Samstag den 1, S-ptember
1906
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Jer Stern.
Roman von Ulrich Frank.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Unb so werden wir Sic für immer verlieren?"
„Wollen Sie mir Ihre Freundschaft entziehen, wenn ich zur Bühne zurückkehre?"
„Ich . . . mir . . ♦ Ihnen? Aber Sic werden sich unZ entfremden?"
„Gewiß nicht, Herr Graf!" sagte sic mit tiefem Ernst. „Ich habe dieses liebe Heiligtum, Jugend und Heimat mehr als je schätzen gelernt, denn nicnials hätte ich mich so wiederfinden köirncir wie hier! Es war ein glücklicher Gedanke von Doktor Hübner, mich hierher zu bringen, allen äußeren Eindrücken völlig zu entziehen — bis ich das Gleichgewicht meiner Seele wiedergefunden habe. — Nun ist's so weit. Wenn ich jetzt zu meinem Berufe zurückkehre, so geschieht es in vollster Klarheit, in ganz selbstsicherem Bewußtsein dessen, was er fordert und was er gewährt. Ich fühle meine Kraft und bin mir ihrer mit Freuden bewußt."
„Wollen Sie uns bald verlassen?"
Traurig rind zaghaft war seine Frage.
„Sobald Doktor Hübner herkommt und mich entläßt aus dieser köstlichen Ruhe imb weltfernen Einsamkeit, sobald er mich stark genug findet, um den Flug in die Ferne aufs neue zu wagen ..."
„Und wann ..."
„Ich denke, in acht bis vierzehn Tagen, anfangs April."
Er hatte sich erhoben.
„Ich fürchte, daß ich Ihre Zeit zu lange in Anspruch genommen habe und daß dieses Gespräch Sic doch zu sehr angestrengt hat."
„Körperlich vielleicht, Herr Graf! Geistig hat cs mir mohlgetan. Es hat mich befreit, und ich fühlte, daß ich Ihnen sagen müßte, wie Dclla Brandt so geworden."
„Hatte ich ein Anrecht darauf?"
„Der Freund hat dieses Anrecht. Ihn muß man überzeugen, ihm muß man die Dinge erklären, beweisen . . . ein anderer — muß einfach glauben!"
Er. hatte sie verstanden.
Mit dem rasenden Schmerz, mit dem heißen Weh dieser Zurückweisung mußte sein Manncsstolz fertig werden. Die tiefe Wunde ivürde heilen, die er empfangen.
Hoch aufgerichtet stand er vor ihr, totcnbleieh, aber in fester, ruhiger Haltung.
Unsägliches Mitleid beschlich ihre Seele.
Aber konnte sie anders? Sollte sie frivol und kokett
mit heiligen Gefühlen spicken? Wie cs lcider in den Kreisen, denen sic angchörle, nur zu oft vorkonnnt! Ihn an sich zichcu, dcn hochgeborenen Ercsicn zu ihren Füßen zu scheut Aus Eitelkeit und Rachsucht gegen die Gräfin, die sie da- uwls in Berlin mit ihrem Hochmut so schwer gekränkt hatte? Sic wußte wohl, daß cs nur eines Wortes, einer Andeutung bedurft hätte, — ja selbst, wenn sic ihn nur im Zweifel gelassen hätte über ihre wahren Gefühle . . . aber sie achtete ihn zu hoch und — sich!
Und konnte sie anders.? fragte auch er sich.
War er nicht gebunden? Was hätte er ihr bieten können, heut'? Ihr, die er in dieser Stunde so ganz anders kennen gelernt hatte, als sic ihm doch manchmal erschienen ivar, seit er sie auf dem schlüpfrigen Boden der Bühnenwelt heimisch wußte, den Zweideutigkeiten ausgesetzt, die aus ihrer Beziehung zu Wittelsbach sich' der Welt aufdrängten. Wenn dadurch vielleicht andere Möglichkeiten auch vor ihm auf- gestiegcn waren, wie sie nichts Außergewöhnliches in seiner Lcbenssphäre sind, wenn ihn dieser Gedanke vielleicht unbewußt geleitet hatte, als er sie ausgesucht — vorbei!
Nichts hatte sie geheuchelt, nichts ihm vorgespiegelt. Mit einer Offenheit, die ihn rührte und — ehrte, hatte sie ihm ihr Leben enthüllt. Er war überzeugt! Aber ein anderer würde einmal kommen, der nicht würde fragen dürfen, dem sie nichts sagen würde, — nur glauben würde er, glauben!
Er raffte sich empor aus den quälenden Vorstellungen. Guido Giersdorf mußte seine vereinsamte Existenz mit Würde weiterführen.
„Wir sehen Sie wohl noch im Schlosse, bevor Sie die Heimat aufs neue verlassen?"
„Ganz gewiß, Graf Guido — lieber Freund! Ich komme in den nächsten Tagen."
Als die Eltern, nachdem der Graf sich auch von ihnen verabschiedet hatte, zu Della kamen, fanden sie diese bleich und abgespannt.
„Der lange Besuch hat dich angegriffen, Kind?"
„Ein wenig, Muttchen! Aber das geht vorüber."
„Hast du ivas rechtes zum Abendbrot, Alte? Das wird ihr gut tun."
Die Frau Kantorin lächelte verschmitzt.
„Na, kommt nur zu Tisch, Ihr sollt selber scheu."
Ain nächsten Sonntag, nach der Kirche, war Dclla hinauf nach GicrSdorf gegangen. Ein Frühlingsodcm wehte schon durch die Natur.
Ter Schnee lag nur noch auf den fernen Bcrgeshöhen in glänzender Reinheit, unten im Tal aber war er ganz zerronnen. Die Sonne hatte die Pfade getrocknet und hie


