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F-rau von Höchstfeld griff sofort nach dem Portemonnaie und wollte schon in die ihr entgegengestreckten schmierigen Hände all ihr vorrätiges Kleingeld gleiten lassen, als es der Major, zu der Zigeunerinnen unangenehmer Enttäusch^- ung, verhinderte.
„Nein, liebe Eveline", sagte er, „nicht durch Geld können wir an ihnen gutmachen, was die Schlechtigkeit der Menschen an ihnen verbrochen haben, sondern durch 'liebevolle nachsichtige Behandlung und durch ein allmähliches Hinausheben ihres Ichbewußtseinsund nicht wahr, liebes Weib, Du wirst mich darin unterstützen?"
Sie glaubte nicht anders, als daß es bei ihm nicht recht stimme, und sah ihn ganz entsetzt an.
„Aber, lieber Erwrn", wagte sie endlich zaghaft zu widersprechen, „Du denkst doch nicht im Ernst daran, dieses hergelaufene Volk länger bei uns zu dulden?"
Seine ohnedies nur schwer bewahrte Ruhe verließ chn sofort wieder, und mit einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, bestimmte er:
„Sie werden nicht nur länger, sondern dauernd bei uns bleiben!"
„Erwin!"
„Jawohl, dauernd! Diese Rächt hat mich ihnen unzertrennlich verbunden — wenn sie nicht gewesen wären, würden mir die Fünfundzwanzig wahrscheinlich nicht erst versprochen worden fein, sondern. . ."
„Großer Gott, Du redest ja irre!" schrie sie erschrocken auf und sich an ihn klammernd, suchte sie ihn mit sich ins Haus zu zerren, nm dem neugierig umhergaffenden Hofgesinde nicht länger ein solch trauriges Schauspiel zu bieten.
Er aber machte sich mit einem Ruck von ihr los, und nervös an seinem Schnurrbart kauend, wütete er:
„Es wäre kein Wunder, wenn ich diese Nacht verrückt geworden wäre — nur ihr noch viel größeres Elend richtete mich in der mir angetanen Schmach auf! Sie bleiben daher fortan bei uns — laß ihnen ein Bad Herrichten und gib ihnen von Deinen abgelegten Kleidern. Sie verdienen Deine Liebe; ihnen, nur chnen hast Tu es zu danken, wenn ich mich diese Nacht nicht aus Wut und Verzweiflung erhängte."
Fassungslos starrte Frau von Höchstfeld bald ihren Mann, bald die beiden, sich in ersterbender Demut windenden und unverständliche Segenswünsche murmelnden Weiber an. Erna, die sich nicht so leicht eine komische Situation entgehen ließ, zupfte den Vater am Rockärmel und fragte mit scheinbar ernster Miene:
„Sollen Sie vielleicht auch mit uns bei Tische essen?"
Ein wohlgezieltes Kopfstück war die treffende Antwort, und ohne erst eine noch deutlichere Erklärung abzuwarten, brachte sich Erna schleunigst in Sicherheit.
(Fortsetzung folgt.)
Au Kßmannsyaufen in der „Krone".
Ein Sommerbildchen von Erich 93 a er.
Wie das duftet! Vor mir jm Kelche der rubinrote „Aßrnanns- hänser", über mir leicht rankendes Geisblatt und üppige Gly- ciniendolden.
So tief und verlangend neigen sich die Blüten herab, als ob sie sich auch nach dem feinen Tropfen vor mir sehnten.
Ist das ein Traumwinkel, die Veranda der „Krone"! Tas trieft förmlich von Poesie und Stimmung. Ein tiefer Schluck des edlen, roten Blutes —• und noch einer — und noch einer — ad infittituin.
. Und nun wieder ein Ausruhen, ein wunschloses, ein Sich- feftfaußen an dem Wasser, .das draußen vorüberrauscht, Welle auf Welle, und doch nichts Eintöniges hat. „Das Wasser ist die kurzweiligste Eintönigkeit in der ganzen Schöpfung". Wer sagt
■ ■ Wahrhaftig, ich selbst. Also so weit bin ich schon! Ich steuere Aphorismen zu. .Auch nicht Übel.
Ob der Steuermann dort drüben, der so sicher fein Rad dreht, auch etwas weiß von Geistreicheleien?
Welch ein Anblick, solch ein Rheinschiff! Alles an ihm lebt und nicht zum wenigsten die tücherschwingende, Grüße winkende JJeenge. .xS'u? wette, die fahren dem Glück entgegen, besonders' das rothaarige, katzenängige Persönchen aus dem Vorderdeck. „Gruß mir Demen schätz!" Hab ichs ihr hmübergernfen, ober sie es nur?!
Mein Schatz ist bei mir. Er funkelt mich an, und warm macht er mir auch, .ach, so »vohlig warm.
Warum die Sonne nur so verschmitzt zu mir hereinlächelt? »Aus Euer Wohl, sehr verehrte Frau und Gönnerin! Ihr habt nnen Nebenbuhler, so leid es mir tut, es Euch sagen zu müssen.
Der macht auch warm und ftoh und selig so recht von innen heraus. Wer laßts Euch nicht verdrießen. Das Menschlein kann gar nicht genug Sonne haben. Ueberflüssig seid Ihr deshalb noch lange nicht."
Schon wieder zieht ein stolzer Dampfer seine Furchen. Und wieder hebt das Grüßen an, herüber, hinüber. Jetzt naht ein Schlepper. Die niederländische Flagge weht, und der Schiffs- Hund läuft behend vom Bug zum Heck. Er hütet seine Schätze, wie Zwerg Alberich tief unten auf dem Grunde sein gleißendes Gold.
