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und da. om Wegsaum holten ihre wärmenden Strahlen schon ein frühes Märzveilchen hervorgelockt.
Der Frühling kom!
In freudiger, gehobener Stimmung schritt Dello empor. Sie hatte erst -dem Gottesdienst in der Kirche beigewohnt i— schlangen, langen Jahren wieder! Der Vater hatte die Orgel gespielt; wunderschön, rührend waren die Klänge durch ihre Seele gezogen. Und ivas der Pfarrer sprach, in schlichten harmlosen Worten, ohne rhetorischen Schwung, für das Verständnis seiner Gemeinde berechnet. Eine Ausdeutung des Textes: „D, ihr Korinther, unser Mund hat sich zu euch aufgetan, unser Herz ist getrost. Unserthalben dürft ihr euch nicht ängstigen. Dost ihr euch ober ängstigt, tut ihr aus herzlicher Meinung." Ihr Herz wurde weit, ols sie den Predigttcxt sich wiederholte, während sie rüstig ous- schritt. Sie fühlte sich gesund und froh! Stork genug für dos Leben.
An der Kirchhofsmouer reckte ein Busch seine dürren Acste ouf. Ein erstes Knöspchen war 011 einem Zweige durch- gebrochen, kaum sichtbar, ober doch verheißungsvoll. Dello betrachtete es mit freudigem Staunen.
Wahrhaftig, i der Frühling kam!
Und dort auf einem Zweige hingen noch einige Eisbeeren, weist und rund. Sie mochten on dem eingeschneiten Strauchwerk sich unter dem Schnee erhalten haben, bi§ der Frühlingswind sie loslöste von den schwanken, dürren Zweigen. Della brach den Zweig ab.
Wie mit einem Schlage sah sie sich wieder in Dresden auf dem ersten Gange zum Professor Ranzoni.
Aber keine Unruhe war mehr in ihr. Nichts bedrückte, nichts ängstigte sie mehr. — Sie wustte, das mußte alles geschehen sein, damit das andere kommen könne.
Der Frühling!
Jauchzend rief sie es. Mit Macht stürmten die Erinnerungen an die Kindheit auf sie ein. Eine leichte Rührung bemächtigte sich ihrer. Sie wehrte aber dieser Stimmung. Nicht mehr zurück wollte sie schauen, vorwärts sollte ihr Blick gewandt sein, dem Leben zu, das sie nun wirklich begriff, durch das sie nicht mehr träumend ziehen durfte, sondern wachen Geistes.
Am Portal des Schlosses kam ihr Graf Guido entgegen. Ec sah ernst aus, aber ein Freudenschimmer zog über sein Gesicht, als er sie begrüßte.
„Sie finden Gäste oben, Fräulein Della! Helene ist an- gekonnnen, ganz plötzlich, und Karl Viktor — ein eigentümliches Familienereignis hat sie hergeführt."
Ein seltsames Lächeln zuckte in seinem Gesicht auf.
„Eine Neuigkeit, die auch Sie interessieren wird."
Sie waren bei diesen Worten bis an die Tür des Empfangssalons gelangt, die der Diener weit öffnete. In diesem Augenblick empfand Della etwas wie Scheu und Beängstigung. Vielleicht hatte sie sich doch mehr zugetraut, wie ihr zuträglich war, als sie nach ihrer monatelangen Welt- stucht sich wieder in das Leben mit seinen sich drängenden Ereignissen und Erregungen zurückbegab.
Es schien ihr plötzlich, als wären Jahre vergangen, seit sie nichts mehr gehört hatte aus der Welt draußen.
Fast zaghaft überschritt sie die Schwelle des Gemaches. Die Gräfin Luise empfing sie mit formeller Höflichkeit, Prinzeß Helene kam ihr sehr herzlich entgegen und Graf Karl Viktor begrüßte sie freundschaftlich. Das gab ihr die Fassung wieder.
„Es J|t lieb von dir, Della, daß du kamst. Ich erwartete dich schon mit Sehnsucht und wäre nachmittags hinunter gekommen, wenn du nicht hergekommen wärest. Tausende Grüße von Hans, in acht bis vierzehn Tagen hofft er hier zu sein, um den Kerker zu öffnen, in dem er dich gefangen hielt."
„Die Gefangenschaft ist ihr sehr gut bekommen," lachte Helene. „Della sieht blühend aus."
»Ich habe mich auch hier wirklich ganz ausgezeichnet tesimden."
„Ganz abgeschlossen von allem Verkehr. Nicht einmal
mit dem Schlosse durfte Fräulein Brandt eine Beziegur.^, unterhalten," sagte Gräfin Luise spitz.
„Das habe ich auch bedauert, aber die ärztliche Vorschrift war ganz streng. Nun, es ist vorüber und ich bin froh, nicht daran denken zu müssen."
Sie hatte sich niedergesetzt, und man sah es der Prinzessin Helene an, daß sie vor Ungeduld brannte, auf irgend ein bestimmtes Gespräch zu kommen und die üblichen Redensarten zu beenden. Sie hatte in den langen Jahren, in denen sic mit einem italienischen Fürsten verheiratet war, von der südlichen Lebhaftigkeit ihrer zweiten Heimat viel angenommen, und so konnte sie es auch nicht erwarten, mit ihren überraschenden Neuigkeiten zu kommen.
„Und denken Sie nur, Della . . . Sie sind gewiß erstaunt, mich jetzt im Frühjahr hier zu sehen, im März, wo es om Logo, maggiore om schönsten ist. Sie wissen es ja . . . und sonst sind wir um diese Zeit längst in Pollanza."
Graf Guido wurde nervös bei ihren Worten. Pollanza! Unwillkürlich sah Della ihn on.
Auch Gräfin Luise heftete einen ihrer kalten Blicke aus ihn.
„Ich sehe schon," rief Karl Viktor, „ihr kommt mit eurer Nachricht nicht zu Ende, und wenn Deila neugierig wäre, sie müßte jetzt vor Spannung vergehen. Also denke dir, Della, unser Bruder Alfons hat seinen Abschied genommen und bciratet . . . heiratet Terese Streitmann I"
(Fortsetzung folgt.)
Die Blinddarmentzündung
steht, obwohl sich in den letzten Jahren das Material an theoretischen Untersuchungen und vraktischen Erfahrungen über diese Krankheit in den wissenschaftlichen Zeitschriften zu wahren Bergen aufgetürmt hat, immer noch int Vordergründe des ärztlichen Interesses. Mit der Gründlichkeit, die unsere heutige medizinische Forschung so vorteilhaft von der alten naturphilosophisch angehauchten .Heilkunde unterscheidet, sind die sich dem Ärzte aufdrängenden Fragen nach der Ursache, den Erscheinungsformen, den Ausgängen und den zweckmäßigsten Behandlungsmethoden erörtert worden, und sie scheinen jetzt so weit geklärt, daß wir uns. über die Natur der gefürchteten Erkrankungen des Wurmfortsatzes ein ziemlich genaues Bild machen können. Zunächst verdanken wir eine sehr wertvolle statistische Arbeit dem Generalärzte des Gardekorps Dr. Stricker, der das Riesenmaterial der preußischen Armee aus den Jahren 1880—1900 daraufhin geprüft hat, ob die Blinddarmentzündung wirklich, wie in Laienkreisen so vielfach angenommen wird, in dem letzten Jahrzehnt häufiger und bösartiger geworden ist. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß einzig und allein eine solche tzeeresstatistik, in der alle leichten und schweren Fälle mitberechnet werden können, ein der Wirklichkeit entsprechendes Resultat ergibt. Denn da wir eine Anzeigepflicht, rote sie bei ansteckenden Krankheiten eingesührt
. ist, bei der Appendizitis nicht kennen, so sind wir in der Privatpraxis vorläufig lediglich auf die statistische Verwertung der in öffentlichen Krankenhäusern behandelten Patienten angewiesen, wo sich naturgemäß die schweren Fälle häufen. Dr. Stricker- Hat nun gefunden, daß von 100 000 Mann im Jahre 1873 nur 60, im Jahre 1902 aber 160, also N/2 mal mehr an Blinddarmentzündung erkrankt sind. Diese Erhöhung der Erkrankungs- ziffer deutet indessen nur scheinbar-auf eine Vermehrung der Appendizitisfälle hin, denn eine weitere Prüfung ergab, daß in dem gleichen Verhältnis, in dem die Blinddarmentzündung zugenommen hat, die Lcberkrankheiten, die Bauchfellentzündungen und die Magen- und Darmleiden im Heere an Zahl zurückgegangen „ sind. Dr. Stricker kommt also in dieser Beziehung zu dem nämlichen Ergebnis wie Generalarzt Dr. Villaret vor zwei Jahren auf Grund seiner weniger umfangreichen Zusammenstellung: die Blinddarmentzündungen sind nicht häufiger geworden, sondern sie werden wegen der besseren Schulung der heutigen Aerztegeneration häufiger als solche erkannt, wo man sich früher mit einer ungenauen Diagnose begnügte. Ebenso trösllich lauten die Feststellungen Strickers über die Bösartigkeit und den Verlauf der, Appendizitis. Nicht weniger als 95,7 Prozent der von ihm verfolgten 6296 Krankheitsfälle ging in Heilung über, und zwar blieben dienstfähig 84,4 Prozent der Mannschaften, während von den Genesenen weitere 11,3 Prozent als invalide aus dem Heeresdienst entlassen werden mußten, meist wegen des Einflusses der entzündlichest Verwachsungen im Leibe und der Operationsnarben auf die körperliche Leistungsfähigkeit. Von besonderer Wichtigkeit ist jedenfalls die Tatsache, daß sich eine Zunahme der so häufig tödlich verlaufenden schweren Erkrankungsformen keineswegs nachweisen läßt. Daß sich übrigens auch aus der statistischen Bearbeitung des Krankenhausmaterials dieselbe Schlußfolgerung ergibt, ersehen wir aus den von Professor


