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stehende» Genüsse schadlos halten." Er hatte wahrend dieses Selbstgespräches die Vorhänge der Fenster ganz dicht zu- gezogen und das elektrische Licht aufflammen lassen. Aus rosa Giasblumenglvckcn blühte es ans, einen sanften, sinnlichen Schein in dem.kleinen intimen Raum verbreitend.
In diesem Augenblick trat zwischen ^die Portiere, die den Salon vom Nebenzimmer trennte, Theresa. Sie hob mit der linken Hand die Falten der Portiere empor und streckte ihm die Rechte entgegen.
„Bon soir, Alfons!"
Ohne ihre Stellung zu verändern. Sie wußte, daß diese Pofe ihre Gestalt hob. Wie sie dastand zwischen den weichen, olivgrünen Stoffen mit über dem Hanpt erhobenem Arm. Ein weißes seidenes Kleid mit vielen Spitzen umhüllte sie. Theresa verstand sich zu kleiden, und die rosa- lichte Tämmerung im Zimmer erhöhte ihre Reize.
„Xljcrefn !/z
Er eilte auf sie zu, küßte ihre dargereichte Hand, und dann umschlang er sie hastig und trug sie zur Ottomane, auf die er sie uiederließ.
„Toller!" Sie wehrte ihn ab, richtete sich auf und lachte.
„Bitte, Herr Graf, nehmen Sie gefälligst Platz."
Er setzte sich auf sein Tabouret. In ihrer Nahe, sodaß er sie jeden Moment erhaschen konnte.
„Zu Befehl, mein allergnädigstes Fräulein."
Und dann lachten sie beide, ganz übermütig. Es macht ihnen Spaß, sich so formell gegenüber zu sitzen, während ihre Blicke ineinander wachsen und ihre Augen sich küssen.
Die Zofe tritt ein.
„Servieren Sie den Tee, Erna. '
Sie verneigte sich stillschweigend, verschwand auf einige Minuten und kain dann mit einem Tablett zurück, auf dem das silberne Teeservice stand und zwei echte chinesische Teeschalen mit kleinen goldenen Löffeln. Eine Tischdecke von rosa Seide hatte sie über dem Arm. Sie arrangierte den Teetisch, schob ihr an die Ottomane heran und fragte: „Wünschen das gnädige Fräulein sonst noch etwas?" „Kognak?" wendete sich Theresa zu ihrem Gaste. „Tanke, mein gnädigstes Fräulein." „Nein!"
Das Mädchen verließ hierauf zögernden Schrittes das Zimmer. Sie erwartete noch einen Befehl, aber das sonst so ost gehörte: „Ich bin für niemand heute mehr zu sprechen", blieb aut.
Ganz erstaunt, fast malitiös sah ■ sie den Grafen an, bevor sie verschwand.
„Erwartest du noch Besuch, Theresa?" fragte auch er verwundert.
„Möglich! Ja, Alfons!"
Sie goß den Tee ein und präsentierte ihm die Tasse. „Die Zigaretten stehen dort."
„Wer ist's?" Er steckte eine Zigarette an. „Wer soll unser Plauderstündchen stören? Willst du?" Dabei reichte er ihr die Zigarettenschale hin.
„Merci, nein! Heute rauche ich nicht. Eine alte Freundin aus Dresden hat mir ihren Besuch angekündigt, brieflich. Sie ist erst heute nachmittag angekommen, scheint es aber sehr eilig zu haben, mich wiederzusehen. Hier, lies mal. . ." Sie gab ihm ein Billet, das sie einer Tasche, die mit goldenen Schnüren in Art der Gretchen- taschen das Kleid an einer Seite ein wenig aufraffte, entnahm. Er blickte gleichgültig darauf.
„Bitte, vorlesen!"
„Dresden, den 24. November.
Teuerste Theresa! Wir kommen morgen nachmittag nach Berlin, Mama und ich, um Deltas erstes Auftreten in Berlin mitzumachen. Wie freue ich mich, Dich wiederzusehen! Also auch Du hast es erreicht! Bist eine gefeierte Künstlerin! Wer hätte das gedach! damals, als wir so gemütlich plaudernd am Kaffeetisch saßen und Weihnachtsarbeiten machten?! Ta heißt, vorgenommen hattest Tu Dir es ja. schon . . . als wir von Delias Stimme und Karriere sprachen — und nun hast Tu es auch durchbeführt. Und bist in Berlin! Schon seit zwei Jahren, während-Della erst jetzt hinkommt und nur als Gast... Es hieß zwar immer, sie wolle nicht... sie solle noch nicht. Und erst Wien und Paris und Petersburg und London und Mailand. Mama war ganz außer sich. Berlin, sagte sie, gebe einem Künstler erst seine volle Bedeutung. — Und wenn Mama ihr schrieb und
ihr Vorhaltungen machte, oann antwortete sie immer sehr liebenswürdig und freundlich, ihr Lehrer und BT rater wünsche, daß sie damit noch warte ... sie versäume nichts, um so größer und sicherer sei der Erfolg . . . . Na, von all dem sprechen wir ja bald mündlich. Diese Zeilen erhältst Du morgen früh, nachmittags bin ich dort, und wenn es irgend geht, komme ich noch gegen Abend zu Dir — Au revoir! Deine Lucie . . ."
