1904.
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Aus Lieös.
Roman von M. v. Eschstruth!.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Draußen ging die Schelte. Die Post hatte sich verspätet. Der Bursche trat ein, auf silbernem Teller zwei Briefe, einen an den Herrn Leutnant, den anderen an die gnädige Frau. Ter Trief an die gnädige Frau enthielt die Anzeige eines neugegründeten Modewarengeschäfts, die unter den Verhältnissen keine Würdigung fand. Der Mief an den Herrn Leutnant —■ der Umschlag zeigte ganz gewöhnlich minderwertiges Papier. Doch dem Papier entströmte ein allerdings abgeschwächter,*doch immer noch bemerklicher kostbarer Duft. Jutta beugte das feine Näschen darüber, die zarten Nasenflügel vibrierten. „Lotos", murmelte die arme kleine Frau. Es war das Parfüm von Ellinor von Greditz. Nun hielt sie den Mief gegen das Licht. Eine Krone als Monogramm schimmerte dunkel durch den strohgelben Umschlag — und im Moment war der zerrissen. Ein paar lichtgraue Blätter, bedruckt^ mit dem Wappen der Familie von Greditz, fielen Jutta in den Schoß. Hotel Bellevue, Dresden, stand an dem oberen Rande des ersten. Dicht darunter begann das Schreiben. Und „Liebster", las hier die arme kleine Frau mit großen, starr neugierigen Augen. „Liebster! Endlich komme ich dazu. Dir zu berichten, daß ich' von meinem trip to town wohlbehalten hier angelangt bin. Immer kam etwas dazwischen, dann wollte ich auch meinen Mief selber postieren. Vorsicht ist die Mutter der Weisheit, und Vorsicht heißt es für uns! Lieber Liebster. IN, wir hatten Pech und doch noch Glück! Denn wenn der gute Graf, als er Dich durch die Scheiben des Gass Bauer erkannte, auch strich mit erkannt hätte —" „Also war sie doch in Berlin —" Das Papier zitterte in Juttas Hand. „Der Mief ist von ihr!" stöhnte sie.
Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen, doch nun erst recht, mit fliegendem Atem las sie weiter: „Denken wir den Fall lieber nicht aus. So konnte ich noch eiligst flüchtens wober ich mir den Knöchel allerdings etwas verstaucht habe. This naughty bone ist nun wieder all right, während das andere — Schade, schade uw die schönen Stunden, für welche Du Dich für mich frei gemacht hattest —" „Unerhört! Empörend!" Jutta griff sich an die Stirn. Dann flogen ihre Blicke wieder über das dicke, graue Papier. „Aber Nett, daß ich doch wenigstens bei dem Rennen war und Dich gesehen habe in glory and triumph." „O", seufzte Jutta unbewußt. Wie gern hätte sie selbst den Gatten einmal bewundert. „Netter wäre es ja freilich gewesen/ ich hätte mich nicht inkognito durchzuschlagen brauchen. Doch mein trip to Dresden. — Es war ja das "einzige Mittel, der kleinen Pute zu entgehen, für die mein Mann sich nun einmal begeistert hatte." Ahnungslos las Jutta diese Worte, Heren Verständnis ihr darum unklar blieb, und dann weiter-:
,/Nun, solch ein Inkognito hat auch seinen charm. Und eN hätte entzückend werden können, hätten wir nicht das Pech mit dem Grafen gehabt. Ja Lieber, Liebster — ich sehet es ja ein, es war auch "Pech, daß wir einander nicht früher begegnet sind, daß wir einander nicht geheiratet habend ,Much noch!" Jutta glühte wie im Fieber, und wie ün| Fieber irrten ihre Blicke jetzt über die Buchstaben hin. „Nun aber — Well, wir sind beide nicht geschaffen, Zaungäste bei den entestainments of life abzugeben. Ein Ofst- zier aber und die geschiedene Frau seines Kameraden! spielen eine schlechte Rolle hier, sind einfach unmöglich.. Darum gibt es für uns kein Entweder-oder mehr. Es kann hier nur heißen corriger la fortune, klug sein, daß niemand das Manko unseres Lebens merkt, dem Schicksal ein Schwippchen schlagen, alle Hindernisse nehmen, gleich einem edlen Pferd, z. B. wie der Komstrandeur unter feinem Herrenreiter.
Tie denkenden Menschen sind nicht die handelnden, sagt, glaub' ich, mal Euer Goethe irgendwo. Doch ich weiß es nicht genau. Eins aber weiß ich bestimmt': Die Entbehrenden beginnen am Glücke zu nörgeln; die Hungernden fangen an zu grübeln. Ich habe Dich etwas kurz, zu kurz gehalten in der ganzen Zeit. Darling, es ging ja aber nicht anders — darum bist Du zu so törichten Skrupeln gekommen. Bah— sieh' doch nur die Tinge, wie sie sind. Hans Joachim ist durchaus zufrieden mit meinen Revenüen. Er hat nie etwas anderes erstrebt- Deine Kleine Frau — Euere Frauen verlangen ja doch in erster Linie nur nach dem Manne in fait. Sie sind zufrieden mit seinen: garantierten Besitz und der Verbriefung ihrer gesellschaftlichen Stellung., Und da denke ich, Deine kleine Pute kann ganz zufrieden sein, daß sie solch einen Treffer mit Dir gemacht —'1 Das war deutlich. Jutta wußte nun, wem die kleine Pute galt. Sie bebte vom Wirbel bis zur Zehe, das Papier flog aus ihrer Hand in die Ecke. Doch sie mußte jetzt erst recht wissen, was diese Person ihrem Gatten weiter zu schreiben! wagte. Wider Willen, und doch von einer unwiderstehlichen Macht gerieben, nahm- sie den Mtief wieder auf. „Deine kleine Pute kann ganz zufrieden fein, daß sie solch' einen einen Treffer mit Tur gemacht hat; den schönsten und vornehmsten «Offizier im Regiment ihren Gatten nennt", las sie nun mit der Ruhe der Verzweiflung noch einmal weiter. „Du aber bist von anderer Art und Du gehörst mir. Und darum soll es anders werden zwischen uns. Ich werde einen Ort finden, wo wir uns sehen können ohne den Klimbim von Gesellschaft, und Konvention. Da will ich Deinen Kopf in meine Hände nehmen und ihn fest an meine Brust drücken, daß er nicht rebellieren kann. Daj will ich sie küssen, Deine hübschen, ehrlichen AUgen, Deinest ftischen Mund, die seinen Spitzen Deines blonden Bartes^ wie ich es einst getan. Weißt Du noch —"
,F8erräter!" schrie Jutta auf. Und der Wies, an dem fie in Atemloser Spannung gelesen, wäre um ein Haar Anrissen worden. Doch abermals MexkaM.es die AermüL


