647
„Mn Brief von Frau EMnor —" Ur prallte zurück. „Wie — woher weißt Du das?" Er hatte momentan jede Fassung verloren. „Ich habe ihn gelesen." „Du?" stammelte er. „Nein!" — Drohend stand er plötzlich vor ihr da. „Das — Las tatest Du nicht!" Und nun sank JUtta doch in sich zusammen. Doch nur einen Augenblick, und mit wieder gehobenem Haupt, blitzenden Augen Und schneidendem Klang schleuderte sie es ihm entgegen: „Doch, ich habe den Brief gelesen und — an dein Rittmeister geschickt." Harro wankt» — der Abgrund tat sich vor ihm auf. Drohend hob er die Hand gegen seine Frau. „Nur jzp!" rief die aber ver- zweiflungsvoll. „Du hast mir getan, was nur ein Mann seiner Frau Böses tun kann. Ich furchte nichts mehr." Um ein Haar, und Harros Hand hätte wuchtig die zarten Schultern berührt. Seine angeborene Ritterlichkeit verließ ihn jedoch selbst in dieser fürchterlichen. Erregung nicht ganz. Ein Zittern lief durch seine Glieder, seine Züge wurden aschfahl. Die Hand aber ließ er sinken, u'Nd von seinen Lippen, denen jeder Blutstropfen entwichen schien, klang es? „Du hast getan, was nie eine Frau tun darf, und ein Mann nie verzeihen kann. Wir sind quitt und geschieden für immer." Er faßte Jutta am Arme, führte sie hinaus und kehrte dann wieder in sein Zimmer zurück.
17. Kapitel.
Als Harro am anderen Morgen nach kurzem, schwerem Schlaf, der mit seinem Recht aus JUgend und Gesundheit den jungen Offizier trotz alledem übermannt hatte, erwachte, sah er sich voll Staunen auf dem Kameltaschensofa seines Zimmers liegen. Dann kam ihm die Erinnerung.--Er
wußte, daß ihm nur die Kugel seines Kameraden blieb. Gräßlich! — Gräßlicher, weit gräßlicher doch noch, so da- zustehen — — daß er eine Frau in solche Lage gebracht — Die Uhr schlug auf dem Gange. Mechanisch fiel es Harro ein: er hatte Dienst. Mechanisch trieb es ihn nach dem Badekabinett, um, wie gewöhnlich, den letzten Rest von Schlaf aus den Augen zu spülen. Der Weg führte durch das gemeinsame Schlafzimmer, wo die Madonna noch immer friedvoll von ihrem blauen Hintergründe herablächelte. Er blickte nicht hin, — er blickte fort, — er wollte nichts sehen von alledem, was sich da, gleichsam unter himmlischem Schutze, befand. Dennoch entging es ihm nicht, daß Jutta noch in ihren Kleidern auf dem Bette lag. Wahrscheinlich war sie so, von Erschöpfung überwältigt, hier zusammengebrochen. Nun erst recht schnell schritt Harro vorüber.
Dann kam er wieder zurück, um sich fertig zu machen, ganz mechanisch auch nur. Fast mechanisch auch hielt er seine Blicke im Zaum, daß sie nicht hinüberstreiften zu der zierlichen Frau, die er einst geliebt und nun haßte bis in den Tod, die da ruhig schlief, — während — Unbewußt, mechanisch auch unterdrückte er das Stöhnen, das ihm diesen Gedanken auf die Lippen trieb. Die arme, kleine Frau hielt nur die Lider geschlossen. IN Wahrheit war sie von Schlaf und Ruhe weit entfern!!'. Ihre Augen Augen blinzelten durch die Wimpern nach dem Gatten hin, sie folgten jeder seiner Bewegungen. Ach, am liebsten wäre das arme, noch so haltlose, wie impulsive Frauchen schon wieder gut gewesen! Doch er hatte sie zu schwer, zu fürchterlich gekränkt, er mußte zu ihr komMen. Er kam aber nicht, sondern schritt ohne Wort und Muß, wie er gekommen', wieder hinaus. Es war ein Glück, daß Sophiemit dem Frühstück auf den Herrn wartete.
Der Herr Leutnant und die gnädige Fran hatten sich wieder „gehabt", hatte Klaus Sophien gemeldet, als er gestern das Mendbrot unberührt wieder zurück in die Küche beförderte. Wer feste mußte es gewesen sein, meinte der ehrliche Kerl dabei. Der Herr Leutnant waren überhaupt nicht herübergekoMinen und Hatten ein Gesicht ausgesetzt. Na — Klaus dankte seinem Schöpfer, daß er nicht Rekrute war morgen früh. Aber auch die Gnädige hatten keinen Appetit gehabt. Der Herr Leutnant und die gnädige Frau „hatten" sich nun Manchmal, gingen dann immer wieder ganz freundlich und vergnügt in die Gesellschaft. Me Getreuen draußen sorgten sich auch diesmal weiter nicht darum, umsomehr, als für Klaus und seinen nie aussetzenden Appetit solch ein unberührtes Mendbrot ja nur angenehme Folgen mit sich brachte.
