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Erich stand vor einem Rätsel und suchte vergebens aus dem wie verrückt Hin- und Herrennenden eine Antwort herauszubekommen.
„Wenn sie mich mystifiziert haben, drehe ich ihnen den Hals um!" schrie indes der Graf ein um das andere Mal, „diese Hunde, diese Schurken, diese elenden ..." — er brach jäh ab und wandte sich dem in der Tür erscheinenden Waldhüter zu.
„Wen hast Du gestern arretiert?" fuhr er ihn an'.
Stevo, der sich seinen Plan längst zurechtgelegt hatte, antwortete mit scheinheiliger Unterwürfigkeit.
„Du weißt es ja, Herr, solch einen städttschen Strolch, Der Deine Fasanen abschießen wollte."
Der Graf packte ihn bei den Schultern, und ihn wie wahnsinnig hin- und herschüttelnd, inguirierte er:
„Und Du Hund wußtest nicht, daß es Herr von Höchstfeld aus Dolina war?"
Der Bauer ließ sich alles ruhig gefallen und entgegnete Mit dem einfältigsten Gesicht von der Welt:
„Eh, das glaubt doch Euer gräfliche Gnaden selbst nicht — so ein feiner Herr wird sich doch nicht aufs Wildern verlegen!" '
//Führe mir den Arrestanten sofort vor", herrschte ihn Stepenaz an, „oder nein", hielt er ihn im selben Augenblick zurück, „ich werde gleich selbst hinabgehen" — und zu Erich gewandt, der mittlerweile den ganzen niederträchtigen Sachverhalt erraten hatte, sagte er: „Diese Schurken haben mir und Ihrem Herrn Vater einen fürchterlichen Possen gespielt, aber verlassen Sie sich'darauf, ich weroe strenges Gericht halten, und wenn es an Hals und Kragen gehen sollte! — Mtte, kommen Sie jetzt mit."
Er nahm sich nicht einmal soviel Zeit, einen Hut aufzusetzen, sondern stürmte, mit großen Schritten Erich vor- miseilend, nach dem Gemeindehaus.
Als Stevo zitternd und bebend die Stalltür öffnete, bot sich ihnen ein seltsames, fast unglaubliches Bild.
Auf der Holzbank, zwischen den beiden Zigeunerweibern, saß der Major und ließ sich von ihnen ihre Leidensgeschichte erzählen.
Den Grafen erblickend, erhob er sich und maß ihn von oben bis unten mit verächtlichem Blick.
Da trat Eriche vor.
»Vater, wir suchten Dich schon die ganze Nacht. .
»Halt", gebot er ihm, „erst hat dieser Herr zu sprechen."
„Glauben Sie mir, Herr von Höchstfeld, ich bin aus das tiefste empört. Sie in einer solch beleidigenden Situation zu sehen", versicherte Stepenaz mit ehrlicher Entrüstung, und ihm die Hand entgegenstreckend, bat er: „Kommen Sie nur erst heraus, damit wir gemeinschaftlich beraten, wie. . ."
„Sie scheinen vergessen zu haben, daß Sie mir für heute fünfundzwanzig Stockhiebe verspreche ließen", unterbrach ihn der Major mit nur schwer bewahrter äußerlicher Ruhe, „oder ist Ihnen und Ihrem Kompttzen plötzliche der Mut in die Hosentasche gesunken?"
Graf Stepenaz wußte sich gar nicht zu helfen.
„Du großer Gott", stammelte er völlig ratlos. „Sie können doch unmöglich glauben, daß mich an diesem unseligen Mißverständnis auch nur das allergeringste Verschulden trifft!"
„Wenn Papa erst gehört hat, welcher Jntrigue er zum Opfer gefallen ist, dann . ..."
„Ich kenne diese Jntrigue", unterbrach ihn der Major eifrig, „die Leute haben es in ihrer Dummheit ausgeplaudert. ,Jch könnte mich dafür bei dem Herrn Pfarrer bedanken', sagten sie/'
„Aber, liebster Herr von Höchstfeld, daß ist ja ein heilloser Irrtum", suchte ihn der Graf aufzukläreu, „wir dachten doch. . ."
„Pardon", unterbrach ihn dieser schneidend, „für Sie bin ich kein ,liebster Herr von Höchstfeld', sondern der Major von Höchstfeld; das weitere werden Sie übrigens von meinen Zeugen erfahren. Und nun erlauben Sie uns wohl, zu gehen?"
Mit Stepenaz' Geduld, der gewiß war, alles getan zu haben, um seine Unschjuld darzutun, war es auch zu Ende, und so machte er ihm, ohne ein weiteres Wort zu verlierens höflich Platz. Und auch Erich, überzeugt, daß dem Vater jetzt, in seiner nur allzu begreiflichen Erregung, doch nicht Mit Venmnftgründen beizukommen war, hielt es für an- gezeigter, flir den Moment m schweigen.
„Kommt", wandte sich, indes Herr von Höchstfeld zu den beiden Zigeunerinnen und, Erichs verwunderten Blick gewahrend, sagte er mit beißender Ironie: „Glaubst Du vielleicht, daß ich meine Leidensgefährtinnen im Stich lassen werde? Sie haben ihre fünfundzwanzig Hiebe ebenso unschuldig bekommen, als sie mir zugedacht waren — sie fahren mit uns und erhalten fortan von mir das Gnadenbrot."
Ohne eine weitere Einladung abzuwarten, kletterten die beiden Landstreicherinnen mit affenartiger Behendigkeit auf den Wagen und schnitten, zum Gaudium der hinter dem Zaun verborgenen Bauern, dem Grafen die widerlichsten Grimassen zu.
Erich berichtete unterwegs von Mamas schrecklicher Aufregung und von den Anstalten, die man zu seiner Auffindung getroffen hatte.
Grimmig vor sich hinstarrend, hörte der Major nur mit halbem Ohr zu. Ihn beschäftigte nur der eine Gedanke, wie er für diese unerhörte Schmach, die ihn für das ganze Leben lächerlich machen mußte, Rache nehmen sollte. Mit einer einfachen Forderung an den Grafen durfte es nicht abgetan sein — es mußte auf Leben und Tod gehen. Einer von ihnen war fortan zu viel auf der Welt, und daß seine Kugel ihr Ziel nicht verfehlen würde, dafür bürgte ihm seine sichere Hand.
Was sollte aber mit diesem Pfarrer, den fein Stand vor der wohlverdienten Züchtigung schützte, geschehen? Ihn, den eigentlichen Anstifter, der ihn noch obendrein in seiner Ohnmacht vor den Bauern verhöhnte, konnte er doch unmöglich frei ausgehen lassen!
Einen Augenblick dachte er daran, dem Bischof Anzeige zu erstatten, der wohl die sofortige Amtsenthebung veranlassen würde — im nächsten Moment verwarf er aber diesen zu sehr an Denunziation streifenden Ausweg.
Die Strafe der Amtsenthebung war auch viel zu gering für diese schamlose Erbärmlichkeit. Er mußte ihn tiefer treffen, derart, daß die ganze Welt feine bodenlos niedrige Scheinheiligkeit, feine abgründige Verworfenheit erkannte. Dann erst, wenn sich keine einzige Stimme mehr zu seinem Schutz und zu seiner Verteidigung erhob, war er vollkommen gerächt!
Als sie endlich am Hose anlangten, ivaukte ihm seine Frau ganz gebrochen entgegen.
„Erwin", hauchte sie, tapfer die e>,..ut hervorbrechenden Tränen unterdrückend, „wie konntest Du mir nur solch schreckliche Angst bereiten; ich Bin ja fast gestorben aus Sorge um Dich!"
„Dafür kannst Du Dich, Bei diesen verkappten Ehrenmännern — Bei dem Grafen und -Bei dem Pfarrer bedanken", fuhr er sie barsch an, dann aber tat sie ihm in ihrem Jammer doch leid, und ihr beruhigend über den Schettel streichend, sagte er: „Nun hast Du mich ja wieder und laß es gut sein — das weitere erfährst Tn später."
Sie wagte keine Frage mehr zu tun und drückte ihm nur, in der Freude des Wiedersehens, immer wieder die Hände. „Na ja, Alte, ich bin es ja, ich bin es ja", murmelt« er, gerührt von dieser unverfälschten, treuen Liebe, „wir zwei lassen nicht voneinander, und wenn die Welt untergeht."
„Nein, Erwin, nie!" hauchte sie selig, während ihr die Tränen von neuem über die Wangen rollten.
Erna, die daneben stand, kämpfte zwischen Rührung und Lachlust. Schließlich siegte aber doch die letztere und mit dem ausgestreckten Zeigefinger nach den beiden Zigeunerinnen deutend und dabei vor Vergnügen von einerst Fuß auf den anderen hüpfend, rief sie:
„So sieh doch nur, Mama, welch' appetitliche Gäste uns Papa mitgebracht hat — brrr, man könnte sich schütteln und nach 'Insektenpulver schreien."
IN ihrer Aufregung hatte Frau von Höchstfeld die seltsame Begleitung wirklich noch nicht bemerkt, und überrascht zu ihrem Gatten ausblickend, fragte sie:
„Wie kommst Du denn zu dieser Gesellschaft — willst Du vielleicht unseren Leuten noch eingehenderen Unterricht im Diebstahl geben lassen?"
„Du sollst nicht nach dem Scheine urteilest, liebe Eve- line", sagte er mit auffallendem Ernst, „es sind ein paar unglückliche Menschen, denen das Schicksal gar arg niit- gefpielt hat. Sie verdienen unser Mitleid uni» nicht unseren Svott."


