Ausgabe 
31.10.1904
 
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Re mußte ja wissen, wie das' weiter gehen sollte. Nnd sie sielt den Mies fest, fest auch die flammenden Augen auf ihn gerichtet, ob auch die Tränen mehr denn einmal ihren vlick verdunkelten.Die seinen Spitzen Deines blonden hartes!" Atzt schluchzte sie bitterlich;tote ich es so gern tue", fuhr sie endlich wieder fort.Dann wirst Dur alle trüben Philosophien, alles Grübeln, Deine Skrupeln ver- lessen und nur dem Augenblick leben und seinem Glück. Kch denke, daß mein Mief morgen tnrgefähr mit mir zu­gleich in Kaltenburg eintrisst. Du ivirst am andern Morgen- venu Tn reitest, erfahren, daß Frau von Greditz wieder gügekommen ist und Dich, als aufmerksamer Leutnant, To fort nach dem Befinden Deiner Frau Rittmeister erkun­digen?! Achi wenn sie es wüßten aber sie wissen rs ja nicht. Nun bis dahin, good bye Jours for ever E."

Weiter trug der Mief keine Unterschrift. Dessen bedurfte rs auch für Jutta nicht. Sie war außer sich. Sie weinte, rang die Hände, sie schalt, sie zitterte vor Zorn und ;Ber- siveifkmig, sie war haltlos, fassungslos, außer sich. Da, gleich einem Blitz durchzuckte ein wenig glücklicher Gedanke ihr armes, gequältes Hirn. Und gewohnt, jedem Impuls zu folgen, steckte sie die Blätter ohne jedes Nachdenken in einen Umschlag, legte ihre Karte bei, schrieb die Adresse: .Kerrn Rittmeister v. Greditzfi und beorderte den Burschen, den Mies in den Briefkasten zu tragen.

16. Kapitel.

Tas Mittag-, richtiger Wendessen jn der Billa Ellinor war beendigt. Frau Ellinor war ein Stündchen früher ein- getrossen, gerade noch Zeitig genug, um sich dafür noch etwas W erfrischen und zu toilettieren. Dann hatte sie während des Essens sehr liebenswürdig und anregend über ihren Dresdener Aufenthalt berichtet, daß dem Rittmeister wieder einmal seine Ehe, trotz alledem, in versöhntem Lichte erscheinen mochte. Jetzt traten beide Gatten auf die sVeranda, die sich gegen Westen hin öffnend- um die Billa ! hier das Speisezimmer und das Zimmer des Hausherrn hinzog. Gewöhnlich verbrachte man in der guten Jahres­zeit die Abende hier. Eine Chaiselongue, ein kleines Sofa, Tische und Stühle verschiedener Art standen gruppenweise Verteilt in dem weiten, lustigen und zugleich geschützten Raume umher. Ellinor wählte die Chaisolongue und nahm Prevosts Roman Demi-Vierge zur Hand, der noch hier auf dem weißen Bärenfell lag, so wie ihn die weltgewandte Frau vor acht Tagen aus der Hand gelegt hatte. Der Ritt- Meister steckte sich eine Zigarre an, trat an den Tisch an der Mgenüebr liegenden Seite, Ivo der Diener die Wend- blätter und eine noch etwa einlaufende Post für seinen Herrn bereit zu halten pflegte. Da zwischen den Zeitungen, so merkte Hans Joachim jetzt, hatte sich ein Brief verirrt. Seine Hand griff danach und öffnete ihn sein Gesicht färbte sich plötzlich dunkel, eine Falte grub sich tief, immer tiefer ein in seine Sttrn.

Gewiß! Rittmeister v. Greditz hatte seine Frau Nie geliebt, es würde ihm nicht eingefallen sein, Zärtlichkeiten und Liebe von ihr zu.verlangen. Wer sie war seine Frau, und als solche sollte sie sein Recht und seine Ehre respek­tieren. Er kannte ihre Tricks, er amüsierte sich über ihre kleinen Koketterien. Was er aber hier las das hatte er Nicht erwartet, nicht für Möglich gehalten. Seinen Offizier, den Ur au, den aber hatte er wirklich gern gehabt! Alles, was an Kavalierehre in ihm lebte, ivas an Mannesehre und besserem Empfinden in ihm lebendig geblieben, trotz dem schmählichen Handel seiner Ehe: es rebellierte gegen diesen Streich. Mit wuchtigen Schritten trat er an seine Frau heran, hielt ihr das Schreiben vor das Gesicht.---

Und das, ja, das war fatal sehr fatal unerwartet fatal, ungeheuerlich fatal!

Tie weltgewandte Frau war überrascht, peinlich über­rascht, gräßlich überrascht, erkannt. Eine fahle Farbe, bei­nahe oliv, breitete sich über die blassen Züge. Ellinor zitterte, ihre Zähne schlugen scharf und sttrz aufeinander. ,^Was nun?" keuchte, sie endlich, hob mühsam das Haupt, gleich einem Versuch, sich dem Gatten gegenüber zu be­haupten.Du kennst ja den code." Hans Joachim schritt in fein Zimmer. Nach wenigen Sekunden kam er, eine ge­ladene Pistole in der Hand, wieder heraus. Schreiend wich Ellinor zurück. Er sah sie an und lächelte.

,/Siehst Du das Bukett Syringen dort in der Spitze des Baumes?" Er hielt die Waffe hoch.Um Gottes willen. Nicht schießen, hier" Wieder lächelte er nur:Unbesorgt!