Sophie war von Natur splendid gegen junge Männer, und es war ja auch nur wirtschaftlich, daß man die Koteletten bei der Wärme nicht verderben, den neuen Spargel
nicht hart und trocken werden ließ. Und' nur, weil der Herr Leutnant gestern abend nichts gegessen, die gnädige Frau überhaupt morgens nicht so früh herauskam, blieb diesmal Sophie neben dem Frühstück halten, — stand sie, einzig aus Sorge für den Herrn, auf der Lauer. Und diesmal war es gut, denn nur weil Sophie darauf bestand, schluckte der Leutnant eine Tasse Kaffee und ein Brötchen hinunter. Dann verließ er das Haus.
Wie Feuer brannte es in seinem Kopf, in seinem Herzen. Wie Mer lag es ihm in den Gliedern; wenn er nur seinem Rittmeister nie wieder zu begegnen brauchte oder nicht früher, als bis ihm der mit der jeden Schimpf rächenden Waffe in der Hand entgegentrat — und alles zu .Ende war. Er selbst schoß natürlich in die Luft. Glücklicherweise war der Rittmeister nicht zur Stelle, auch 'von den anderen Kameraden niemand. Das Reiten in der Bahn war vorüber. Wäre Klaus „Rekrute" gewesen, er hätte heute nichts zu fürchten gehabt, so milde ging sein Leutnant vor. Ihm schien es, als ritten die Leute besser denn je — und als ob die blauen Jungen ganz besonders an ihm hingen! Einen Moment, wie abwesend, stand dann Harro auf dem weiten Platz. Die Sonne brannte ihm auf Kopf und Schulter, er merkte es nicht. Die Leute scharrten die festgetretene Lohe wieder locker, er achtete nicht darauf. Seine Seele war voll Grauen vor feinem 5 r : — vor der nächsten Stunde.
(Fortsetzung folgt.)
Auf dem Wkarsch-.
Szenen vom Kriegsschauplatz von Kurt Lagermann.
...'.. Wir hörten, daß wir heute nach dem Jangtse- ling, einem Passe westlich vom Motien-Paß, vorrücken sollten, um diesen zu nehmen und dadurch die Russen' zum Abzüge vom Motien-Passe zu zwingen. Der Tag versprach demnach recht interessant zu werden. Immerhin waren wir noch etwa acht Stunden von dort entfernt. Inzwischen war das Lager abgebrochen worden. Die Zelte, die Matten und Teppiche, Kessel und dasjenige Material, was der Soldat nicht direkt zum Kampfe gebraucht, waren auf die Lasttiere gepackt, dann wurde angetreten. ®ie) Hörner geben einzelne Signale, Kommandorufe und die Sektionen marschieren ab, wie sie gerade standen, bis sie auf der Straße, welche den Berg vor pns hinan führte, in die gewünschte Formation hineinpaßten. Ich war noch eine zeitlang zurückgeblieben, ujm zu sehen, was noch im Lager geschehen würde. Erst jetzt bemerkte ich, wie groß die Zahl der Frauen war, welche im Troß den Kolonnen folgten. Die Frauen haben die Küche zu erledigen undl sich der Verwundeten anzunehmen. Jedes Regiment hatte eine bestimmte Anzahl bei sich, die auf Maultierkarren dem Zuge folgten. Andererseits aber wunderte es mich, daß die Chinesen, welche ich am Tage vorher in so großer Zahl im Lager gesehen hatte, ganz verschwunden schienen, bis auf einzelne, welche sich über die Ueberreste von Lagerstroy und Heu hermachten, wahrscheinlich in der Absicht, dieses den uns folgenden Kolonnen aufs neue gegen Bezahlung abzulassen. Diese Chinesen machen nämlich "mit ihren Armeelieferrmgen geradezu glänzende Geschäfte, indem sie dieselbe Lieferung fünf- bis sechsmal verschachern. Auf meine Erkundigung erfuhr ich indessen, daß die Chinesen, die ich vermißte, tn japanischen Diensten stehende Spione seien, welche der Armee vorauszögen und glänzend bezahlt wurden. Der chinesische Spion scheint dem Russen weniger verdächtig, die Japaner verfahren daher folgendermaßen: Die Chinesen marschieren in weitem Halbkreise dem Regiment voran und suchen das Terrain mit allen Einschnitten, Geländefalten, Gebüschen und Wäldchen sorgfältig ab. Sie tun das umso aufmerksamer, als die Japaner mit ihren Spionen nicht viel Federlesens machen, sondern sie einfach niederschießen, wenn etwas in ihrem Bericht unsicher scheint. Den Chinesen folgen die japanischen Streifpatrouillen, aus etwa acht Mann bestehend, die zur Hälfte beritten sind. Die Berittenen vermitteln zwischen den 'Infanteristen und den Chinesen und die Infanteristen ihrerseits schaffen etwaige Mitteilungen von der Front an die vorgeschobenen Trupps der Hauptabteilung weiter. Das Spionagesystem, dessen sich der Japaner schon während des Friedens so meisterhaft bediente, wird also auch jetzt vorzüglich gehandhabt. Plötzlich hörte ich hinter mir Signale und bemerkte, daß aus dem Gebüsch hinter mir, das


