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Cbjettto läßt sich nur ansüh-reu, daß die jetzigen Darsteller in bet’ Regel über eine höhere geistige Bildung verfügen als ihre Vorgänger, und daß die Spezialisierung der Rollenfächer dieFähigkeit, bestimmte Gebiete vollkommen zu beherrschen, befördern muß. Es wäre daraus zu schließen, daß die Leistungsfähigkeit im allgemeinen gestiegen sein müßte; aber die starke Vermehrung der Theater und das zahlreichere Personal, dessen sie sich bedienen, hat es bewirkt, daß mit den wirklich talentvollen und genügend ausgebildeten Darstellern der Bedarf nicht entfernt gedeckt werden kann, und so ist die Klage allgemein und berechtigt, daß kaum noch eine Bühne imstande ist, eine völlig genügende Besetzung eines großen Dramas zu bieten.
Entschiedene Fortschritte bedeuten dem gegenüber die Znrückdrängung der hohlen Rhetorik und des Virtuosentums, die sorgfältigere Pflege des Zusammenspiels und das Streben nach intimer Wirkung durch feine Seelenmalerei und stimmungsvolle, historisch getreue und der Wirklichkeit entsprechende Bühnenbilder. Dem Regisseur wird jetzt die ihm zukommende und nötige Gewalt zugestanden, um boS~ Zusammenwirken der mannigfaltigen Kräfte vor und hinter bett Kulissen durch seinen Willen zu regeln und so dem Kunstwerk zu einer einheitlichen, den Absichten des Dichters entsprechenden Verkörperung zu verhelfen.
Ter kostspielige äußere Apparat, die Steigerung der Anzahl des Personals und seiner Entlohnung, die infolge des Wettbewerbs um jeden einigermaßen brauchbaren Schauspieler ins Ungemessene geht, haben die Ausgaben der Theater gewaltig erhöht. Dadurch ist die Rücksicht auf die Einnahmen noch weit zwingender als früher geworden, auch für Theater der Höfe; denn trotz der ihnen gewährten Subventionen sind sie doch auch mehr als je auf die Eintrittsgelder angettnesen, weil der Zuschuß stets nur einen Bruchteil der Kosten deckt.
So wird allen Theatern der Charakter des Erwerbs- ittstitnts schärfer als je zuvor aufgedrückt, und an wenigen Stellen gelingt es, mit verständnisvollem Ausgleich der materiellen und der idealen Interessen das Kunstwidrige völlig fernzuhalten und den herabziehenden Neigungen der großen Masse zu widerstehen.
Nttr die Bühnen, die in diesem vornehmen Sinne gegleitet werden, sind ohne Einschränkung als Kunststätten und 'wertvolle Faktoren des nationalen Geisteslebens anzuerkennen. Nur sie vernrögen es, auf ihr Publikum einen ungestörten ftarfcn, veredelnden Einfluß auszuüben. Doch ist auch bei der Nachgiebigkeit gegen das Unterhaltungsbedürfnis, die von der großen Mehrzahl der Theater geübt wird, eine höhere Tendenz nicht ausgeschlossen, und neben faden Schwänken und lasciven Operetten sehen wir vielfache an derselben Stätte ein erfolgreiches Bestreben, wertvolle Werke in würdiger Form zu bieten: ein Kompromiß, das durch die doppelte Mission der Mhne der Neuzeit bedingt ist.
Tie Forderung, die leichte Ware, Schwank, Posse und Operette, völlig zu verbannen, kann fast nirgenos erfüllt werden. Ein clllzu großer Teil des Publikums verlangt am meisten nach dieser Kost, und nur das eine ist anzustreben, daß das Verhältnis der künstlerisch wertvollen Darbietungen zu den wertlosen so günstig gestaltet werde, als es irgend möglich ist. Die Klage, daß das Publikum der Gegenwart an dem Guten weniger Gefallen finde, als das der Vergangenheit, wird durch eine unparteiische Prüfung der Tatsachen widerlegt. Zu keiner Zeit haben die Werke der Klassiker Wck> der ernsten Dramatiker der neueren und neuesten Zeit so ernste Pflege gefunden wie jetzt. Unter Goethes Leitung tvuroen auf dem Weimarer Hoftheater den Dramen Shakespeares, die man wohl als zuverlässigen Maßstab betrachten darf, jährlich im Durchschnitt zwar bis drei Abende gewidmet, eine Zahl, die jetzt häufig verzehnfacht erscheint. Daß ein dressierter Hund oder ein Affendarsteller in eigens für sie geschriebenen Stücken eine der besseren Bühnen Deutschlands beträten, wie es noch vor siebzig Jahren geschah, erscheint völlig ausgeschlossen.
