Wr. 49
1904.
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(Nachdruck verboten.)
Jm Wakali der Majah.
Roman von B. M. Croker.
Genehmigte Uebertragung von A. Vischer.
(Fortsetzung.)
Erasmus bescyäftigte sich nicht nur damit, Arzneien in feiner kleinen Apotheke zu bereiten, sondern er herrschte auch mit unumschränkter Gemalt und eisernem Szepter über die Frauenabteilung des Pestlagers. Er erließ Verordnungen und Befehle, schnauzte seine Gehilfen an und strafte Leden Ungehorsam, jede Nachlässigkeit und Versäum- nis mit unnachsichtlicher Strenge. Tabei war er ein großer, kerngesunder, mit ungeheuren Körperkräften ausgestatteter Mann. Täglich machte er mehrmals seine Rundgänge durch die Krankenstuben, befühlte den Puls und besichtigte die Zungen, wobei er Drohungen und Ermutigungen, Ratschläge oder Ermahnungen austeilte, und ich bin fest überzeugt, daß manche Patientinnen allein nur aus zitternder Furcht vor Erasmus am Leben geblieben sind. Erlaubte er doch keiner von ihnen, sich der Todesangst zu überlassen, und schon der Ton seiner Stimme rüttelte sie aus ihrer gefahrbringenden Schlafsucht aus.
Seine Personal an Pflegerinnen, das zum Teil der niederen Kaste angehörte und müde und überarbeitet war, erwies sich vollends ganz als weiches Wachs in seiner Hand. Ta war vor allem Mrs. Manuel, die Frauenärztin, die doch seine Vorgesetzte war, die er aber aufs schmählichste unterdrückte und mit der größten Mißachtung behandelte. Ferner waren noch vier indische Berufspflegerinnen mit ihren Gehilfinnen da, doch genügten diese bei weitem nicht für die große Zahl der noch täglich neu eingehenden Kranken. Kein Wunder also, daß der 2lpo- theker sich sofort nach Mr. Thorolds Abgang mit einer wahren Wut meiner bemächtigte.
Zuerst führte er mich in sein eigenes Heiligtum und ließ mich an seinem Wendessen teilnehmen, das aus scharsgewürztem, in Fleischbrühe gekochtem Reis und vorzüglich duftendem Kaffee bestand, für den ich ihm von Herzen dankbar war. Nachdem wir unter feierlichem Schweigen unser Mahl eingenommen hatten, mußte ich ihm dann eilig in das Operationszimmer folgen, wo er mich mit einem scharfen, einer Stopfnadel ähnlichen Instrument gimpfte, das er mit sichtlichem Vergnügen in das zuckende letsch meines Armes stieß. Hierauf erteilte er mit lauter türmte in einer mir fremden Sprache einen Befehl, und nach kurzer Zeit erschien in atemloser Hast eine kleine Frau in grauem Kleide und unterwürfiger Haltung unter der Türe.
„Mrs. Manuel, hier ist eine Probeschwester für Sie", verkündigte Erasmus mit der Haltung eines Herrschers, he« einem Sklaven eine Gunst erweist-
Mrs. Manuel war von tiefdunkler Farbe. Ihr schwarzes Haar trug sie glatt aus der hohen Stirn zurückgekämmt, und aus dem klugen aber häßlichen Gesicht funkelten die. kleinen runden Augen wie zwei schwarze Schuhknöpfe. Einen Augenblick sah sie mich staunend an und blickte auf meinen modernen Hut, meinen seidenen Staubmantel und meine hübschen braunen Schuhe — Bestandteile meiner Hochzeitsaussteuer.
„3, ja, nicht wahr", fuhr Erasmus fort, „sie sieht nicht aus wie eine vielversprechende Krankenpflegerin. Ihre Ajah ist an der Pest erkrankt, und Mr. Thorold brachte sie selbst von Postbungalow herüber. Morgen können Sie Miß Ferrars in Baracke Vier unterbringen. Führen Sie sie jetzt in ihr Zimmer."
„Jawohl, Mr. Erasmus! . . . Gewiß, Mr. Erasmus! Mer in was für ein Zimmer?" fragte die Doktorin schüchtern.
„Nun, in Miß Smiths Stube, natürlich; eine anbete gibt es ja nicht. Und sollte ihr die nicht behagen" —i er warf mir einen wilden Blick zu — „so bleibt ihr ja immer wieder der Postbungalow . . . Morgen früh, punkt acht Uhr, haben Sie sich bei mir zu melden, dann werde ich Sie mit Ihren Pflichten bekannt machen. . . Ihr Abendessen hat sie bereits gehabt, Mrs. Manuel."
Nock; eine hoheitsvolle Handbewegung, und wir waren beide entlassen und standen im nächsten Augenblick draußen, in der milden, dunkeln Nacht.
„Haben Sie in Ihrem Leben schon ein solches Ungeheuer gesehen?" rief meine Führerin jetzt, während sie mich zwischen zwei Reihen niedriger Baracken hinführte..
„Er hat allerdings eine ansehnliche Größe."
„Ja, und fett ist er wie ein Mastschwein; allein ich meine seine Mameren!"
„Ach so; mir scheint, er hat überhaupt keine."
„Ja, da haben Sie recht, und nach seinen Reden könnte man annehmen, er sei der Arzt und ich der Apotheker."-
„Tas Hütte ich allerdings gedacht."
„Und doch bin ich diejenige, die studiert und in Cal- cutta das Doktorexamen gemacht hat, während er der Sohn eines Koches in Chitagong ist." Sie bebte vor Zorn. „Er tyrannisiert auf unerhörte Weise dieses Lager, wenigstens die Jrauenabteilung. Jedermann fürchtet ihn. Ec. brüllt und tobt aber auch wie ein rasender Büffel."
„Sicherlich tut er aber nicht bloß das."
„Ja gewiß, er ist ein kluger Mensch und hat viel Erfahrung, das gebe ich zu. Wer auch ich fürchte mich vor ihm und finde niemals den Mut, meine Stellung ihm gegenüber zu wahren. . . Sie sind also eine freiwillige Krankenpflegerin?"
„Ja, und eine sehr unerfahrene. Jede Belehrung und Anweisung, die Sie mir zu teil werden lassen, nehme ich aufs danwarste an."
„Gut, gut, das wird sich schon alles machen; wir bedürfen dringend der Unterstützung . . . Hier ist Ihre


