Ausgabe 
31.3.1904
 
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a>a» deutsche Arama im 19. Aayryundert.

Von Prof. Tr. Georg Witkowski.

Gar beliebt ist es beim Publikum, über den Verfall unseres Theaters zu klagen und darauf hinzuweisen, wie früher die Verhältnisse so viel besser, die Gesinnung so viel idealer gewesen sei. Das mag in» einzelnen Falle richtig sein, im ganzen scheint bei einer objektiven Würdig­ung des gesamten Tatsachenmaterials die Sache doch anders zu liegen. Wenigstens kommt der bekannte Literarhistoriker Professor Witkowski zu diesem Ergebnis in seinem Buche über das deutsche Drama, das soeben in der Sammlung Aus Natur und Geisteswelt" (Verlag von B. G. Teubner in Leipzig) erscheint. Wir geben in nachstehendem seine Ausführungen über das Ergebnis des Jahrhunderts für das Drama wieder und möchten bei dieser Gelegenheit auf das sehr interessante und über die Entwicklung des deutschen Dramas vorzüglich orientierende, dabei sehr billige Buch (Preis geb. 1,25 Mk.) empfehlend Hinweisen.

Tie Frage, welche Bedeutung den» neunzehnten Jahr- hundert in der Geschichte des deutschen Dramas zukomme, ist nicht leicht zu beantworten, weil eine Anzahl verschieden­artiger Faktoren dabei in Rechnung zu ziehen sind.

Am meisten wird für das Urteil die Entwicklung der höchsten Gattung, der Tragödie, ins Gewicht fallen. Ihre vorherrschenden Kunstfvrmen blieben in dein größten Teile unseres Zeitraumes im wesentlichen unverändert. Die Ver­suche, dem klassischen Schönheitsideal neue, romantische, realistische imb naturalistische Gestaltungsarten gegenüber­zusetzen, haben zu keinem allgemein anerkannten Ergebnis geführt, imb die Einschätzung ihres Wertes ist von theo­retischer» Voraussetzungen, vom Parteistandpunkt bedingt. Für die wichtigste Funktion, die dem Drama in» Gesamt- kreis der Künste zufällt: durch sichtbare Vorführung innerer und äußerer Vorgänge auf die breitesten Schichten des Volkes eine unmittelbare tiefe ästhetische Wirkung auszuüben, kommen heute noch neben den großen Werken der klassischen Zeit nur Kleist und Grillparzer in Betracht, während sich für Hebbel und Ludwig erst ein größerer Kreis von ver­ständnisvollen Anhängern bildet. Hauptmanns Dranien sind noch zu jung, als daß sich! erkennen ließe, welche jend- giltige Bedeutung den großen Erfolgen einzelner von ihnen beizumessen ist, und noch weniger läßt sieh irgend ein an­deres Werk der Gegenwart als dauernder Zuwachs zu dein Bestände der Vergangenheit bezeichnen. So hat das höhere Drama weder gesicherte formale Fortschritte noch eine der Zahl nach bedeutende Vermehrung an Besitzstücken zu ver­zeichnen.

Im Gegensatz dazu brachte dem Musikdrama das neun­zehnte Jahrhundert, über Mozart hinausfchreitend, ein Werk von hoher Bedeutung, BeethovensFidelio", und einen neuen Stil, den romantischen. Er wurde von zwei großen Meistern, Weber und Wagner, zu einem Gipfel der Aus­bildung geführt, der, wie es scheint, nicht zu übersteigen ist. Nach langem Kampfe ist jetzt die Ueberzeugung allgemein anerkannt, daß Wagners Tondichtungen die höchste Leist­ung des Jahrhunderts auf ihrem Gebiete bedeuten.

Tie mittleren Gattungen, Schauspiel und Lustspiel, deren Wert und Wirkung wesentlich durch Stoffe und Technik bedingt wird, haben sich über die durch Jsfland und Kotzebue erreichte Stufe in zwei Absätzen erhoben. Zuerst als dasJunge Deutschland" und seine Nachfolger sich von dein französischen Jntriguenstiick die gewandtere Führung der Handlung und des Dialogs aneigneten, das zweitemal durch, den Einfluß Ibsens und des Naturalismus, indem der Stoffkreis durch sittliche und soziale Probleme der Gegenwart erweitert, die Charakterzeichnung vertieft und erhöhte Jllufion mit Hilfe einer der Wirklichkeit an­genäherten analytischen Technik bewirkt wurde. Die mitt­leren Gattungen sind ihrem Wesen und ihren Gegenständen nach so sehr von den Zeituinständen bedingt, daß sie nur selten Werke von langer Lebensdauer hervorbringen, und deshalb darf das Erreichte hier nicht nach der Zahl der bleibenden Erscheinungen bemessen werden. Die Steiger­ung des Durchfchnittskönnens ist aber unverkennbar, wenn wir die Arbeiten der besten Schauspiel- und Lustspieldichter der Gegenwart mit denen chrer Vorläufer vergleichen.