In dieser Beziehung hat sich der Geschmack des Publikums sicherlich gehoben, und wenn jetzt andererseits die sinnlose Komik und die Spekulation auf die Lüsternheit widerwärtiger und raffinierter als früher auftreten, so muß doch wenigstens zugegeben werden, daß, abgesehen von einzelnen Großstadtbühnen, in dieser Hinsicht in dem letzten
Zeitraum kein weiteres Sinken zu bemerken ist, während andererseits das Interesse an den edleren Gattungen zu steigen scheint. Gerade in diesem wichtigen Punkte kann fieilich das Urteil, wenn es sich auch auf Beobachtungen an einer Reihe von Orten stützt, keine allgemeine Giltigkeit beanspruchen; denn die lokalen Verhältnisse sind zu verschieden. Die ringenden Gegensätze von erstarrter enger Kunst- und Weltanschauung, krassem Materialismus und neu erwachtem Streben nach Schönheit, Verinnerlichung und Vertiefung hüllen die Gegenwart, chren Kampfplatz, in undurchsichtige Staubwolken, zumal auf dem Gebiete derjenigen Kunst, die wehr als irgend eine andere für Schaffende und Genießende zeitlich bedingt ist. Wer der Streit selbst, das eifrige Parteinehmen, ist doch ein Zeichen dafür, daß das lebendige Interesse im Steigen begriffen ist, und damit wird die erste Vorbedingung verständnisvollen Genießens und der Abwendung vom leeren Sinnengenuß in höherem Maße erfüllt.
Ter Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet; es steht ihm nur zu, die Zeichen der Vergangenheit auszulegen, und zumal in der Kunstgeschichte ist das Prophezeien in die Zukunft hinein ausgeschlossen. Nur so viel läßt sich sagen, daß das 19. Jahrhundert nach langer Vernachlässigung wieder begonnen hat, den Boden für die Kunst großen Stils zu bereiten, und daß so sein letztes Mühen für das Drama nicht unwirksam gewesen ist. Ob es fruchtbar sein wird, ob aus den umgepflügten Schollen eine neue Saat aufsprießt, das steht bei denen, die dieses Erdreich ferner anbauen und mit der schaffenden Sonnenwärme des Genius ihm neue Ernten abgewinnen werden.
Hamburg, d« schöne Stadt.
lFrei nach Wedekind.)
Hamburg, du schöne Stadt, eh, Du mon dien, mon dien, Die viele Schwestern hat, eh Du mon dien.
Sind oft erst achtzehn Jahr,
So etwas bringt Gefahr, sacre dl bleu!
Krank liegt ein Junggesell, eh Du mon dien, mon dient Gleich ist die Matd zur Stell, eh Du mon dien!
Tags kriegt er Rizinus
Und auf die Nacht en Kuß. sacre di bleu!
Kommt Doktor Roofen her, eh Du mon dieu, mon dient Ist gleich entrüstet sehr, eh Du mon dieu 1
Läßt 'ne Broschüre los: „Schwestern sind sittenlos", sacre di bleu!
Aber der Weise spricht: eh Du mon dieu, mon dien, „Mach keen Gefibe nicht!" eh Du mon dien I
’n Kuß von 'nem Mädchenmund
Macht schneller wie'n Arzt gesund I sacre di bleu! („Münchener Jugend.")
a/m ä / zn r
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(Anfidsung in nächster Nummer.)
Auflösung des Festrätsels in vor. Nr.t Ostern (Stern OI)
Redaktion- Akuult GStz. — Rotalivusdruck und Verleg der Brühl'scheu lluiuersttäts-kuch- und Steindruckerri. N. Lange, Vietze«


