algernon Wayne, ihr zu Hilfe eilend.
„Sie hat jemanden gesehen, den sie vor ihrer Heirat gekannt, und das hat sie.erschreckt," dachte die schnell kombi- nierende Isabel, und während die übrigen geschäftig Lady Wayne entfernten und sich bemühten, sic aus der todes- ähnlichen 'Ohnmacht wieder ins Bewußtsein zu rufen, blickte sic ruhig und neugierig forschend durch das ganze Haus.
Es waren Hunderte von Herren anwesend, und viele von ihnen . hielten ihre Blicke auf die Loge gerichtet, denn der Zwischenfall war von allen bemerkt worden; aber sic fand niemanden, der ihr auch nur einigermaßen verdächtig erschienen wäre. Gleichwohl war ihr Verstand so scharf, ihr instinkmäßiges Gefühl so sicher nnb deutlich, daß sie sich überzeugt fühlte, Lady Wayne sei in Todesangst vor irgend einem Anwesenden gewesen.
„Dilles zu seiner Zeit", murmelte sie vor sich hin. „Ich werde ihr Geheimnis "herausbekommen, Mylady, — denn ein Geheimnis haben sie, — oder ich will nicht Isabel Wayne heißen."
Inzwischen hatten Lord Wayne und Miß West sich mit Evelyn heim begeben. Sie sah sehr schwach und krank aus.
„Tu bist nicht stark genug für diese überfüllten Häuser", sprach er ihr beruhigend zu. „Ich muß besser acht auf dich geben, mein Liebling. Für alle Opern in England möchte ich eine solche Angst nicht noch einmal durchmachen! Ich dachte, du wärest tot, Evelyn! Wirklich, ich glaubte, du wärest tot!"
„Was hattest du denn nur, Eve?" fragte auch Marian West besorgt; denn ein Blick auf die Züge ihrer Schwester hatte ihr einen Ausdruck gezeigt, den sie seit Jahren nicht mehr darin gesehen. „Was hattest du?" wiederholte sie ängstlich und gespannt.
„Die Hitze machte mich unwohl und schwindelig. O, Mortimer, wir haben genug von London gehabt, laß uns nach Kenninghall zurückkehren; es gibt gar keinen schöneren Aufenthalt!"
Er war entzückt über die Vorliebe seiner jungen Gattin für den alten Adelssitz seiner Vorfahren; nichts hätte ihm besser gefallen können.
„Ein oder zwei gesellschaftliche Verpflichtungen müssen wir noch erfüllen, Liebling", versetzte er zärtlich, „dany wollen wir sofort heimkehren.' —
Sie gingen bereits in der folgenden Woche; und ein« mal wieder auf Kenninghall, erlangte Lady Wayne bald ihre zarte, rosige Frische und. ihr strahlendes Aussehen wieder.
Tic Glocken läuten hell und freudig von der kleinen Dorfkirche in Kenningsthorpe; die Augustsonne schien hell und glänzend ; nette Freude, neuer Segen tvaren über Kenning- Hall gekommen. Der junge Erbe tvar geboren, sodaß die stolzes alte Linie, aller Wahrscheinlichkeit nach, von Vater zu Sohn sich fortpflanzen konnte.
Freude und Jubel herrschte int Schlosse; das Kind.war gesund und gedieh, obwohl die Mutier sehr krank tvar.
„Fieber, nur Fieber und Nervosität", sagte der Arzt, „ctivas zum Delirium disponiert; bei guter Pflege und Sorgfalt wird sie jedoch in tvenigen Tagen wieder wohlauf feilt.*
Natürlich waren Algernon und Isabel benachrichtigt und amvesend, und ebenso natürlich herrschte beständige stille Fehde zwischen Mrs. Wayne und Miß West. Marian wollte keinerlei Besucher in das Krankenzimmer lassen, und Isabel bestand auf ihrem Recht, am Krankenbett ihrer Verwandten zugegen zu sein.
„Ich höre von der Wärterin, daß es Lady Wayne heute abend nicht so gut geht, daß sie fiebert und irre spricht", sagte sie eines Abends zu Miß West.
„Es ist wahr; und um so nötiger ists, sie ganz ruhig und ungestört zu halten", war die ruhige Entgegnung.
„Die Wärterin sagt auch, ihr einziger Schrei, ihre einzige Idee fei, ihr Kind sei tot", fuhr Mrs. Wayne fort und bohrte ihre Hellen scharfen Singen in Marians Gesicht. „Das ist doch eine merkwürdige Idee, nicht wahr?"
Sibcr das ruhige, unbewegliche Gesicht verriet nichts.
„Das ist mir die Folge ihres nervösen Fieberzustandes*, sagte sie; „sie ivird die Idee schon verlieren, wenn sie besser wird."
„Es scheint doch merkwürdig, daß sie da liegt und über ein totes Kind klagt und jammert, wo sie doch den stärksten, gesundesten Jungen hat, den ich seit langem gesehen."
„Nichts ist merkwürdig, wenn jemand deliriert", gab Marian zurück. „Ich habe von wilderen und gefährlicheren Einbildungen als diese, sogar bei anscheinend nicht durch Krankheit angegriffenen Leuten gehört. Meine Schwester scheint mir im übrigen heute besser; bald wird sie wieder wohlauf sein."
Denselben Abend hatte Lord Wayne sich still ins Krankenzimmer geschlichen, um einen Blick auf feinen prächtigen Erstgeborenen zu tun. Marian saß am Bette ihrer Schwester. Lady Wayne war in einen leichten Schlummer gesunken, von dem man Besserung für sie erwartete.