Ich treffe" Der Hahn knackte unter seinen Fit«gern. Ein Knall, ein Wölkchen blauer Dampf, die Syringen waren in alle Winde zerstreut.Ich fürchte mich vor Dir!" Ellinor strickte in die Kniee.Und ichDer Rittmeister voll­endete nicht, was ihm auf der Zunge lag. Er schüttelte den Kopf und wandte sich fort. Ellinor schlug die Hände vor das Gesicht. Zum ersten Male in ihrem Leben war sie fassungslos. Es mochte annähernd die Stunde fein, daß. sich Harro wieder zu Hause einstellte.

Ellinor war, wie bekannt, nach Dresden gefahren- um tadellos, tote immer, die Einladung und Anwesenheit der. kleinen verhaßten Pute in Berlin unmöglich In machen. Denn daß sie selbst nun von Dresden aus zu dem Rennen fahren wollte, war bei ihr sofort beschlossene Sache gewesen. Nachdem Harro die erste Täuschung überwunden hatte, hatte er jedoch die so veränderte Lage der Dinge im ganzen, tote bekannt, als eine Erleichterung empfunden. Ja, er war sogar ärgerlich, zornig geworden, als ihm später trotz­dem seines Rittmeisters und ^Freundes Frau ihre Ankunft in Mrlin meldete. Wer im Stich lassen konnte er sie nun doch nicht. Dann, ja dann freilich war, dank ihrer Meister­schaft in der Kunst, einen Mann zu bezaubern, all seine Leidenschaft wieder lebendig geworden. Er hatte in seinem entzückenden Rausche voll Verzweiflung über alles-. Mas ihn bedrückte, gemeint, daß sie nunmehr einander lieber offen und ehrlich, vor den Augen aller Welt, gehören wollten, ober Den Schluß hier das Voneinanderlassen hatte ihm jedoch Frau Ellinor einfach von den Lippen geküßt, ebensowenig aber auch von dem anderen etwas wissen wollen. Biel hatten sie dann nicht voneinander ge­habt. Bei dem Rennen hatte Harro die geliebte Frau nur einmal auf wenige Minuten ganz flüchtig begrüßen kötinen. Die Stunden, für welche er sich endlich frei gemacht, waren ihnen , durch die Dazwischenkunft des Grafen Mockendorf gekürzt. Dieser hatte, tote bekannt, Leutnant v. Ur au hinter den Fenstern des Cafe Bauer erblickt, und ihn sofort ver­ständigt, daß er auch hereinkommen würde, worauf sich Ellinor, die etwas Mehr im Hintergründe saß und nicht von dem Grasen bemerkt worden war, schleunigst durch eine andere Tür, als durch welche der Graf eintreten mußte, entfernte.

Ter Graf hatte dann Harro nicht wieder losgelassen; Harro auch, vielleicht infolge seines schlechten Gewissens, um nicht etwa irgend einem Argwohn Tor und Tür zu öffnen, dem Freunde stand geh alten. Damit jedoch war der schöne, lange Wend, den man zusammen hatte verbringen wollen, ins Wasser gefallen. AM anderen Morgen in der "Frühe mußte Harro mit dem Rittmeister nach Kaltenburg zurück. Erregt und nervös von alledem, war er zu Hause angelangt. Erregt und nervös war er in dem Zusammen­leben mit seiner Frau geblieben. Erregt und nervös hatte er auf einen Mief gewartet. Denn:Ich werde schreiben", hatte Ellinor beim Abschied noch schnell ihm zugeflüstert. Unddie gnädige Frau waren noch nicht wieder da", hatte gestern der Bescheid des Dieners geklungen, auf seine Frage nach dem Befinden der Frau Rittmeisterin. Erregt und nervös war auch Harro eben in den Anlagen von Kalten­burg herumgelaufen. Unbewußt schlug er endlich Mit den sich längenden Schatten den Weg nach "Hause wieder ein. Da, auf der Straße, begegnete er dem Träger der letzten Post.Etwas a;n mich?" fragte Harro den Mann. Der machte ein verneinendes Zeichen. Dann aber, ein ehemaliger Soldat seines Zuges, .trat er an ihn heran und erklärte mit einem breiten Lächeln für seinen einstigen Offizier:Vor­hin habe ich einen Mief an den Herrn Leutnant gehabt."

Und nun war Harro.dahingestürmt, die Treppen hinauf, ip fein Zimmer. Aus dem Schreibtisch, wo für gewöhnlich alle fpeziell an ihn gerichteten Sendungen hingelegt werden sollten, war yichts zu sehen. Eine instinktive Angst be­mächtigte sich des jungen Offiziers allzu ordentlich ging es nicht bei ihnen her. Er suchte also aufs neue, legte alle' Papiere auseinander. Da plötzlich regte sich etwas hinter ihm. Er fuhr zusammen.Suita!" rief er. erschrocken. Der Ton, das Suchen ckber hatte die arme kleine Frau, die den Gatten hatte kommen hören, und ihm aus dem Fuße gefolgt war, noch einmal empfindlicher in das Herz getroffen.Du suchst vergeblich", klang es jetzt höhnisch aus dem sonst so jugendfrohen Mund.Es war etwas an mich tia?" Flammende Röte trat in seine Stirn; b:ie Stimme klang heiser. Undja", entgegnete nun die kleine Frau, nicht ohne eine gewisse Pathetik: