Mittwoch de» 31- August./^
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Hin angenehmes Grke. I
Humoristischer Roman.
Von Victor von Reisner.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Bisher hatte er absichtlich gezögert, in Mariance oder Stepenavze anzufragen. Wenn sich der Vater wirklich dort befand, dann war vorauszusehen, daß er das Suchen nach ihm falsch uuffassen und so auslegen würde, als ob man ihn dadurch in der gongen Gegend lächerlich gemacht hätte. Schon der Mutter wegen durfte er es aber nun nicht länger hinausschieben, und so schnell es die Dunkelheit gestattete, fuhr er alsbald gegen Mariance. Vor dem Pfarrhaus angelangt, warf er dem Burschen die Zügel zu, sprang behende vom Wagen herab und stürmte durch das weit offen stehende Tor gegen die Eingangstür. Die Glocke schrillte durch das Haus, und bald daraus erschien, ein flackerndes Talglicht in der Hand, schlürfenden Schrittes Frau Mara und erkundigte sich durch die geschlossene Tür, wer denn im Sterben liege?
„Machen Sie nur auf! Ich bin es — von Höchstfeld!" rief ihr Erich zu.
Sie öffnete spaltenbreit.
„Liegt vielleicht bei Ihnen eines im Sterben?" fragte sie nochmals, denn daß sie den Pfarrer zu solcher Stunde aus einem anderen Grunde aufwecken wollte, schien ihr ganz undenkbar.
„Das nicht", sagte Erich, „aber. . ."
„Gott sei Dank", atmete sie auf, „Hochwürden hätte sich jetzt auch wohl kaum erwecken lassen. Er ist vor kaum zwei Stunden vom Herrn Grafen zurückgekommen und schläft jetzt den Schlaf des Gerechten."
„Missen Sie vielleicht, ob auch mein Vater dort war?" fragte Erich atemlos.
„Wie soll tcE)i das wissen?" entgegnete sie entschuldigend, „wenn Hochwürden vom Herrn Grasen kommt, dann singt er nur."
Erich begriff, daß er durch weiteres Fragen nur unnötigerweise kostbare Zeit verlieren würde, und so entschloß er sich zum Weitersahren.
Der Weg von Mariance nach Stepenavze führte mitten durch den Wald, und immer noch mit der Möglichkeit rechnend, daß sich der Vater vielleicht doch verirrt haben könnte, hielt er von Zeit zu Zeit an und rief dessen Namen in den bereits grauenden Tag hinein.
Um vier Uhr fuhr er durch Stepenavze, wo die Bauern bereits zur Tagesarbeit rüsteten. Es siel ihm auf, daß sich die Leute vielmehr scheu beiseite drückten und taten, als ob sie den vorüberfahrenden Wagen gar nicht hörten.
Dies beunruhigte ihn dermaßen, daß er, ohne sich
eigentlich darüber Rechenschaft zu geben, anhielt und einige der Bauern heranwinkte.
Nur widerstrebend folgten sie seiner Aufforderung und! blieben dann in angemessener Entfernung scheu stehen.
„Wißt Ihr vielleicht, ob der Herr Graf heute nacht Gäste gehabt hat?" erkundigte er sich bei ihnen.
„Unser hochwürdigster Herr Pfarrer war bei ihm", entgegnete ihm einer nach längerem Zögern.
„Und nicht auch mein Vaters" fragte Erich mit vor? Aufregung zitternder Stimme.
Sie schauten sich verstohlen an und zuckten nichtswissend mit den Achseln.
In namenloser Angst fuhr Erich weiter und hielt nach kaum zehn Minuten auf dem Schloßhof.
Auch hier kamen ihm die Leute mit ihn seltsam berührender Scheu entgegen, und es bedurfte erst eines ganz energischen Befehls, ehe sich einer entschloß, den Grafen durch seinen Kammerdrener wecken zu lassen.
Graf Stepenaz verwunderte sich nicht wenig über diesen so ungewöhnlich frühzeitigen Besuch, der doch entschieden nur durch ein außergewöhnliches Ereignis veranlaßt sein konnte.
So schnell als nur möglich kleidete er sich an und ging nach dem Empfangszimmer, wo indes Erich voll Unruhe auf- und niederschritt.
Als er den Grafen kommen hörte, ging er ihm auf halbem Wege entgegen
„Verzeihen Sie die Störung", entschuldigte er such, „aber ich weiß nicht mehr, wo ich sonst nach ihm suchen soll — war mein Vater vielleicht diese Nacht bei Jhnen«^
Stepenaz starrte ihn ganz verständnislos an.
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^Ja. Er ist gestern gegen abend fortgegangen und seitdem nicht zurückgekehrt — Sie können sich also unsere schreckliche Aufregung erklären."
„Warten Sie, warten Sie, ich kann Ihnen nicht so schnell folgen", gestand Stepenaz freimütig, „wir haben heute nacht so vielen Flaschen die Hälse gebrochen, daß mir der Schädel ganz gewaltig brummt."
„Und mein Vater war auch dabei?" drang Erich in ihn.
„Nein, mein Sohn, nur ich und der Pfarrer. Aber warten Sie, warten Sie, wie sagten Sie doch — er ging schon geftern nachmittag fort?"
„Gegen abend", berichtete Erich.
„Und hat er nicht erwähnt, wohin er wollte?"
„Er ging nach dem Wald, um ein paar Hasen zu schießen, und seit dieser Zeit hat ihn niemand gesehen."-
Der Graf packte Erich plötzlich bei der Hand und starrte völlig entgeistert vor sich hin.
' „Nein, nein", lallte er dann, „es ist ja nicht möglich, meine Leute müßten ihn doch kennen!" — und Erich wieder loslassend, stürzte er nach dem Fenster, um mit wahrer Stentorstimme auf den Hof zu rufen: „Stevo, der Waldhüter, soll auf der Stelle zu mir heraufkommen!"


