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wagen in jeder Forin und Größe, alte Postwagen, mir netten man über Land reiste, Lokomotiven ans jedem Jahrzehnt, leichte Landwegen, die sogenannten „Bnggies", wie sie noch jetzt hier von jedermann gefahren werden, imb die oft verblüffenden Wunder der modernen Automobil-Technik--sie alle geben in
ihrer Gesamtheit ein anschauliches Bild der großartigen Entwicklung, die das Besörderungswesen im Zeitalter des Verkehrs durchgemacht hat. Die meiften Beschauer lockt aber doch der Pullmann-Zug an.
Das Eisenbahnwesen ist hier anders organisiert als in Deutschland. .Die Bahnen sind Privateigentum, die sich untereinander ziemlich heftige Konkurrenz machen und sehr verschieden in ihrer Qualität sind. Fast alle jedoch führen in ihren besseren Zügen übereinstimmend Pullmaun-Wagen. Diese gehören einer besonderen Gesellschaft, deren ungeheure Fabrikanlagen eine eigene Stadt dicht bei Chicago bilden. Sie sind nur gegen ein besonderes Zuschlagbillett zugänglich, das man sich direkt in den Bureaus der Pullmann-Gesellschaft lösen muß. Bei dem höchst fragwürdigen Zustand der amerikanischen Eisenbahnen wird der europäische Reisende der besseren Stande das fast immer tun müssen. In Deutschland werden zwar stets Wanderdinge von den amerikanischen Eisenbahnen berichtet, aber in Wirklichkeit sieht es ganz .anders aus. Man kennt hier nicht die Einteilung .der „Coupss", sondern der ganze Wagen bildet einen einzigen großen Raum, in dem auf Querbänken etwa 80 bis 100 Personen Platz haben. Die bei uns, besonders bei längeren Reisen, so beliebte und gern mit Trinkgeldern erkaufte „Einzelhaft" ist daher ebenso wenig möglich ivie ein behagliches Ausruhen, da hierzu die entsetzlich schmalen Sitze völlig unbrauchbar sind. Schreit bei uns ein kleines Kind, so kann es höchstens die fünf oder sechs Personen im gleichen Coups belästigen. Hier müssen immer alle Insassen des ganzen Wagens unter einer schlechten Zigarre ober einer Käsestulle leiden!
Man tut deshalb wirklich .gut, sich "in den Pullmaun-Wagen zu flüchten, wo man wenigstens einige Bequemlichkeit hat. Betrachtet mau den Pullmann-Zug in 'der .Äusstelluitg, so muß matt freilich glauben, daß das Reisen in Amerika beinahe eine Erholung sei. Er gleicht einer ganzen höchst luxuriös aus- gestatteten Wohnung. In einem geräumigen Salon steht eine große Anzahl beweglicher, bequemer Fauteuils und Lehnsessel, im Eßzimmer befindet sich in der Mitte ein richtiger großer, breiter Speisetisch und die Küche weist eine Ausstattung auf, daß einem das Wasser im Munde zusammenläust, wenn man daran denkt, was hier alles gekocht werden kann. Auch Baderäume sind im Zuge, eine Bibliothek und sogar ein Barbiersalon. In dem Schlafwagen stehen in jedem Zimmer zwei Breite, bequeme Betten, die durch eine mit lausendem kalten und warmen Wasser versehene Waschtoilette getrennt sind.
Tas sieht alles sehr verlockend aus. Aber leider bekommt der gewöhnliche Reisende von diesen Wagen, die für die amerikanischen Milliardäre bestimmt sind, nichts zu sehen. Tie üblichen Pullmann-Schlaswagen, die allgemein im Betrieb sind, "sssben vielmehr weit hinter unseren deutschen Schlafwagen zu- ruck. Sie haben nicht die bei uns gebräuchliche Einteilung mit zwei oder höchstens vier Betten, sondern nicht weniger als vierundzwanzig Personen — Männlein und Weiblein bunt durcheinander — schlafen in einem einzigen Raume und sind nur durch Vorhänge von einander getrennt. Hinter diesen Gardinen, die unmittelbar, ohne auch nur einen Schritt Raum zu lassen, peben dem Bett hängen, muß man sich aus- und anziehen. Man muß also seine Toilette tatsächlich liegend vornehmen, da auch nicht der geringste andere Raum vorhanden ist. Ta immer zwei Betten übereinander sind, so kann man sich noch nicht einmal aufrecht hinfetzen, und es gehört entschieden eine dem Europäer leider fehlende turnerische Spezial-Ausbildung dazu, diese Manipulation vorzunehmen, ohne sich den Schädel einzurennen. Hat man sich am Morgen notdürftig angekleidet — aber wirklich nur sehr notdürftig — so begibt man sich in den am Ende des Wagens telegenen Waschraum. An der ein n Seite für Herren, an der anderen für Damen! Die Amerikaner, besonders die, die Europa nicht kennen, erklären ihre Schlafwagen für die besten und bequemsten der ganzen Welt. . . .