(Fortsetzung folgt.)
Kitt Kang dulch düs HuSerKülose - Museum der Landesvcrsicherungz>Anstalt Grotzh. Hessen, Darmstai» (Schluß.)
Neben der Verhütung der Tuberkulose ist in der Ausstellung besonders eingehend auch die Heilung der Tuberkulose zur Anschauung gebracht worden. Das Bild eines der hervorragendsten Vorkämpfer für die Lehre von der Heilbarkeit der Tuberkulose, die jahrhundertelang angezweifelt wurde, - ist über dieser Abteilung ausgehängt, nämlich das unseres verstorbenen engeren Landsmannes, des Geheimerats Dr. Peter Dettweiler. Die Heilbehandlung der Tuberkulose wird zurzeit mit dem größten Erfolg in den sogen. Heilstätten geübt, in denen mau den ergriffenen Organismus durch gute Ernährung, Luft, Licht und Wasserbehandlung, sowie durch richtig dosierte Ruhe und Arbeit, vielfach unterstützt durch Tuberkulinbehandlung, kräftigt und zum siegreichen Kampfe mit den in ihn eingedrungenen Tuberkelbazillen befähigt. In welcher Weise diese Behandlung geübt wird, zeigen die Bilder der hessischen Heilstätten, der Ernst Ludwig- und Eleonoren-Heilstütte. Graphische Darstellungen geben zugleich Aufschluß über die Tauer der erzielten Kurerfolge.
Tie Heilbehandlung in Hessen ist' seit dem Jahre 1900 3710 Personen zuteil geworden. Daß dies möglich war, verdanken wir der Invalidenversicherung, die, um dem Eintritt der Invalidität durch Tuberkulose vorzubeugen, in allen diesen Fällen das Heilverfahren eingeleitet hat. Ueberhaupt ist die Invalidenversicherung die eigentliche materielle Grundlage für die deutsche Tubertülose- bekämpsung geworden, wie das mit besonderer Deutlichkeit aus der Statistik hervorgeht, die vom Reichsversicherungsamt über die einem Heilverfahren unterworfenen Personen und die erzielten Erfolge alljährlich hcrausgegeben wird Im Jahre 1'104 sind z. B. allein 16 957 Männer (und 6520 Frauen aus Kosten der Juvalidenversicherungsanstalten einem Heilverfahren unterworfen worden. Auch die Dauererfolge werden, wie diese Statistik zeigt, von Jähr zu Jähr besser. Durch die Invalidenversicherung verfügt Deutschland heute über die größte Anzahl von Heilstätten in per- ganzen Welt, und wenn wir die Karten der deutschen Tuber- kulosen-Einrichtungen, mit ihren 85 Heilstätten, 50 Erholungsstätten, 73 Kinderheilstätten, 2 kindlichen Kolonie:! und 72 Fürsorgestellen sehen und bedenken, daß alles dies in kaum zehn Jahren geschaffen worden ist, so müssen wir anerkennen, daß dank der Arbeiterversicherung und dank dem großzügigen Sinn für Wohlfahrtspflege ein humanitäres Werk geschaffen ist, wie es größer bisher in her Geschichte sozial-humanitärer Einrichtungen nicht dagewesen ist. Wir erkennen aus dieser Karte auch zugleich, daß die Heilstätten allein für die Bekämpfung der Tuberkulose nicht ausreichen und daß eine Reihe anderer Einrichtungen ihnen ebenbürtig zur Seite treten müssen. Hierzu gehören in erster Linie die Fürsorgestellen, d. h. Einrichtungen, ioelche sich der Pflege und Fürsorge der in ihren Wohnungen verbleibenden vorgeschrittenen Lungenkranken annehmen und, indem sie für die Kranken sorgen, zugleich sich bemühen, die Gesunden vor Ansteckung zu schützen. Derartige Fürsorgestellen sind bereits in einer Reihe von Städten und (in Hessen auch aus dem Lande errichtet, und es ist dringend zu wünschen, daß ein ganzes Netz derartiger Fürjorgestellen über das ganze Reich ausgebreitet wird, denn durch die Fürsorgestellen ist es möglich, der Verbreitung der kulose in einzelnen Familien nachzugehen und insbe Anfangsstadien bei den Kindern festzustellen. Man 6eg hierber geradezu erschreckenden Verhältnissen. Nach kürzlich von Dr. Kayserliug über Berlin verössentli Beobachtungen findet man in der Regel in den Fam die nur ein Zimmer bewohnen, und in denen ein offener Tuberkstlose Leidender sich befindet, noch ai Familienangehörige, und ganz besonders die Kinder