Welch ein Nibelungenhort zieht Jahr aus, Jahr ein über den Strom der Meere zu, vom Meere kommend! Mir schwindelt ob solcher Lebensfülle. .Oder sind die geleerten Flaschen vor mir daran schuld?
„Frau Wirtin, noch eine, aber bringt mir auch Gesellschaft imt! Ah, endlich, .Herr Freiligrath. Vor einer Stunde war ich droben auf Ihrem Zimmer, traf Sie aber nicht zu Hause. Ein herrlich Stübchen, wahrhaftig. Prost! „Was wir lieben!" „O lieb, so lang du lieben kannst."
„Ganz Ihrer Ansicht, mein Bester. Aber Liebchens Namen möchten Sie wohl gern wissen?!" „Wo still ein Herz von Liebe glüht, o rühre, rühre nicht daran!"
,Lsts möglich Herr v. Gei bei? Welche Ehre!"
„Rheinwein her, das Herz zu wärmen. Wann ich trinke, will' ich schwärmen. Nur auf deutschen Rebenhügeln wächst die Kraft zu Seelenslügeln."
„Bravo, Herr Dr. Jordan, mir ganz ans der Seele gesprochen." „An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein, mein Sohn, ich rate Dir gut!" „Wer, mein bester Herr Prof. Simrock, sagen Sie das ja nicht weiter, denn es hilft doch nichts."
„Die Weise guter Zecher ist in früh und spater Stunde, daß alter Wein im Becher ist und neuer Witz im Munde." Wahrlich, echt Bodenstedtsche Weisheit. Auf Ihr ganz Spezielles, lieber Dichter!"
„Sieh da, Otto Rogue11e Emil Rittershaus, .Rudolf B a u m b a ch, Julins R o d e n b e r g; ich grüße Euch, Ihr wackern Kämpen! Hört, was Freund Scherenberg uns zu sagen hat." „Jm Lenzschnee leuchtet rings der Rhein. Welch Blühen nüd Duften schon! Doch schönste Blumen schlürft im Wein allhier ich in der Kron!" Damit sind wir wohl alle einverstanden, auch der Doktor Josephus v. Scheffel, hoff ich.
„Ihren Oberrhein in Ehren, mein Bester, aber hier ist es noch besser sein." Herr Laufs Hans v. Zobeltitz, Ihr schmunzelt zustimmend. Gottfried Keller, Du Großer, wie schaust Du mild und sinnend auf den Grund Dines Römers. Sogar Dir. Peter Rosegger, duslet aus dem „Aßm u-shäufer" „Erdsegen" entgegen. Nur so ganz anders ist er, als ihn ' „Waldheimat" Dir Beut.
„Jetzt schlägt Julius Wolfs ans Glas, anS gefüllte" Aller Kräfte ernstes Wollen, Kein Ermatten, kein Verdrießen.
Freudig schaffen aus dem Vollen, . Aus dem Vollen auch genießen!
Hell klingen die Gläser. Jetzt die Nagelprobe, llnd in weitem Bogen fliegen sie an das Rheinufer. Das ist alt. Zecher, weise. „Du schöner Rhein, wir grüßen Dich!"
Klirrend sinken sie^ nieder zum heiligen deutschen Boden.
Was war das?! „Sie verzechen, mein Herr, dieser ungeschickte Pieeolo!" So spricht neben mir entschuldigend der Oberkellner. Auf dem Boden mir zu Füßen liegt es wie eine Blutlache, in der sich zerbrochene Flaschen und Gläser vom Nachbartische baden. Ich reibe mir die Augen. .Wahrhaftig, ich sitze allein, Und hier saß doch Geibel, dort in der Ecke Badenstedt, gegenüber Scheffel?! Zum Kuckuck, wie komme ich zu all den Poeten, zu all den Sprüche« und Versen! Ich greife mir an die heiße Stirn. Ah, jetzt däm- merts mir. Droben in Freiligraths ehemaligem, traulichem Stübchen »vor es, wo ich vor ein paar Stunden ihre Namen und Autogramme las, denn als Zunstgenofse des Dichters versäumte keiner, .der zum Rhein kam, im Dichterheim vorzusprechen.
Also geträumt war es wirr, dies alles! Schade, schade. So gute Gesellschaft trifft man, weiß der Himmel, selten. „Deutsche Schwärmer", zischelt es neben mir. War es nicht Heinrich Heine, der große Zyniker und der große Lyriker?
Mir zur Seite rauscht der Stern, die Mondsichel steigt langsam im Osten und rubinrot funkelt im Glase der „Aßmanns- häuser".
Wand 2 der HefstsHen Malter für Wokkskunde (Jahrgang 1903)
liegt uns zur Besprechung vor. Drei stattliche Hefte bilden ihn, und man staunt billig Über den niedrigen Preis, zu dem er den Mitgliedern der hessischen Bereinigung für Volkskunde dar- geboten wird. Für 1 Mark Jahresbeitrag (Minimum) werden alle 3 Hefte jedem Mitgliede zugestellt. Ein solch geringer Preis ist nur dank der großen, über 1000 betragenden Zahl der Mitglieder möglich; aber wir fllrchten, daß auch so, wenn einzelne nicht mehr gäben und Staat, Kreise und "Städte beitrügen, die Herstellungskosten allein nicht gedeckt wären.