«n. Am ganzen Eisenbahnwesen der Vereinigten Staaten hält die Wirktichkeit niemals, was die Ausstellungen und Ankündigungen versprechen Was ist nicht alles über die Schnelligkeit der ameri- kamfchen Bahnen gefabelt worden! Und wie steht es damit tatsächlich? Der schnellste Zug, der zwischen St. Louis und Chrmgo verkehrt, legt die 455 Kilometer lange Strecke in acht Stunden zurück, entwickelt also eine fahrplanmäßige Geschwindigkeit von etwa 57 Kilometer in der Stunde. Das ist eine Schnel- ugfeit, die für unsere deutschen Expreßzüge sehr niedrig ist. Die Hauptsache ist tedoch, .daß diese Zahlen alle nur auf dem Jsateer stehen und daß hier fast jeder Zug mit einer Verspätung t>on 10 bis 15 Prozent seiner Fahrzeit einzulaufen pflegt. Es hört sich xa sehr schön an, daß man die 1769 Kilometer lange Strecke von Rewyork bis St. Louis in etwa 30 Stunden durchfährt. Da diese Zuge aber eigentlich immer mit drei bis vier Stimden
Verspätung einlaufen, so ergibt sich daraus', daß es für die amerikanischen Bahnen ganz belanglos ist, wie ihre reklamehaften Fahrpläne lauten.
Der Traum phantasiereicher und gewinnlüsterner Aankees, mit Hilfe von Santos Dumonts lenkbarem Luftschiff eine luftige Schnellbahn - Verbindung mit Europa herzustellen, scheint sich leider in absehbarer Ferne nicht verwirklichen zu sollen. Der wagemutige Brasilianer, der vor wenigen Tagen mit dem neuesten Modell seiner Erfindung hier eintraf, wurde das Opfer eines nichtswürdigen Vandalenstreiches. .In der Nacht kräng' ein vorläufig poch unbekannter Tgter in den ^Schuppen, ist dem der Ballon lagerte, und machte diesen durch eine große Anzahl von Messerstichen völlig .unbrauchbar. Dieser Vorfall £heint sich zu einem bösartigen Skandal entwickeln zu sollen, a eine große hiesige Zeitung mit Entschiedenheit behauptet, daß — Santos Dumont selbst der Täter sei. Er habe sich auf diese Art der Blamage, daß fein Luftschiff doch nicht lenkbar fei, in letzter Stunde entziehen wollen. Diese Anschuldigung hat natürlich große Sensation hervorgerufen. Am beifälligsten ist sie von der Polizei aufgenommen worden, die nun eine annehmbare .Ausrede dafür hat, daß sie auch dieses Mal den Täter wieder nicht finden konnte.
Ob Santos Dumont nun, wenn er sich schuldig bekennt, die von der Leitung der Ausstellung für die .Herbeischaffung des Verbrechers ausgesetzte Belohnung von 1000 Dollars empfängt? Dann wäre sein hiesiges Auftreten wenigstens in einer Beziehung erfolgreich gewesen.
Gesundheitspflege.
Alkohol und Kaffee in ihrer Wirkung auf Herzleiden und nervöse Störungen, von Dr. Hans Stoll in Bad-Nauheim. Der Autor, der .diese Schrift ursprünglich bei den Ministerialbehörden als Denkschrift eingereicht hat, wurde auf Grund dieser Denkschrift vom preuß. Kriegsminister in Audienz empfangen. Es ist dankenswert, daß er sich. entschlossen hat, das Material dem Publikum zugänglich zu Niachen. Die Schrift gehört nicht zu den Aeußerungen einer fanatischen Abstinenzmoral: der Autor glaubt nicht daraii, daß die gänzliche Enthaltsamkeit jemals die breiten Volksschichten durchdringen wird. Dafür gibt er einen neuen Begriff von Zweckabstinenz für alle Herzschwäche, geistig stark arbeitende Personen, welchen er dringend empfiehlt, die Zweckabstinenz von Alkohol und Kaffee ans logischen und gesunsheitlichen Nützlichkeitsgründen zu beginnen, weil sie eine bedeutende Steigerung der Herzkraft zur Folge hat. Hierbei macht die Berliner Autorität Prof. Dr. meb. Mendelfohn auf den neuen Gedanken des Autors aufmerksam, in der Alkoholfrage nicht alle Ursachen der „Nervosität", als unserer Zeitkrankheit, .zu erblicken, sondern weist in seinem Vorwort daraus hin, daß der Autor die allgemeine Aufmerksamkeit auf die „Kasfeetrinkerei" gelenkt hak, als einer der ergänzenden Ursachen des sich mehrenden Herzschlages in den besten Jahren. Der Autor hat in wissenschaftlicher Gründlichkeit ein Material über den „Kaffeegenuß" zufammengetragen, welches allen herzleidenden, Herzschwächen und nervösen Personen viel zu denken geben wird, welchen er dringend empfiehlt, zu reizlosen, natürlich!en Getränken, wieMilch,- Malzkaffes u. ,a. .zurückznkehren, .nm die .Herzkraft zu schonen. Die Schrift ist im Verlag von Hans Friedrich in Berlin-Karlshorst .erschienen.
* Wunde Füße. Die an' den Innenseiten der Eierschalen haftende Haut ist ein gutes Mittel gegen tonnt* gelaufene Füße. Sie wird abgezogen und mit der noch vom Eiweiß benetzten' Seite auf die wunde Stelle geklebt und festgedr'ückt. Man kann bann wieder Strümpfe und Schuhe anziehen.
Bilderrätsel.
Nachdruck verboten
Auslösung des Zahlenrätsels in vor. Nr.: Samuel. Alnra, Mans, Ulme, Esel, Lama,
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Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und T erlag der Brnhl'schcn llnirersttätS.Bnch. nnd Stcindruckerei. R. Lange, Gießen.