Dagegen bietet der Schwank, die Posse und das Volks­stück das Bild stetigen Verfalls, der durch einzelne besser gesinnte oder hoher begabte Dichter nicht aufgehalten wurde. Tie künstlerischen Forderungen, die aus der dramatischen

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Form und dein Wiesen des ästhetischen Genusses herfließen, sind als unnützer Ballast über Bord geworfen worden, und oberflächlichste Unterhaltung durch gehaltlose fiemtt, weichliche Sentimentalität oder auch durch unsittliche Mittel ist das einzige Ziel.

Tas 19. Jahrhundert hat dem deutschen Drama einen an Zahl großen Zuwachs gebracht; aber es ist zu berück­sichtigen, daß unser Zeitraum in bezug «uf die herrschende Kunstrichtung ohne starke Verschiebung verlief. So bald diese sich durchsetzen, wird ohne Zweifel fast alles, was der untergehenden Anschauung angehört, in Vergessenheit sinken. Tie Erfahrung früherer Zeiten lehrt, daß nur die wenigen Werke von überragendem absoluten Kunstwerk oder hoher Gehalt an allgemein menschlicher Bedeutung dein Wechsel der Zeiten trotzen. So darf man schon jetzt auch den meisten älteren, heute noch häufig aufgeführten Dramen den sicheren Tod prophezeien. In erster Linie wird dieses Schicksal den älteren bürgerlichen Schauspielen und Lust- spielen beschirden sein, die in Psychologie und Technik auf einer niedrigen Stufe stehen.

Würde das Gesamtergebnis des Jahrhunderts auf un­serem Gebiete nur durch Umfang und Wert des Zuwachses an neuen Werken bestimmt, so könnten wir hier abbrechen. Aber auch die beiden anderen Faktoren in der Geschichte des Dramas verlangen Berücksichtigung: die Schauspielkunst und das Publikum.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts besaß das deutsche Schauspiel kaum einen einzigen würdigen Tempel. In ähn­lichen, unbequemen, spärlich beleuchteten Räumen versam­melten sich die Zuschauer, die Bühne bot der Illusion nur durch schlecht gemalte Kulisse»» und Prospekte eine geringe Unterstützung, an historische Treue in der Ausstattung und den Gewändern wurde nicht gedacht. Das Personal war klein an Zahl, die Darsteller mußten die verschiedensten Rolle»» übernehmen und hatten allenthalben auch in der deutschen Oper mitzuwirken, die nur selten über einige ge­schulte Sänger verfügte. Die wenigen stehenden Theater mußten sich selbst erhalten; nur einzelne Höfe spendeten eine»» kleinen Zuschuß. Doch waren die Kosten infolge der Einfachheit des äußeren Apparates imb der geringen Ent­lohnung der Schauspieler nicht sehr hoch Diese waren froh, wenn sie ein sicheres Unterkoinmen und eine be­scheidene Existenz fanden.

Heute besitzen alle großen und mittleren Srädw Deutsch­lands würdige, oft prachtvolle Schauspielhäuser. Die Bühnen verfügen über eine komplizierte Maschinerie, über künstlerisch gemalte Dekorationen von tauschender Wahrheit, über eine sehr große Anzahl von Ausstattungsgegenständen und kostbaren, historisch treuen Kleidungen. So groß dieser Fortschritt auch erscheint, so bringt er doch de»» Nachteil in seinem Gefolge, daß die schnellen Verwandlungen inner­halb des Aktes durch den großen Apparat, der jedesmal in Bewegung gesetzt wird, unmöglich sind, was namentlich bei den älteren Stücken die Stimmung unterbricht, die Akte in eine Reihe gesonderter Abschnitte zerreißt und so das Gefühl für den architektonischen Aufbau des Dramas zerstört. Tie neuesten Dramatiker haben sich den gegebenen Ver­hältnissen dadurch anzupassen gesucht, daß sie die Ver­wandlung innerhalb des Aktes vermeiden und womöglich die ganze Handlung in demselben Raume vor sich gehen lassen, ein Verfahren, das durch die moderne Technik, welche nur das letzte Stadium der Handlung auf die Bühne bringt, begünstigt wird.

Tie Vergrößerung des Vühnenraumes, die mit Rücksicht auf die Oper vorgenommen wurde, beeinträchtigt das in- time Zusammenspiel, während die weiten Zuschauersäle der neueren Theater den Schauspielern den Kontakt mit dem Publikum rauben und sie zwingen, in Sprache und Beweg- ung das natürliche Maß zu überschreiten, damit Wort und Geste aus allen Plätzen erfaßt werden. ®i«e Abhilfe dieses argen Uebelstandes ist wenigstens für die großen Städte, die für das Schauspiel besondere, kleinere Häuser erbauen können, Umsomehr zu erhoffen, da die Hauptrichtung der Schauspielkunst jetzt auf gesteigerte Verfeinerung des seeli­schen Ausdrucks und auf suggestive Wirkungen hinstrebt.

Ta die Leistungen der Schauspieler nur iit den von ihnen bewirkten subjektiven Eindrücken fortleben, so ist ein Vergleich des früheren und des heutigen Könnens irn all­gemeinen ausgeschlossen. Selbst den Aussagen desselben Zeugen ist auf diesem Gebiete nicht zu trauen, da die ersten Eindrücke die stärksten sind und die Jugend weit leichter zur Begeisterung entzündet wixd als das bedächtige Mter.